» Texte / Option Liebe – ein »Silberstreif« im (steirischen) Herbst

Paul Rajakovics


Die unausgesprochene Unmöglichkeit, über Liebe eine (gute) Ausstellung zu machen, wurde von Sandro Droschl mit seiner Ausstellung (Love) will tear us – Option Liebe, die diesen Herbst im Grazer Kunstverein Medienturm zu sehen war, widerlegt. Über sechs künstlerische Positionen näherte sich der Kurator einem sicherlich auch im Kunstdiskurs mit unausgesprochenen Tabus belegten Thema: Gleich über dem Eingang des Kunstvereins Medienturm ein Schild: Die große Liebe, welches all die oft geheimen Erwartungen und Hoffnungen der Option Liebe (Anna Jermolaewa) mit ihrem größten Pathos belegt, welches dann auch gleich wieder durch die provisorischen Skulpturen von Hans Seirl über seine Flüchtigkeit entkräftet wird. Seine gesamtheitlichen Rauminstallationen nähern sich zwischen innerem Chaos und subjektiven Phantasmen an das Thema an. Rechts daneben fanden sich gleich zwei Videoinstallationen von Anna Jermolaewa: Einerseits das Video Kiss (2006), in dem zwei wackelnde Mickey-Mouse-Köpfe sich zu Beginn küssen und liebkosen, um sich schließlich gegenseitig im Übermut ihre Masken zu zerfetzen bzw. „aufzufressen“ beginnen, so dass die Gesichter der DarstellerInnen (männlich und weiblich) am Ende sichtbar bzw. entlarvt werden. Das zweite Video dokumentiert eine von der Künstlerin inzenierte Single-Party mit Personen aus ihrem persönlichen Umkreis (Single-Party, 2003). Dabei haben sich aus den Affären der eingeladenen Gäste auch tatsächlich bis heute andauernde Beziehungen entwickelt, die die Künstlerin selbst in einem Interview zur Ausstellung als ihr „vielleicht wichtigstes Werk“ bezeichnet. Die Gegenüberstellung der beiden Videos eröffnete einmal mehr die Komplexität des Themas zwischen den Polen Sehnsucht, Zärtlichkeit und Zerstörung. Auf den ersten Blick weniger überzeugen konnten die Diaprojektionen von Carmen Brucic, die hier in hyperästhetischen Bildern performativ Abschiedsszenarien über das Medium der Überblendung nachstellt. Carmen Brucic, die sehr lange im Theaterbereich gearbeitet hat, verwendet bei diesen Arbeiten bourgeoise Kontexte für ihre Sets, die ihre Themen wie Abschied und Selbstmitleid noch überhöhen. Als echtes Meisterwerk könnte man hingegen das Video Something to Love (2005) des jungen dänischen Künstlers Jesper Just bezeichnen. In einem acht Minuten dauernden 16-mm-Film wird eine in langen Bildern und Kamerafahrten gedrehte, kurze Sequenz zum intensiven Cocktail von (gleichgeschlechtlicher) Liebe, Eifersucht, Hass, Alter, Sex, Begierde und Verzweiflung. Außerdem waren in der Ausstellung noch das Video Simoe (2005) von Asel Zeydan Göz und eine Installatin von Jewyo Rhi zu sehen.

Insgesamt eine brillant kuratierte Ausstellung mit vielschichtigen und unterschiedlichen Zugängen innerhalb eines leider immer mehr zum Provinzfestival verkommenden steirischen herbstes. (Was bei den allgemein bekannten Budgetkürzungen der letzen Jahre auch kein Wunder ist …)

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Ausstellung
(Love) will tear us – Option Liebe
Kurator: Sandro Droschl
Kunstverein Medienturm, Graz
4. Oktober bis 13. Dezember

Rahmenprogramm in der Koje Medienturm im quartier21/MQ Wien:

Aksel Zeydan Göz
10. Okboter bis 23. November 2008

Hans Scheirl
27. November 2008 bis 18. Jänner 2009


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