Barbara Holub

Barbara Holub ist Künstlerin und Mitglied von transparadiso, einer Platform für Architektur, Urbanismus und Kunst.

Martin Osterider

Paul Rajakovics


Die Idee zu diesem dérive-Insert entstand vor knapp einem Jahr anlässlich der Buchpräsentation TRIESTER in der Grazer Triestersiedlung. Das Projekt TRIESTER von Martin Behr und Martin Osterider läuft nun schon seit über zehn Jahren. Die beiden Künstler begleiten photographisch konsequent die sozialen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen der Triestersiedlung und haben so mittlerweile ein riesiges Archiv aufgebaut, welches in einer Auswahl in acht kleinen Künstlerbüchern 2013 im Rahmen eines Festes vor Ort präsentiert wurde. Die Triestersiedlung wurde in den Jahren 1925–1930 durch das Stadtbauamt in Graz errichtet, teilweise in der Phase der nationalsozialistischen Diktatur erweitert und ist heute eine der letzten klassischen Grazer Arbeitersiedlungen. Das große Interesse von Martin Osterider an diesem Thema ist nicht zuletzt auf seine biographische Verbundenheit mit der Siedlung zurückzuführen, da er nicht weit von dieser aufgewachsen ist.
Für dérive greift Martin Osterider auf eine Arbeit aus einer Reihe zurück, die in den letzten Jahren bei Reisen in verschiedene Metropolen (Mexico City, New York, Tokio, Paris und Wien) entstanden ist. »Rasches Displacement« sind Photographien, die auf ephemere Sets verweisen, die wiederum aus unbeabsichtigten räumlichen Konstellationen entstanden sind. Mit den Mitteln der Photographie werden diese dann zu einer Manifestation einer kurzfristigen skulpturalen Kontextualisierung. Reinhard Braun von Camera Austria schreibt dazu: »Die Ursachen oder Handlungszusammenhänge, die zu diesen Anordnungen geführt haben, sind nicht rekonstruierbar, entziehen sich auch dem Wissen des Künstlers selbst: Abriss oder Aufbau, zum Stillstand gekommene Stadtentwicklung? Jedenfalls scheinen sie vorübergehenden Charakter zu besitzen und in die komplexen Ströme städtischer Ereignishorizonte verstrickt zu sein, gekennzeichnet von deren ständigem, raschem Wechsel und deren Unvereinbarkeiten, auch von einem potenziellen Aus-der-Ordnung-Treten der Dinge und Räume.«
Auf der ersten Seite wird das Bild einer Fassade mit einem Revisionsaufzug durch ein schwarzes balkenartiges Etwas irritiert, da letzteres sich zudem im Unschärfebereich befindet. Es entsteht ein Rahmen aus Sichtbeton und anderen Versatzstücken verschiedener Dimensionen.
Auf den beiden mittleren Seiten ist ein Objekt aus Holz zu sehen, welches in unterschiedlichen Positionen eine informelle Verschiebung (Displacement) des Ortes evoziert. Auf der letzten Seite ist es das Herabfallen einer baulichen Maßnahme (Dämmung), die quasi einen Zwischenzustand freigibt – vielleicht nur für einen Tag, eine Stunde oder nur diesen Moment des Auslösens des Verschlusses.
Martin Osterider führt die BetrachterInnen in urbane Situationen, die als Momentaufnahmen einer scheinbar harmlosen Veränderung gelesen werden können, jedoch die Absenz direkter (menschlicher) Handlung proklamiert. Es sind Verschiebungen, die wir täglich erleben, aber selten bewusst wahrnehmen, da sie möglicherweise durch unsere tradierten Sehgewohnheiten ausgeblendet werden.
Zu Martin Osteriders »Rasches Displacement« gab es eine Ausstellung in der Galerie Viktor Bucher, deren Website www.projektraum.at weitere Informationen zum Werk enthält. Einige Arbeiten aus dieser Serie kann man von 27. 9. bis 26. 10. im Fotoforum Braunau im Rahmen der Ausstellung Rooming-In II sehen. Informationen über das Projekt TRIESTER findet man auf der Website von Camera Austria, dort sind auch die Künstlerbücher erhältlich. Demnächst wird in der Ausstellung Am Südrand. Co-Industrielle Lebenswelten im Rahmen der Kooperation Schaumbad Graz und steirischer herbst 2014 (28. 9.–31. 10.) der 9. Band von TRIESTER präsentiert werden.

Barbara Holub/Paul Rajakovics


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