Friedrich Hauer

ist Stadtforscher und Umwelthistoriker in Wien.


Margarete Schütte-Lihotzky wurde nicht nur wegen ihres langen Lebens (1897–2000) zur Legende. Sie ist bekannt als erste Architektin Österreichs und Pionierin der »sozialen Frage« in Architektur und Städtebau, als Widerstandskämpferin gegen die NS-Diktatur, Kommunistin und Aktivistin der Frauenbewegung in der Zweiten Republik. Nicht zu- letzt ging sie als Erfinderin der Frankfurter Küche in die Designgeschichte des 20. Jahrhunderts ein. Eine Reduktion auf ein Einbaumöbel ist sowohl ob ihres vielseitigen Œouvres als auch ob ihres komplexen und durchwegs politischen Lebenswegs unzulässig – und dennoch nicht wenig verbreitet. Schütte-Lihotzky selbst setzte sich in ihren späten Jahren, als das öffentliche Interesse an ihren Erfahrungen und Arbeiten erwach- te, gegen solche klischeehaften Verkürzungen zur Wehr. Gerne wird sie mit Sätzen wie »Ich bin keine Küche!« zitiert. 20 Jahre nach ihrem Tod widmen sich zwei neu erschiene- ne Bücher ihrer vielschichtigen Person. Um es hier vorwegzunehmen: Es handelt sich um ein Ärgernis und einen Glücksfall. Das von Mona Horncastle verfasste Buch Margarethe Schütte-Lihotzky ist die bislang einzige monografisch angelegte Biografie der »Architektin, Widerstandskämpferin, Aktivistin«. Die Autorin, Kunsthistorikerin und Kuratorin, ist bisher vor allem durch verschiedenen Malern gewidmete »Kunst-Comics« und eine Biografie von Gustav Klimt in Erscheinung getreten. Der Band gliedert sich entlang der Stationen des Lebenswegs von Schütte-Lihotzky: Wien, Frankfurt, Sowjetunion, Türkei, Widerstand und Gefangenschaft, kommunistische Architektin und Aktivistin im Nachkriegs-Wien. Es wird ausgiebig aus ihren autobiografischen Schriften und aus Briefwechseln zitiert, ein- mal sogar 30 Seiten am Stück. Das Buch ist nicht zuletzt deshalb passagenweise durch- aus angenehm zu lesen, grafisch sehr ansprechend gestaltet und elegant gesetzt. Leider weist es gravierende inhaltliche Mängel auf. Hier ist zunächst ein Essential jeder seriösen biografischen Arbeit anzusprechen: Quellenkritik, insbesondere in Bezug auf die zahlreichen, teilweise Jahrzehnte auseinander liegenden Selbstzeugnisse Schütte- Lihotzkys, scheint Horncastle unbekannt. Dadurch bekommt der ganze Text etwas Kolportagehaftes, das bisweilen in betulichen Plauderton mündet. Letzteren kann man mögen oder auch nicht. Schwer wiegt allerdings, dass die Autorin immer wieder ihre profunde Unkenntnis all jener Bereiche aufblitzen lässt, die für die Kontextualisierung des vielseitigen Lebens von Margarete Schütte-Lihotzky unerlässlich wären – europäische Geschichte, Stadtbau- und Designgeschichte, Marxsche Theorie und Marxismus, Grundlinien der österreichischen und Wiener Verhältnisse im langen 20. Jahrhundert. So wird beispielsweise mehrfach und entgegen jede historische Evidenz behauptet, Wien und Frankfurt wären nach dem Ersten Weltkrieg baulich zerstört gewesen und die Architektin sei im »Wiederaufbau« tätig geworden (S. 37, 52, 62). Stellenweise muss man auch groben Unfug lesen, etwa von den »zwei sich aus- schließenden marxistischen Klassen Proletariat oder Kapitalismus« (S. 56) oder von 1.200 neu zu erbauenden Städten in der Sowjetunion, die in den 1930er-Jahren »mit einem für damalige Verhältnisse gigantischen Budget von umgerechnet 16,8 Mio. Euro« errichtet werden sollten (S. 87). Wenn wirklich 14.000 Euro für eine ganze sowjetische Stadt reichten, dann ist das entweder nicht sonderlich gigantisch, oder aber nicht sonderlich gut umgerechnet oder umrechenbar. Auch der Unterschied zwischen dem Wiener Stadtbauamt, dem Partei- vorstand der SPÖ und der österreichischen Regierung bleibt der Autorin ein Rätsel (S. 214).
