
Editorial dérive 99
In Zeiten großer Verunsicherung und Disruptionen braucht es aufmerksames, kritisches Analysieren, aber ganz sicher gelegentlich auch ein Gegenprogramm, um nicht völlig zu verzweifeln. Diese Ausgabe von dérive bietet so ein Gegenprogramm in Form von mehreren Liebeserklärungen. Da wäre einmal eine Liebeserklärung von Asef Bayat an das Tempelhofer Feld in Berlin. Bayat ist Professor für Soziologie an der University of Illinois, hat aber auch ein Standbein in Berlin und besucht das Tempelhofer Feld regelmäßig. In seinem Essay für dérive hebt er die Qualitäten dieses »spektakulären Ortes«, »der eine einzigartige Körperlichkeit mit einer unübertroffenen Sozialität verbindet« hervor und bezeichnet diese als »Libertopia«, »als Mikrokosmos einer ›guten Gesellschaft‹«.
Tomash Schoiswohl kündigt seinen Beitrag über den Wiener Matzleinsdorfer Platz bereits im Titel als Liebeserklärung an einen Verkehrsknoten an und das, obwohl dieser von Wiener:innen eher als »unbequem, unheimlich, lästig, schmutzig, hässlich, gespenstisch, ungemütlich, laut und eingenebelt« wahr- genommen wird. Doch gerade der Umstand, dass er generell so unbeliebt ist und möglichst ignoriert wird, eröffnet für diejenigen, die ihm ihre Aufmerksamkeit schenken, einen Freiraum.
Die nächste Liebeserklärung gilt dem Schwimmen in städtischen Flüssen. 2024 wurde die Swimmable Cities alliance gegründet, die sich dafür einsetzt, dass Flüsse als »liquid public space« betrachtet werden und das Schwimmen in ihnen (wieder) ein fester Bestandteil des städtischen Alltags wird. Christina Schraml hat mit Vertreter:innen von Mitgliedern der Allianz aus Berlin, London und Wien dazu ein Gespräch geführt.
Ebenso sportlich geht es im Beitrag von Maik Novotny weiter. Skaten ist seit langem ein beliebtes Thema der Stadtforschung, wenn es um Aneignung von Räumen geht. Novotny zeigt sich von »DIY-Spirit und Eigeninitiative, sozialer Kompetenz und Diversität, physischem Erleben von Räumen und Kritikfähigkeit «äußerst angetan und findet: Die Skate-Szene könnte als Modell für eine aktive Stadtgesellschaft gelten.
Wir wechseln von Liebe zu Vernunft und Kritik: Bestand erhalten! Andre Krammer hat ein Gespräch mit Ute Schneider, Leiterin des Forschungsbereichs Städtebau an der TU Wien, geführt und anlässlich der Diskussion um (Teil-) Abriss oder Erhalt der ehemaligen Wiener Wirtschaftsuniversität mit ihr unter anderem über die Frage gesprochen, welche Konzepte es braucht, um Bestandsstrukturen zu erhalten und wenn notwendig zu transformieren.
Die Soziologin und Humangeographin Gisela Mackenroth hat zuletzt mit feministischen Streikinitiativen und urbanen Bewegungen zu Solidaritätsbeziehungen und zur Öffnung demokratischer Teilhabe geforscht. Für die vorliegende Ausgabe schreibt sie über »Solidarität und politische Teilhabe in feministischer Protestkunst« anhand zweier Beispiele: einerseits über Collages-Kollektive, die frankreichweit mit einer »aktivistisch-künstlerischen Praxis von Erinnern« gegen sexistische und patriarchale Gewalt protestieren, andererseits über Performance- und Rechercheprojekte des deutsch- polnischen Protestkunst-Kollektivs Dziewuchy.
Über Formen des Protests berichtet auch die rumänische Journalistin Ioana Gabriela Cherciu. Ihr Beitrag Bukarests verbrannte Wurzeln macht auf die ungeheuerlichen Methoden von Immobilienentwicklern in Bukarest aufmerksam, die seit Jahren Parks und Grünflächen durch Brandlegungen zerstören, um sie als Baugrund nutzen zu können. Anrainer:innen und Umweltschutzorganisationen protestieren gegen diese Verbrechen und die Korruption, die für diesen Skandal mitverantwortlich ist.
Superblocks haben sich in den letzten Jahren ausgehend von Barcelona in zahlreichen Städten zu einem Modell entwickelt, um Quartiere in verkehrsberuhigte Zonen zu verwandeln. Die Kulturpädagogin Angelika Egle berichtet in ihrem Beitrag über mehrere Initiativen in Köln und die Rolle der Stadtpolitik und -verwaltung dabei.
Das Kunstinsert dieser Ausgabe verdanken wir Ricarda Denzer. Ihre »langjährige künstlerische Praxis ist intensiv geprägt von Hören, Horchen, gesprochener Sprache, Mündlichkeit, Oral History, Notationen und Aufzeichnungsmethoden, performativen Vortragsformaten, dem Setting räumlicher, medialer Inszenierung von Gesprächen und Interviews, und der Grenze zwischen dem Fiktionalen und dem Dokumentarischen in der Kunst«.
Aufmerksame Leser:innen des Impressums von dérive werden es bemerkt haben: es gibt seit letztem Jahr ein neues Redaktionsmitglied. Christina Schraml hat Philosophie studiert und das postgraduale Masterstudium European Urban Cultures (POLIS) absolviert. Seit 2012 lehrt sie an der Abteilung Social Design der Universität für angewandte Kunst Wien. In dieser Funktion ist sie seit vielen Jahren auch Kooperationspartnerin des urbanize!-Festivals, für das sie zahlreiche Veranstaltungen konzipiert und durchgeführt hat. Mit dieser Ausgabe dürfen wir ein weiteres neues Redaktionsmitglied vorstellen, und zwar Emilia M. Bruck. Sie forscht und lehrt am future.lab Research Center sowie am Forschungsbereich Örtliche Raumplanung der TU Wien. Der Fokus ihrer aktuellen Forschung liegt in der Raumwirksamkeit von Digitalisierung und Automatisierung, planungskulturellem Handeln sowie Transformationsprozessen. Wir freuen uns sehr über die tolle Erweiterung unserer Redaktion.
Ein weiterer Grund zur Freude erwartet uns mit der nächsten Ausgabe von dérive. Es ist – und wir können es selbst kaum glauben – die Hundertste. Wer auf einen Blick sehen will, über welche Themen wir in den letzten 25 Jahren geschrieben haben: Im hinteren Teil des Hefts gibt es wie immer eine Anzeige mit der Liste aller Backissues. Also nicht vergessen: wenn notwendig, das Abonnement rechtzeitig verlängern, damit die Jubiläumsausgabe im Briefkasten landet, oder ein Abo abschließen.
Bis demnächst
Christoph Laimer
Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.