Barbara Holub

Barbara Holub ist Künstlerin und Mitglied von transparadiso, einer Platform für Architektur, Urbanismus und Kunst.

Paul Rajakovics

Almut Rink


Wer in Österreich die »Kunst am Bau«-Projekte der BIG (Bundesimmobiliengesellschaft) verfolgt, dem wird das prägnante Projekt I’M WE, WE’RE ME von Almut Rink am Gymnasium Zehnergasse in Wiener Neustadt (Architektur: Gabu Heindl) aufgefallen sein. Hier steht ein fassadenfüllendes, vertikales ME-Relief einem ebenso großen horizontalen WE als Plattform gegenüber. Durch die körpergroßen Senken werden die SchülerInnen zur kollektiven Aneignung angeregt.
Doch nicht nur in I’M WE, WE’RE ME befasst sich die Künstlerin intensiv mit dem Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft. Für das Kunstinsert dieser Ausgabe wählte Almut Rink On Orientation, das sie im Rahmen eines zweijährigen künstlerischen Forschungsprojekts realisierte. »Wer bin ich in Bezug auf das, was mich umgibt?« war hier die zentrale Frage Rinks. Ziel des Projekts war die Untersuchung des Begriffs Orientierung im Kontext einer nachhaltigen, konfigurativen Aktivität (Gardening) mit künstlerischen Mitteln. Der Ausgangspunkt, Orientierung in seiner wörtlichen Bedeutung – Ausrichtung nach Osten – zu verwenden, rückte Japan auch in gestalterischer Hinsicht in den Fokus der Arbeit. Als Erkundungswerkzeug und Untersuchungsobjekt entwickelte Almut Rink acht Assemblage-Boards als Bühne, Rahmen und Plattform sowie als Skulpturen. Inspiriert wurde sie dafür sowohl von der aus der chinesischen Malerei stammenden künstlerischen Strategie der Acht Ansichten als auch von japanischen Präsentationsregalen (Shohin) für Bonsai. Die Assemblage-Boards wurden für On Orientation zum Ausgangspunkt eines anderen Blicks auf die Welt, zu einer Infragestellung der Dichotomie von Subjekt und Objekt und dem Versuch, die anthropozentrische Perspektive zu verlassen.
Jedes der acht Boards wurde für die Präsentationsorte im öffentlichen Raum von Tokio, London und Wien in Kooperation mit Ursula Reisenberger modifiziert und angepasst, um sich als Werkzeuge in maximaler Präsenz mit der Umgebung zu verbinden.  Dadurch wurden sie selbst zu Subjekten ihrer eigenen Geschichte, die auf ihre Umgebung reagieren und riefen durch diese Transformation auch eine Veränderung der Reaktion des Publikums hervor. Während dem japanischen Publikum eine nicht-anthropozentrische Sichtweise aus traditionell-religiösen Gründen nahe lag, war ein Transfer dieser Erfahrung nach King’s Cross im europäischen London weitaus schwieriger.
In Wien standen die acht Assemblage-Boards in Dialog mit acht künstlerischen Positionen aus Japan, Großbritannien, Singapur und Österreich, die den Fokus auf Orientierung und Kultivierung, Fürsorge und Beziehung sowie Autonomie und Abhängigkeit legten, darauf wie wir uns in unserer gemeinsamen Welt nachhaltig positionieren können.

Die in Erfurt geborene Künstlerin lebt und arbeitet – seit ihrem Kunststudium an der Akademie der bildenden Künste – in Wien. Eine ausführliche Publikation über On Orientation erscheint demnächst im Verlag für Moderne Kunst.
Websites: www.orientationasgardening.net, almutrink.net


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