
Listening to Objects
Kunstinsert von Ricarda DenzerIn diesem Kunstinsert zeigt Ricarda Denzer Listening to Objects, eine performative Fotoarbeit, die sie mit Hannah Sakai, der Performerin Nazanin Mehraein und dem Fotografen Michael Giefing für ihr Buch ganz ohr/all ears (2024) realisierte.
Ein wanderndes schwarzes Loch, ein zweidimensionales Objekt, das auf einer Bühne ohne Zuschauer aufgeführt wird, und dabei durch die unterschiedlichen Körperhaltungen zwischen verschiedenen Rollen oszilliert. Teilweise droht es die Trägerin durch sein Gewicht zu erdrücken, während es in einer anderen Position eine gleißende Verheißung zu suggerieren vermag. Als zusammengefaltetes Plakat wickelt es das Buch ein, wobei jedoch das Foto nach innen gewandt und also nicht auf dem Cover sichtbar ist. Auch hier verbirgt sich also das Objekt, das uns die Künstlerin zur Hand geben möchte, um es zu hören, so wie der Titel der Arbeit (der auf dem Plakat auch nicht auftaucht) es anregt. So verweist die Künstlerin auch in ihrem Eingangstext im Buch (mit Christian Höller) auf das Paradoxon, hören und horchen visuell in einem Katalog sichtbar zu machen.
Ricarda Denzers langjährige künstlerische Praxis ist intensiv geprägt von Hören, Horchen, gesprochener Sprache, Mündlichkeit, Oral History, Notationen und Aufzeichnungsmethoden, performativen Vortragsformaten, dem Setting räumlicher, medialer Inszenierung von Gesprächen und Interviews, und der Grenze zwischen dem Fiktionalen und dem Dokumentarischen in der Kunst. Auch, um vielgestaltige Formen von mündlicher Erzählung im Moment ihrer Entstehung wahrnehmbar zu machen.
Im Kunstinsert eröffnet Listening to Objects die Imagination eines Raums des Hörens. Welche Erzählungen verbergen sich im schwarzen Loch? Wer spricht aus diesem? Und zu wem? Was würde uns das schwarze Loch mitteilen, würden wir es hören? In dieser inszenierten Fotoserie, die im ImPulsTanz-Studio in Wien entstand, wird es uns vorgeführt, an uns vorbeigetragen, als Aufforderung, uns auf einen Dialog einzulassen, auf das Zuhören, auf das Nicht-Gehörte, oder auf das, was nicht gehört werden will.
»Das Hören ist ein beziehungsorientierter Sinn. Wenn ich mich hörend auf die Welt ein- stimme, richte ich meine Aufmerksamkeit auf eine Erfahrung, eine Begegnung oder einen Ort. Mein hörendes Denken ist verknüpft mit einer körperlichen, sinnlichen Erfahrung in der Situation, mit Bewegung im Raum und steht in Verbindung mit anderen Sinnen und Medien. Für Pauline Oliveros, die Gründerin des Deep Listening Institute, hören wir nicht nur mit den Ohren zu, sondern mit unserem ganzen Körper, um uns einzustimmen.« (Ricarda Denzer)
Ricarda Denzers künstlerische Praxis befasst sich jedoch nicht nur mit ›Listening‹, sondern auch mit ›Para-Listening‹. Dieses ›Nebenher-Hören‹ beschreibt Christian Höller in ganz ohr/all ears als »In-Beziehung-Treten, das Beziehung-Werden von etwas, das nicht einfach – sei es getrennt voneinander, sei es fusioniert – immer schon da ist.« In den Mittelpunkt rücke vielmehr die Herstellung einer »Spannung«, die an beiden Polen der Hörbeziehung gleichermaßen zerre. »Das hörende Erschließen einer Welt, die jenseits der eigenen Erfahrung liegen mag ...«
Barbara Holub/Paul Rajakovics
Ricarda Denzer ist Künstlerin und lehrt seit 2013 im Bereich der transdisziplinären, prozessorientierten Kunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien. In ihrer künstlerischen Praxis verbindet sie audio-visuelle, ortsbezogene, performative und kuratorische Arbeit. Zentral ist das Forschen durch mündliche Erzählung und das Horchen als situierte Recherchemethode, die sich mit Phänomenen wie der menschlichen Stimme, dem gesprochenen Wort und dem Sprechakt als kollaborative, gesellschaftliche und politische Manifestation und Handlung beschäftigt. Seit 2019 ist sie Mitglied im Vorstand der Wiener Secession und seit 2021 Mitglied des Angewandte Performance Labs.
Ricarda Denzer ist Künstlerin und lehrt seit 2013 im Bereich der transdisziplinären, prozessorientierten Kunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien.
Barbara Holub ist Künstlerin und Mitglied von transparadiso, einer Platform für Architektur, Urbanismus und Kunst.
Paul Rajakovics ist Urbanist, lebt und arbeitet in Wien.