Barbara Holub

Barbara Holub ist Künstlerin und Mitglied von transparadiso, einer Platform für Architektur, Urbanismus und Kunst.

Clegg & Guttmann

Paul Rajakovics


Schon vor zwei Jahren schlug Andreas Fogarasi als verantwortlicher Redakteur dieser dérive-Ausgabe Clegg & Guttmann für ein Insert vor. Nun kann ihr Beitrag auch vor dem Hintergrund ihrer derzeit in der Wiener Secession stattfindenden Ausstellung betrachtet werden.

Die Frage von Psychogeographien und entsprechenden „Decompositions“ bzw. „Reconstitutions“ sollten als Kontrapunkt zum Thema des Heftes, Visuelle Identität, positioniert werden. Mittlerweile gibt es viele verschiedene Städte, die Clegg & Guttmann mit ihren „Karten“ bereist haben. Immer wieder entwickeln die Künstler diese Karten als neuen psychogeographischen Bezugspunkt zu ihren Ausstellungen, die dann wiederum ganz andere Themen fokussieren als die Stadt selbst und somit den Bogen zwischen der Annäherung an den Ort und dem Ort selbst spannen – wie jetzt ganz aktuell in der Ausstellung im Hauptraum der Secession.

Dort unternehmen Clegg & Guttmann den Versuch, die divergierenden wissenschaftlichen Positionen bzw. den Disput von Ernst Mach und Ludwig Boltzmann zu rekonstruieren. Diese Auseinandersetzung findet über acht verschiedene Stationen statt, in welchen die BesucherInnen mittels Bedienungsanleitung/Spielregeln aufgefordert werden, sich alleine oder zu mehreren auf Experimente einzulassen. Natürlich geht es dabei nicht zuletzt um das Verhältnis zwischen BenutzerInnen und dem institutionellen Raum der Secession, der so zum Parcours einer unerwarteten Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Spielen wird. Diese Spielexperimente laden zur Beschäftigung ein – um die BesucherInnen dann oftmals doch die Unmöglichkeit des „ernsthaften Spiels“ – trotz Handlungsanweisung - erfahren zu lassen. Welcher Kunstkonsument hat sich schon wirklich mit dem zweiten Satz der Thermodynamik Ludwig Boltzmanns oder mit seinen Fragen der Wahrnehmung beschäftigt? Wer hat sich mit den statistischen Methoden und seiner Beharrlichkeit, die Existenz von Atomen zu verneinen, auseinandergesetzt? Der „Disput“ wird hier auf die Ebene einer vormodernen, erfahrbaren Konstruktion des Selbstversuches gebracht, der den teilweise tragischen, wissenschaftlichen Hintergrund völlig vergessen macht. Clegg & Guttmann fordern eine haptische Auseinandersetzung mit Apparaturen, die in Form von Versuchseinrichtungen die physischen Selbstversuche als Wahrnehmung einfordern.

Der Ausstellungskontext wird also wieder erweitert und der Gedanke der Secession als mehrfacher Kontext „modernen Gedankengutes“ neu codiert. Ähnlich dem Angebot der „offenen Bibliothek“, mit der Clegg & Guttmann in den Neunzigern ihre Arbeit an den urban-öffentlichen Raum angenähert haben und seither vielerorts damit reüssieren, stellt dieses Projekt eine komplexe soziale Annäherung an den spezifischen Raum der Wiener Secession als Kunstinstitution dar. Welche Handlungsanweisung könnte man jetzt der Secession zur Seite stellen, um eine Erneuerungsmaschine in Sachen Kunst in Gang zu setzen, ähnlich der, die der Wiener Kreis vor 100 Jahren auf dem Gebiet der Wissenschaft initiiert hat (und mit der die Secession ungefähr zeitgleich angetreten ist)?


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