Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.


Die Residenzstadt Wien war zu Zeiten der Habsburger-Monarchie Hauptstadt eines großen Reiches und galt als Wasserkopf. Sie war Sitz des Kaiserhauses, an das man Steuern entrichten musste, das die eigene Volksgruppe, wenn es nicht die deutschsprachige war, diskriminierte und ausbeutete. Nach dem Ersten Weltkrieg, als vom großen Reich nur ein Rest übrig blieb, Wien eine hungernde Stadt war und die sozialdemokratische SDAP bei den ersten freien Wahlen die absolute Mehrheit erreichte, bekam der Hass auf Wien eine neue, antiproletarische Note. Das später so genannte Rote Wien (1919–1934) war das ideale Feindbild des konservativen Österreichs, das vor allem durch die von der Christlichsozialen Partei geführten Bundesländer repräsentiert wurde. Eine Besonderheit Österreichs war, dass damals fast 30 Prozent der Bevölkerung in der Hauptstadt lebten. Die Schärfe der ideologischen Gegensätze bekam dadurch noch mehr Gewicht. 1920 wurde Wien ein selbständiges Bundesland und konnte sich damit vom erzkonservativen, stark ländlich geprägten Niederösterreich abkoppeln. Seit diesem Zeitpunkt, mit Ausnahme der Zeiten der Diktaturen, waren und sind in Niederösterreich die ÖVP und in Wien die SPÖ (bzw. die jeweiligen Vorgängerparteien) die stärksten Parteien – eine unglaubliche Stabilität.
Trotz dieser eindeutigen Wahlergebnisse und der politischen Grenze, die es zwischen Wien und Niederösterreich gibt, wäre diese mit freiem Auge natürlich nicht erkennbar, gäbe es keine Ortsschilder und natürlich spielt sie in ganz vielen Bereichen keinerlei Rolle. So liegt Wiens größte Shopping Mall knapp außerhalb der Stadtgrenze in der gerade einmal 7.000 EinwohnerInnen zählenden niederösterreichischen Marktgemeinde Vösendorf, zahlreiche WienerInnen haben ihre Wochenendhäuschen im niederösterreichischen Waldviertel und noch mehr verlassen ihre Stadt für Ausflüge, um z. B. in den in Niederösterreich liegenden Wiener Alpen wandern zu gehen. Eine Gegend, die den hitzegeplagten WienerInnen schon seit Eröffnung der Südbahn Mitte des 19. Jahrhunderts wohlbekannt ist. Sie diente ihnen – zumindest den GroßbürgerInnen unter ihnen – ab dieser Zeit als Ort für die Sommerfrische. Ungefähr seit dieser Zeit kommt das tatsächlich hervorragende Wiener Wasser aus dieser Gegend. Dass WienerInnen gerne Wein aus Niederösterreich trinken, Spargel aus dem Marchfeld und Marillen aus der Wachau essen, sei nur nebenbei erwähnt.
Umgekehrt pendeln rund 190.000 NiederösterreicherInnen täglich nach Wien (interessanterweise auch 90.000 WienerInnen aus Wien hinaus), gar nicht so wenige von ihnen arbeiten bei der Stadt Wien. Polizisten wurden in Wien früher gerne Mistelbacher genannt, was der Legende nach auf ihren niederösterreichischen Herkunfts- bzw. Ausbildungsort verweist. Der Sozialforscher Günter Ogris sagt im Interview für diesen Schwerpunkt, dass die drei beliebtesten Kulturstätten der NiederösterreicherInnen in Wien liegen.
Man sieht, selbst bei einer oberflächlichen Betrachtung zeigen sich sofort mannigfaltige Verbindungen und Abhängigkeiten, die die politische Grenze völlig ignorieren. »Die komplexen gesellschaftlichen Konstruktionsprozesse von Räumen verbieten es, räumliche Grenzen als scharfe Grenzen für unterschiedliche soziale Verhältnisse zu vermuten«, schreibt Ilse Helbrecht in ihrem Artikel, in dem sie sich mit den Begriffen Stadt und Land sowie Urbanität und Ruralität auseinandersetzt. Helbrecht wehrt sich heftig gegen vereinfachende Darstellungen, um urbane und rurale Räume zu identifizieren und kategorisieren, wie sie sich medial in den letzten Jahren großer Beliebtheit erfreut haben. Sie sieht Begriffe wie Urbanität und Ruralität als »Konstrukte der Wissenschaft, die spezifische Antworten auf Probleme und Herausforderungen bieten«.