        Dass Schütte-Lihotzky dann noch en passant ein »feministischer Anspruch« abgesprochen wird, ist zumindest insofern fragwürdig, als dies einer begrifflichen Klärung bedürfte (S. 223). Das sind nur einige Punkte, die jedoch ausreichen, das Vertrauen in die Arbeit der »bekennenden Sprachfetischistin« (S. 287) Horncastle im Ganzen gründlich zu erschüttern. Obendrein scheint man auf Lektorat und Korrektorat verzichtet zu haben, denn es finden sich neben offen- kundig falschen Datumsangaben unangenehm viele Grammatik- und Interpunktionsfehler im Text.
        Das war die schlechte Nachricht. Die Gute: Ebenfalls letzten Herbst ist ein Sammelband mit dem Titel Margarete Schütte- Lihotzky. Architektur. Politik. Geschlecht. Neue Perspektiven auf Leben und Werk erschienen. Das von Marcel Bois und Bernadette Reinhold herausgegebene Buch geht auf eine Tagung im Oktober 2018 zurück, die von der Universität für angewandte Kunst Wien in Kooperation mit der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg veranstaltet wurde. Was zunächst vielleicht trocken klingt, ist in Wahrheit ein ansprechend gestaltetes, interessant bebildertes und durchwegs auch für ein breites Publikum gut zu lesendes Werk, das den letzten Forschungsstand zu Schütte-Lihotzky wiedergibt. Wer die Durchschnittsexemplare der Gattung Tagungsband kennt, wird also nicht nur ob des breiten Spektrums an vertretenen Disziplinen und Zugängen positiv überrascht.
        Der Band gliedert sich in fünf Abschnitte, die jeweils eine Reihe von kürzeren Beiträgen enthalten. Er beginnt mit biografischen und geschlechterhistorischen Perspektiven auf das »Jahrhundertleben« der Architektin (Karin Zogmayer, Christine Zwingl). Hier finden sich etwa ein interessanter Beitrag zur Ausbildung der ersten Architektinnengeneration in Österreich (Sabine Plackolm-Forsthuber) und kritische Überlegungen zu den autobiografischen Schriften von Schütte-Lihotzky (Bernadette Reinhold). Der zweite Abschnitt widmet sich den Stationen ihres transnationalen Architektinnenlebens: Sophie Hochhäusl zeichnet Schütte-Lihotzkys Beitrag zur Wiener Siedlerbewegung der frühen 1920er-Jahre nach, Claudia Quiring jenen zum sozialen Wohnbauprogramm des Neuen Frankfurt (1926–1930). Besondere Einblicke bietet Thomas Flierls Text zu den architektonisch sehr produktiven Jahren des Ehepaars Schütte in Stalins Sowjetunion (1930–1937), für die er auch noch umfang- reichen Forschungsbedarf feststellt. Burcu Dogramaci legt neues Material zu Schütte-Lihotzkys »Intermezzo in Istanbul« (1938– 1940) vor, wo beispielsweise typisierte Dorfschulen nach ihren Entwürfen entstanden. Auch die oft wenig beachtete Zeit nach ihrer Gefangenschaft in Nazi-Deutschland (1941–1945) wird thematisiert. Monika Platzer widmet ihren Beitrag den vergessenen Architekturdiskursen in Wien nach Kriegsende. Für eine kommunistische Architektin und überzeugte Verfechterin der sowjetischen Verhältnisse waren im »neuerfundenen« Österreich die Handlungsspiel- räume sehr eingeschränkt. Wechselvoll und zeitweise intensiv waren die Kontakte Schütte-Lihotzkys zum Bauwesen in der jungen DDR. Wie Clara Aßmann zeigt, wurden ihre Hoffnungen, den Bau von Kindereinrichtungen mitzugestalten, aus ideologischen, die Entwurfshaltung und die Organisationsform der Planung betreffen- den Gründen wiederholt enttäuscht. Materialreich und gelungen ist auch die Neudeutung des Tagebuchs ihrer zweiten Chinareise (1956) durch Helen Young Chang. Die Autorin zeigt Schütte-Lihotzkys Gespaltenheit zwischen Bewunderung für die traditionelle Architektur Chinas einerseits und der Fortschrittsideologie der KP andererseits, die in jenen Jahren anhob, genau diese Baukultur zu vernichten.
