Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.


Zehntausende demonstrierten während der Pandemie regelmäßig auf den Straßen gegen Covid-Maßnahmen. Die Teilnehmer:innen deswegen generell zu Rechtsextremen zu erklären, wäre falsch. Einige hatten sicherlich berechtigte Bedenken. Aber(!): Diese ›normalen‹, politisch nicht organisierten Protestierenden hatten kaum ein Problem, die Straße Woche für Woche stundenlang mit deklarierten Neonazis und anderen Rechtsextremen zu teilen, es ließen sich keinerlei Berührungsängste erkennen. Darauf angesprochen, reagierten viele nicht peinlich berührt, sondern abwehrend und trotzig. Insofern sind solche Allianzen, seien sie auch nur temporär, eine durchaus besorgniserregende Entwicklung, denen es entgegenzutreten gilt. Mit dem Ende der Pandemie ist die rechtsextreme Präsenz wieder zurückgegangen; einen Status quo ante scheint es aber nicht zu geben. Das Ende der Scheu der ›Normalen‹, gemeinsam mit Rechtsextremist:innen öffentlich aufzutreten, zeigt sich auch bei Wahlergebnissen der FPÖ und über ganz Europa hinweg. Niemand scheint mehr Skrupel zu haben, sich als Wähler:in der rechtsextremen FPÖ zu erkennen zu geben.
        Um diese Entwicklungen zu erklären und einzuordnen haben wir mit Isolde Vogel vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ein Gespräch geführt. Sie weist auf die österreichische Besonderheit hin, mit der FPÖ schon seit Jahrzehnten eine rechtsextreme Partei im Parlament und zeitweise auch in der Regierung zu haben; macht auf Traditionslinien in der extremen Rechten aufmerksam, die helfen, so manche aktuellen Tendenzen zu verstehen und erklärt, warum die selbsterklärte ›Neue Rechte‹ nicht ganz so ›neu‹ ist, wie sie gerne behauptet. Der mit dieser Selbstbehauptung einhergehenden Strategie des Versuchs einer Normalisierung des Rechtsextremismus, für die besonders das vorpolitische Feld eine wichtige Rolle spielt, gehen Michael Klein und ich in einem einleitenden Text zum gemeinsam zusammengestellten Schwerpunkt nach.
        Der Versuch einer Normalisierung des Rechtsextremismus passiert aber nicht nur durch scheinbar krude Allianzen bei Demonstrationen, sondern auch durch Initiativen, die hartnäckig gegen (post)moderne Architektur und Baukultur polemisieren und damit Einfluss auf die Gestaltung des gebauten Raums nehmen wollen. Ein zweiter Fokus des Schwerpunkts diskutiert diese Aspekte. Philipp Oswalt plädiert in seinem Beitrag für »die Notwendigkeit symbolischer Eingriffe in schwierige Denkmale«, also in Denkmale mit beispielsweise kolonialistischen oder antisemitischen Ursprüngen oder Bezugspunkten. Eingriffe, die aufgrund der von der Denkmalpflege geforderten ›unverfälschten Bewahrung‹ bisher nur in Ausnahmefällen möglich waren. Oswalt ist seit langem eine der zentralen Figuren in der Debatte um Rekonstruktionsarchitektur, die in Deutschland seit Jahren die Feuilletons füllt. Aktuell ist er einer der Initiatoren der Kampagne Schlossaneignung, die sich dafür einsetzt, »die mit dem Nachbau der Berliner Schlossfassaden erfolgte Preußenverherrlichung aufzubrechen« und einen Ideenaufruf veröffentlicht hat. Eine maßgebliche Stimme in dieser Debatte ist auch Stefan Trüby, der mit seiner Publikation Rechte Räume Politische Essays und Gespräche einen einflussreichen und viel diskutierten Beitrag veröffentlicht hat. Für den dérive-Schwerpunkt hat er einen Beitrag zur Verfügung gestellt, der Argumente und Diskussionspunkte der Kontroverse darlegt. Darin geht es nicht nur um die Objekte, sondern auch um diejenigen, die diese antimoderne Kampagne vorantreiben und finanzieren. Hier zeigen sich immer wieder Verbindungen zum Rechtsextremismus. Einen dritten Beitrag zu diesen Aspekten des Schwerpunktthemas hat Maik Novotny verfasst. Er widmet sich einem Kampf innerhalb der Baukultur, der gegen die moderne und zeitgenössische Architektur gerichtet ist und der – jenseits des gebauten Raumes – von rechter Seite vor allem in Sozialen Medien geführt wird.
        Der dritte Strang des Schwerpunkts wirft einen Blick auf internationale Entwicklungen außerhalb des deutschsprachigen Raums. Irena Pejić, Politikwissenschaftlerin und Soziologin aus Belgrad, zeichnet die Situation der (extremen) Rechten in Serbien nach. Einiges klingt dabei vertraut – der Einfluss der Themen Corona und Migration etwa – anderes, wie die bedeutende Rolle der Kirche ist spezifisch serbisch bzw. osteuropäisch. Den für diese Ausgabe geplanten Artikel über die Situation der urbanen Gesellschaft in Buenos Aires nach der Wahl von Javier Milei reichen wir in der nächsten Ausgabe nach.
        Einen inhaltlichen Beitrag zum Schwerpunkt stellt diesmal auch das Kunstinsert der Künstler:innengruppe Schandwache dar. Auch ihr geht es um Eingriffe in, den Umgang mit Denkmalen, konkret um das sogenannte Lueger-Denkmal. Karl Lueger, ein glühender Antisemit, war von 1897 bis 1910 Bürgermeister von Wien und veranschaulicht, wie sehr in der Verschränkung mit konservativen Positionen ein rechtes, rassistisches Gedankengut mehrheitsfähig werden kann.
        Der Magazinteil dieser Ausgabe bringt Artikel zu zwei Themenbereichen, über die in dérive immer wieder Texte zu lesen sind. Der erste von Paola Alfaro d’Alençon, Nikolaus Podlaha, Franziska Dehm und Carolina Jacob-Reyes stellt zwei Hausprojekte in Santiago de Chile im Kontext von koproduzierter Stadtentwicklung vor und diskutiert, inwiefern diese eine Alternative zur »zunehmenden Individualisierung im neoliberalen Rahmen« sind und ein »transformatives Potenzial freisetzen« können. Der zweite von Laura Colini und Lorenzo Tripodi stellt »Überlegungen über das Potenzial von Nachbarschaften als Bildungsraum für gegenseitiges Lernen an« und zeigt »die entscheidende Rolle neuer Vermittlungskompetenzen und der Mobilisierung von Interessengruppen bei der Umsetzung dieses Versprechens auf«. Den Abschluss bildet eine weitere Folge von Ursula Maria Probsts Serie zu Kunst im öffentlichen Raum. Gesprächspartnerin ist diesmal Mengmeng Wang, Leiterin der Abteilung für Transmediale Kunst an der Academy of Fine Arts in Xi’an.
        Aktuell sind wir gerade in intensiven Vorbereitungen für das kommende urbanize!-Festival (8. bis 13.10.2024), das sich dieses Jahr dem Thema ›Energie‹ widmet. Power to the people!

Christoph Laimer


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