Maximilian Förtner, Bernd Belina und Matthias Naumann treibt ebenso die Absicht, vor vereinfachenden Darstellungen zu warnen, im Speziellen bei der Interpretation von Wahlergebnissen der AfD. Mit Lefebvres Theorie der Urbanisierung, die Stadt und Land erfasst, und Adornos Begriff der Provinzialität, den er nicht exklusiv mit dem Ländlichen verknüpft, zeigen sie, dass die Zentralität als Wesen der Urbanität (Lefebvre) und der »individuelle Bildungsprozess« als Möglichkeit, die Provinz hinter sich zu lassen, viel erfolgversprechendere Ansätze bei der Analyse von Wahlverhalten sind als die Stadt-Land-Dichotomie. Gemäß dieses Ansatzes beschreiben die Autoren drei unterschiedliche Orte, die einen besonders hohen AfD-WählerInnenanteil gemeinsam haben, aber unterschiedlichen Raumtypen entsprechen. Förtner, Belina und Naumann bezeichnen sie als Ort einer umfassenden Peripherisierung, als peripheres Zentrum bzw. als zentrale Peripherie.
Mit dem schon erwähnten Günter Ogris vom Institut SORA, das in Österreich durch seine Hochrechnungen bei Wahlen bekannt ist, haben wir ein Gespräch geführt, um herauszufinden, wie viel Gehalt in der plakativen These steckt, dass die BewohnerInnen von Städten links oder liberal sind und die Landbevölkerung rechts und konservativ ist. Das Ergebnis der Stichwahl bei den letzten österreichischen Präsidentschaftswahlen 2016 zwischen Alexander Van der Bellen (Grün) und Norbert Hofer (FPÖ) schien diese These besonders zu unterstreichen. Ogris macht im Interview auf den interessanten Umstand aufmerksam, dass die Geographie des Wahlverhaltens in Österreich sehr beständig ist und nur wenige Ereignisse in den letzten Jahrzehnten grundlegende Änderungen verursachten. Aber auch er verweist darauf, dass es urbanes Wahlverhalten eben nicht nur in den Städten gibt, sondern auch in mit diesen in Verbindung stehenden Räumen wie z. B. dem Burgenland, dessen Bevölkerung in einem hohen Ausmaß nach Wien pendelt.
Die Migration zwischen Land und Stadt behandelt Theresia Oedl-Wieser und geht damit einer anderen Geschichte über das Verhältnis von Stadt und Land nach, die in den letzten Jahren wieder öfter zu hören ist: Die Landflucht junger Frauen. Auch in diesem Fall unterstützen die Statistiken diese Erzählung und Oedl-Wieser zählt Gründe auf, die sie plausibel machen: Geschlechterrollen, Bildungschancen, Arbeitsmarkt. Für genauere Erkenntnisse über die »Wechselwirkungen von Wanderungsmotiven, Lebensphasen, ökonomischem und sozialem Status sowie den sozialen Kategorien Geschlecht, Alter und Ethnizität« müsse allerdings »zielgerichteter untersucht werden«.
Mit den sich speziell in den USA seit Jahrzehnten immer weiter ausdehnenden räumlichen Schwellen zwischen Stadt und Land und ihrer Besiedlung setzt sich Judith Eiblmayr in ihrem Beitrag sowohl aus historischer als auch aus aktueller Perspektive auseinander. Dabei dürfen die Themen Mobilität und Spekulation nicht fehlen und das tun sie auch nicht. Darüber hinaus geht es um psychische Phänomene wie suburban angst, das Fehlen bzw. die Vermeidung von öffentlichen Räumen und aufkeimende Gegenbewegungen.
Eine Gegenbewegung gibt es auch in Frankreich und jede/r von uns kennt sie: die Gelbwesten. Gerade diese hohe Bekanntheit scheint es schwer zu machen, einen sowohl unvoreingenommenen als auch kenntnisreichen Blick auf das Phänomen zu werfen. Viele BeobachterInnen scheitern dabei, sich nicht von einzelnen Aspekten ablenken zu lassen. Dem Autor und Journalisten Jeremy Harding gelingt das dafür umso besser, weswegen wir seinen Text Unter Gelbwesten für diese Ausgabe übersetzt haben. Er ist selbst bei Demonstrationen der Gelbwesten mitgegangen, hat mit vielen von ihnen gesprochen und sich trotzdem einen unabhängigen Blick bewahrt. Auch hier stimmt es, von einer Folge der Disparität von Stadt und Land zu sprechen und gleichzeitig stimmt es auch wieder nicht. Viele ländlichen Regionen werden vernachlässigt, was zur Folge hat, dass sich Menschen ihr Leben trotz Vollzeitarbeit kaum mehr leisten können, aber das Gleiche trifft auf viele städtische Banlieues in oft noch viel größerem Ausmaß zu. Den Gelbwesten deswegen das Recht zu verwehren, für bessere Lebensverhältnisse auf die Straße zu gehen, wäre absurd; toll und politisch unglaublich interessant wäre es natürlich, sie würden das solidarisch und gemeinsam mit den BewohnerInnen der Banlieues machen.


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