» Texte / Großer Bahnhof. Eine Ausstellung, die um Jahrzehnte zu spät kommt

Manfred Russo

Manfred Russo ist Kultursoziologe und Sozialforscher an der Universität Wien und ist Professor an der Bauhaus Universität Weimar.


Kassenhalle Westbahnhof, um 10 | © Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik
Kassenhalle Westbahnhof, um 10 | © Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik

Zur neuen großartigen Ausstellung im Wien Museum in einer Kooperation mit dem Technischen Museum lässt sich nur ein Vorwurf vorbringen, nämlich der der großen Verspätung. Dieser kann sich natürlich nicht gegen gegenwärtige Verantwortliche richten, denn diese gehören ja einer Generation an, die offenbar erst wieder Träumer der Eisenbahn hervorgebracht hat – Kinder, die während des Spiels mit der Kleinbahn das Faszinierende an der Sache erspürten – und so in die Lage versetzt wurde, dereinst an das Große der Wiener Bahnhöfe zu erinnern. Der Vorwurf basiert natürlich auf dem Faktum, dass der Hauptgegenstand der Ausstellung, die Wiener Bahnhöfe aus der Gründerzeit, samt und sonders nach dem Krieg ungeachtet ihrer architektonischen Qualitäten der Spitzhacke zum Opfer fielen. Während in anderen europäischen Großstädten wie London oder Paris fast alle Bahnhöfe jener Epoche überlebten und großartig wieder erstanden sind, haben die Wiener als einzige europäische Großstadt den Grand Slam der Bahnhofszerstörung zustande gebracht und sämtliche Großbahnhöfe abgerissen. Selbst in Deutschland bemühte man sich, die meisten Bahnhöfe trotz schwerster Kriegsschäden wiederherzustellen, nur in Wien gelang ein radikaler Kahlschlag, der dem kulturellen Vakuum jener Zeit entsprach. Wenn man bedenkt, dass der großartige Südbahnhof in den 1950er Jahren sogar noch als Bühne für die Präsentation des neuen Blauen Blitzes gedient hat, also für eine Werbeaktion der ÖBB, die wohl nicht in den Verdacht der Verwendung unpassender Sujets geraten kann, und wenige Jahre später dann abgerissen wurde, kann man den damaligen Willen zum Fortschritt erkennen, der sich wohl am besten in der Zertrümmerung klassizistischer Gebäude eines Schülers und Freundes von Theophil Hansen manifestierte.

Der noch prächtigere Nordbahnhof stand als ein fremdartiges Traumzeichen einer Vermählung byzantinischer Baukultur mit der Eisenbahntechnik bis 1965 verlassen da, ehe ihn sein Schicksal ereilte, und ca. zehn Jahre später ging es dem letzten Gründerzeitbahnhof, dem Franz-Josefs-Bahnhof an den Kragen. Im Falle des Nordbahnhofs, der als repräsentatives Symbol der Rothschilds als den Errichtern und Gründern der Nordbahn galt, kann auch die Vermutung stimmen, dass man hier einfach die Spuren der Familie Rothschild tilgen wollte, da schließlich auch die beiden Palais und das Rothschildspital in Währing abgerissen wurden (siehe den Beitrag von Georg Riegele im Katalog). All dies im Zuge eines Modernisierungsprozesses Wiener Prägung, der uns ebenfalls dank der Ausstellung vor allem in Gestalt des neuen Westbahnhofes näher gebracht wird.

Es gibt ein zentrales Foto dieses neuen Bahnhofs bei Nacht, das für sich allein schon den Besuch der Ausstellung rechtfertigt. Es handelt sich beim Westbahnhof nämlich um ein Bauwerk, das in seiner Konzeption auch als „Architektur für die Nacht“ gedacht war und dies durch den für die damalige Zeit unvorstellbar großen Einsatz von Leuchtstofflampen umzusetzen suchte. (siehe den Beitrag von Peter Payer im Katalog) Vielleicht spielte hier auch eine österreichische Abwandlung der Lenin’schen Vorstellung, dass Sozialismus plus Elektrizität den Fortschritt bedeute, eine wesentliche Rolle. Im weiteren Sinne ging es dabei um die Inszenierung eines Wiens bei Nacht, das ein neues weltstädtisches Flair vermitteln sollte. Dies reihte den Westbahnhof als einziges neues Bauwerk für ein Jahrzehnt in den Bilderkanon der Wiener Attraktionen neben Stephansdom und Riesenrad ein, ehe er neuen Bildern weichen musste. Doch bietet dieses Foto dem Betrachter und Autor dieser Zeilen eine fruchtbare Quelle weiterer Anregungen. Denn die Helligkeit dieses Bildes, das ein wenig an die Tradition der Nachtstücke gemahnt, bringt auch die tiefe Abgründigkeit dieser Wiener Moderne ans Licht. Die nächtliche Beleuchtung erinnert uns durch ihre elektrisch erzeugte neblige Fahlheit an ein Licht, dessen Quelle entweder verborgen ist oder die Gegenstände so zum Leuchten bringt, dass ihre Leblosigkeit nicht aufgehoben wird, sondern eher einem postmortalen Lumen entspricht. Es lässt in seiner Beleuchtungstechnik auch zu sehr an den Film Der dritte Mann denken, als dass es mit den üblichen Zuschreibungen der Architektur der Moderne von Licht, Luft und Raum in Einklang zu bringen ist. Diese Doppelbödigkeit der symbolischen Ausstrahlung erfährt eine komplementäre Bestätigung durch die Ansichten bei Tageslicht, die manchen Bildern von modernen Gebäuden zu eigen sind und die ein wenig an Foucaults Vorstellungen des Kontrollraums gemahnen, in dem die Bewegungen der Menschen durch die Geometrie gesteuert werden. Aber vielleicht sind all jene Elemente für eine Akzeptanz moderner Bauten in Wien nötig, denn gerade der Westbahnhof war das erste große Gebäude der Moderne, das von den WienerInnen begeistert akklamiert wurde.

Die Qualität der Ausstellung besteht ja gerade darin, dass sie vom Bahnhof aus ein imaginäres Netz spinnt, das viele entferntere Elemente umfasst, die aber alle in Zusammenhang mit dem Bahnhof stehen. Das reicht von der Spielzeugeisenbahn bis hin zur Stadtplanung und der Rolle eines modernen Hybridbahnhofs. Nebenbei wird durch die Präsentation alter Planungskonzepte belegt, dass die Idee eines Wiener Zentralbahnhofs keineswegs neu ist, sondern schon im 19. Jahrhundert existierte. Unter anderen Umständen hätte man am Karlsplatz vielleicht einen riesigen Gründerzeitbahnhof errichtet, ein radikales Projekt sah ihn sogar neben dem Stephansdom vor. Der Zusammenhang von Stadt und Bahnhof erfährt ja schließlich durch den geplanten Zentralbahnhof neue Aktualität.

Die Ausstellung verschweigt auch nicht die tragischen Facetten der Wiener Bahnhöfe, die als Abschiedsorte der Judendeportation in die Geschichte eingingen oder auch als Aufenthaltsorte gescheiterter Existenzen dienten, wie etwa durch Bilder aus dem Buch „Weinhaus Wien“ belegt wird. Der Bahnhof ist ein Punkt der Vernetzung urbaner Existenz, dessen Zeit noch lange nicht abgelaufen ist. In der Ausstellung Großer Bahnhof erfährt man, warum.

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Ausstellung
Großer Bahnhof
Wien und die weite Welt
Wien Museum
28. September 2006 bis 25. Februar 2007


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