Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.


Bevor die beiden letzten Bücher von Mike Davis vorgestellt werden, soll noch einmal auf sein mittlerweile zurecht als "Klassiker" gehandeltes Buch City of Quartz hingewiesen werden, das eine umfangreiche stadtsoziologische Darstellung von Los Angeles enthält und nicht ganz unverantwortlich für die Existenz dieser Zeitschrift ist - unbedingt lesen! Die beiden neuen auf deutsch erschienen Bücher von Mike Davis (beide sind 1999 erschienen), sind die Artikelsammlung Casino Zombies und andere Fabeln aus dem Neon-Westen der USA und das neue L.A. Buch Ökologie der Angst - Los Angeles und das Leben mit der Katastrophe. Hätte man meinen können, mit City of Quartz hätte Davis alles gesagt, was über L.A. zu sagen ist, wird man durch Ökologie der Angst eines Besseren belehrt. Davis stellt auf gut 500 Seiten die Geschichte der Katastrophen in L.A. dar. L.A. und Südkalifornien präsentieren sich selbst gerne als Paradies auf Erden und Katastrophen passen nicht wirklich in diese Selbstwahrnehmung und Darstellung. Davis leitet sein Buch mit einem Zitat aus einer Ausgabe der Los Angeles Times von 1934 ein: "Kein Ort auf Erden bietet mehr Sicherheit im Leben und größeren Schutz vor Naturkatastrophen als Südkalifornien." Wie Davis penibel nachweist, dürfte die Verdrängung bei den BewohnerInnen ganz gut funktionieren, denn es gibt kaum eine Naturkatastrophe, die den Großraum L.A. noch nicht heimgesucht hat. Das wäre an sich noch von keinem besonderen Interesse, würde es Davis nicht verstehen, ein umfassendes Bild zu zeichnen und nachweisen, dass Naturkatastrophen eben nicht unbedingt Schicksalsschläge sind, sondern sehr stark mit fehlender Stadtplanung, Immobilienspekulation, Klassengesellschaft und Ignoranz gegenüber dem Ökosystem zusammenhängen.
Eines der beeindruckendsten Beispiele in Ökologie der Angst sind die Feuerkatastrophen die L.A. und speziell Malibu regelmäßig heimsuchen. Bevor europäische SiedlerInnen die Gegend in Besitz nahmen, war es bei den Chumash- und Tong-va IndianerInnen üblich, in Malibu durch gezielte Brandrodung das Unterholz abzubrennen, was dazu führte, dass es zu keinen überraschenden und unkontrollierbaren Bränden kam. Die Spanier verboten den Native Americans die Brandrodungen, was zur Folge hatte, dass ab diesem Zeitpunkt alle paar Jahre fürchterliche Brände in Malibu tobten. Seit etlichen Jahrzehnten ist Malibu ein Nobelviertel in dem hauptsächlich Hollywood-Stars wohnen. Die Villen liegen weit verstreut in den Hügeln und sind nur durch enge, kurvenreiche Straßen verbunden, was der Feuerwehr ihre Arbeit sehr schwer macht. Die BewohnerInnen wollen einfach nicht einsehen, dass Brände in dieser Gegend im Sommer unvermeidlich sind und flüchten sich in eine Paranoia, indem sie die Polizei Jagd auf Obdachlose machen lassen, die sie für BrandstifterInnen halten. Durch ihre Prominenz gelingt es ihnen auch immer wieder, die Stadtverwaltung dazu zu bringen, noch mehr Geld in die Feuerwehr zu investieren. Diese Investitionen gehen meist auf Kosten des Brandschutzes in Armenviertel in der Innenstadt, wo sich extrem schlecht gebaute Quartiere befinden, die im Fall von Bränden für ihre BewohnerInnen zur Falle werden. Durch Einhaltung der Bauordnung oder minimale Feuerschutzmaßnahmen, zu denen die VermieterInnen selten bereit sind, weil sie ihre Gewinnspanne senken würden, wären hier viele Brandkatastrophen, die bereits des öfteren mehreren Menschen das Leben gekostet haben, vermeidbar gewesen. Wenn man Davis, der wirklich jedem Aspekt nachgeht und nichts unhinterfragt lässt, etwas vorwerfen kann, dann höchstens, dass er in Ökologie der Angst manchmal fast zu sehr ins Details geht. Neben dem Kapitel über die Brandkatastrophen gibt es ebenso umfassende Darstellungen von Katastrophen und Gefahren in Zusammenhang mit Erdbeben, Überschwemmungen, Tornados, Killerbienen, Pumas und und und. Ein Kapitel ist der fiktionalen Zerstörung von L.A. gewidmet, und wie nicht anders zu erwarten, hat Mike Davis natürlich alle Bücher und Filme, die sich dem Thema widmen, gelesen und gesehen.
Casino Zombies ist eine Artikelsammlung und thematisch weiter gefächert als Ökologie der Angst und deswegen als "Einstiegswerk" wohl sehr gut geeignet. Das Spektrum reicht von Gewerkschaftskämpfen und Rassismus in Las Vegas über die ökologischen Katastrophen, die die Militärindustrie verursacht, über das Gefängnis- und Bestrafungssystem in Kalifornien bis zur "Lateinamerikanisierung" der US-Metropolen. Wie in all seinen Arbeiten bestechen Davis´ Texte auch in diesem Band durch die umfangreiche Recherche und die politische Analyse, die sich nie mit vordergründigen Erklärungen zufrieden gibt. Am interessantesten sind wahrscheinlich die Artikel, die sich Themen widmen, über die man hierzulande kaum etwas oder gar nichts hört, wie z.B. die Arbeitskämpfe von Hotel- und Casinoangestellten in Las Vegas und L.A.


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