        Der dritte, Begegnungen betitelte Abschnitt des Buchs ist den Beziehungen Margarete Schütte-Lihotzkys zu vier für ihr Leben wichtigen Männern gewidmet: dem sozialdemokratischen Ökonomen und Politiker Otto Neurath, der sie im Wien der frühen 1920er-Jahre politisierte und mit dem sie freundschaftlich verbunden war (Günther Sandner). Dem Architekten Herbert Eichholzer, der sie in Istanbul für den kommunistischen Widerstand gewann und 1943 den Nazis zum Opfer fiel (Antje Senarclens de Grancy). Dem Architekten Wilhelm Schütte, mit dem sie 1927 bis 1951 liiert war und der in der bisherigen architekturhistorischen Rezeption stets im Schatten seiner Frau geblieben ist (David Baum). Schließlich dem weitgehend unbekannten, nach dem Krieg in Ostberlin lebenden Übersetzter und Dramaturgen Hans Wetzler – bis zu seinem Tod 1983 ihr enger Vertrauter und wie sie kommunistischer Kosmopolit (Marcel Bois). Das ist nicht zuletzt deshalb von Interesse, weil die politischen Aktivitäten und kommunistischen Netzwerke Schütte-Lihotzkys im Gegensatz zu ihrem architektonischen Werk noch einer systematischen Analyse und Interpretation bedürfen. Diese Leerstelle versucht der vierte Abschnitt des Bandes ansatzweise zu füllen. Hier erfahren die LeserInnen mehr über Schütte-Lihotzkys Kampf gegen das NS-Regime (Elisabeth Boeckl-Klamper), über ihr frauenpolitisches Engagement in der Zweiten Republik (Karin Schneider) und die konsequente Ausgrenzung der KPÖ im beginnenden Kalten Krieg (Manfred Mugrauer).
        Der letzte Abschnitt widmet sich unter dem Titel Kindergärten und Küchen der Reflexion und Rezeption des architektonischen Œuvres. Er ist insofern bemerkenswert, als hier eine pädagogische (Sebastian Engelmann) und eine architekturhistorische (Christoph Freyer) Perspektive auf Schütte-Lihotzkys Bauten für Kinder zusammentreffen. Schließlich geht es doch auch noch um die unvermeidliche Frankfurter Küche: als global gefragtes Museumsobjekt (Änne Söll) und als Zirkulationsobjekt auf dem Kunstmarkt (Marie-Theres Deutsch).
        Auf die Resultate zukünftiger Forschung zu Margarete Schütte-Lihotzky und ihrer Umgebung darf mit Spannung gewartet werden. Es ist zu hoffen, dass die Auseinandersetzung mit dieser vielseitigen Persönlichkeit ihren multidisziplinären Charakter beibehält und in einen ähnlich gut kuratierten Austausch tritt, wie er sich in dem besprochenen Sammelband abbildet. Desiderat dabei wäre jedenfalls eine weite- re Vertiefung in ihr Leben und Wirken in der Sowjetunion und in die Zeit nach 1945. Auch fehlen bislang biografische Arbeiten zu wichtigen Frauen im Leben Schütte-Lihotzkys.
        Zusammenfassend lässt sich sagen: Der blaue Sammelband von Bois und Reinhold ist auf allen Ebenen (Seriosität, inhaltliche Breite, Neuheitswert, Sprache etc.) die bessere Alternative zur rosaroten Biografie von Horncastle. Wem die lebensgeschichtlichen Inhalte in Ersterem nicht genügen sollten, für die oder den könnten die autobiografischen Texte Margarete Schütte-Lihotzkys eine interessante, wenngleich nicht unkritisch zu konsumierende Ergänzung sein: Warum ich Architektin wurde (aufgelegt zuletzt 2019) und Erinnerungen aus dem Widerstand. Das kämpferische Leben einer Architektin von 1938–1945 (zuletzt 2014).


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