Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.


Obiora C-Ik Ofoedus erzählt in seinem Buch von den Ereignissen am Tag seiner Verhaftung bis zu seiner Entlassung aus dem Wiener Landesgericht. In Rückblicken berichtet er über seine Organisationstätigkeiten im Rahmen der Demonstration rund um den Tod Marcus Omofumas. Das Buch ist kein hasserfülltes Pamphlet gegen die rassistische Politik dieses Staates, sondern ein fast nüchtern erzählter Bericht über die Ereignisse. Es wundert eineN bei der Lektüre gelegentlich, dass Ofoedus Sprache nicht wütender und härter ist, weil man meint, gegen diese durch Rassismus genährte Ungerechtigkeit und die eigene Ohnmacht könne man sich nicht anders wehren. Ofoedu hat in der Haft unter schwierigsten Bedingungen begonnen, dieses Buch zu schreiben, wodurch es teils einen nahezu tagebuchartigen Charakter bekommt. Detailliert schildert der Autor den Tag seiner Verhaftung, die offenbar unvermeidlichen Erniedrigungen durch einzelne PolizeibeamtInnen, den - vorsichtig ausgedrückt - sorglosen Umgang mit seinem spärlichen Besitz. Das mangelnde Rechtsstaatsbewusstsein der Polizei äußert sich in vielen Details, die Ofoedu ab dem Tag seiner Verhaftung Tag täglich miterleben muss. Mit Tricks soll er zu Geständnissen gezwungen werden, Protokolle werden unvollständig oder falsch niedergeschrieben, was Ofoedu nicht überprüfen kann, weil ihm seine Brillen während der gesamten Haftzeit nicht ausgehändigt wurden, Telefonate werden ihm verweigert, manche BesucherInnen werden nicht zugelassen, er wird kaum über den Stand der Untersuchungen gegen ihn informiert etc. Die Unmenschlichkeit des Gefängnisalltags ist ein weiterer Aspekt, den Ofoedu mit vielen kleinen Details und in gewohnt ruhiger Sprache beschreibt, die so gar nicht zu dem Konzernboss-, Drogenboss-, Drogenbaron-Image passt, das die Medien des Landes für ihn bereit hatten. Der ruinierte Ruf und die Angst, FreundInnen und Bekannte ließen sich von der Kampagne gegen ihn beeinflussen, erleichterten Ofoedu den Gefängnisalltag auch nicht gerade.
Obiora C-Ik Ofoedu war für die Polizei ein idealer Täter, weil er ihr erlaubte, mehrere Ziele zu erreichen. Die Kritik an der Polizei und ihren Abschiebemethoden und der Rassismusverdacht, der in Folge des Todes von Omofuma selbst in manchen bürgerlichen Medien wiedergegeben wurde, war von einen auf den anderen Tag verschwunden und wurde durch das Bild der nigerianischen Drogenmafia und der "Asylanten als Drogendealer" ersetzt. (Peter Gnam am 28.5.99 in der Kronenzeitung: "Wenn es stimmt, daß unter jenen in der Nacht auf gestern festgenommenen Drogendealern auch welche darunter waren, die vor dem Innenministerium mit verklebtem Mund gegen Schlögl und die 'Mörderpolizei' demonstriert haben, dann ist das Lügengebäude von den ach so unterdrückten, schützenswerten 'Asylanten' endgültig zusammengebrochen") Der nicht unumstrittene Lauschangriff konnte als großer Erfolg präsentiert werden, nicht zuletzt auch deshalb, weil die African Community in Österreich keine starke Lobby hinter sich hat, die ihr ermöglicht hätte, gegen die Polizeimethoden erfolgreich zu protestieren. Ganz im Gegenteil wurden viele AfrikanerInnen durch das Vorgehen der Polizei so eingeschüchtert, dass sie sich aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückzogen, was nicht verwunderlich ist, mussten sie doch den Eindruck haben, es könne jedeN erwischen.
Viele JournalistInnen, die über Ofoedu die unglaublichsten Beschuldigungen losgelassen haben, sehen bis heute keinen Grund, sich auf irgendeine Art zu entschuldigen, und sei es, indem sie wenigstens über das Buch berichten. Dass die Polizei zu einer Selbstkritik oder einer Entschuldigung gegenüber dem Mann, dessen Ruf und Existenz sie durch ihre rassistische Ermittlung zerstört hat, fähig ist, scheint in Österreich außerhalb des Vorstellbaren zu liegen. Ofoedus Buch erscheint in Kürze auch in englischer Sprache. Vielleicht muss Österreich wieder einmal via Ausland klar gemacht werden, was hierzulande kaum eineR wissen will.


Heft kaufen