Anna Kokalanova


Ehemaliges Wohnheim für vietnamesische VertragsarbeiterInnen in Sofia, das jetzt als Sozialunterkunft für Roma dient., Foto: Foto — Anna Kokalanova
Ehemaliges Wohnheim für vietnamesische VertragsarbeiterInnen in Sofia, das jetzt als Sozialunterkunft für Roma dient., Foto: Foto — Anna Kokalanova

Am 19. April dieses Jahres, nur elf Tage nach dem Internationalen Roma Tag[1]:, verbreitet sich im Internet ein Video, in dem der 17-jährige Rom Mitko aus Ovchepoltsi in Bulgarien brutal von einem 24-Jährigen verprügelt wird. Grund für diese Aggressivität ist eine Aussage, die Mitko vor der Kamera macht: »We are equal.« Dieser einfache Satz kostete ihn fast das Leben. Eine solche Aussage ist offenbar bei vielen Menschen heutzutage Anlass genug für kaltblütige Brutalität. Der mittlerweile von der Polizei verhaftete Täter filmte sogar den Gewaltakt mit seinem Handy und brüstete sich mit seiner Tat in einem Interview mit dem Sender BTV (Zahariev 2016).
Eine Tat wie diese, mit all ihrer unfassbaren Brutalität, ist nicht spezifisch für Bulgarien, ihre Ursache ist aber Teil unserer gesellschaftlichen Verfasstheit. Sie zeigt, dass im heuti- gen Europa die Überzeugung, dass es Menschen gibt, denen keine Menschenrechte zustehen, immer noch existiert. Sie zeigt auch, dass viele Menschen eine enorme Angst vor dem Anderen, vor dem Fremden haben und bereit sind, unfassbare Gewalt auszuüben, um das Eigene zu schützen.
In komplettem Widerspruch zu dieser Haltung gilt der provokative Pop-Folk-Sänger Azis als populärste Person Bulgariens. Als eine Mischung aus George Michael und Madonna, von bulgari- schen DurchschnittsbürgerInnen liebevoll Vasko der Schwule genannt, verweist Azis kokett und stolz auf seine ethnische Identität als Rom. In Interviews erzählt er immer wieder, dass er im Frauengefängnis von Sliven zur Welt gekommen ist und dass die einzige Berufschance, die er als junger Rom in Bulgarien gehabt hätte, Friseur gewesen wäre. Sein Auftritt und seine Musik sind eine Provokation par excellence für die gesamte bulgarische Gesellschaft. Azis ver- sammelt alle Vorurteile – tief verankert in der postsozialistischen bulgarischen Seele – auf sich und treibt sie auf die Spitze. Durch diese Exotisierung seines medialen Images ist er zu einer beliebten Ikone des Fremden in Bulgarien geworden.
Das Bild der Roma und der gesellschaftliche Umgang mit diesem Bild schwanken zwischen diesen beiden Polen – Aggressivität und Exotisierung. Das betrifft nicht nur Osteuropa oder Bulgarien, sondern alle europäischen Länder. Während Gypsies und Travellers[2]: in Großbritannien von Armut, Diskriminierung und Exklusion betroffen sind, taucht Brad Pitt in Guy Richies Film Snatch als exotische Traveller- Figur auf und gewinnt die Herzen der ZuschauerInnen. Während in Europa Roma heutzutage als zunehmendes gesellschaftliches Konfliktpotenzial betrachtet werden, gibt es weiterhin wenig Diskussion darüber. Das Bild der Roma, welches medial, künstlerisch oder wissenschaftlich erzeugt wird, bleibt oft fern der Realität.
Aus diesem Anlass widmet sich der Schwerpunkt dieser Ausgabe jenen Mechanismen einer städt- ischen Raumproduktion, die in Verbindung mit der Gruppe der Roma stehen. Aus Sicht der Stadtforschung gibt es kaum Arbeiten, die sich explizit mit den Roma auseinandersetzen. Das hat verschiedene Gründe, die in der Romaforschung und der Romapolitik verankert sind und im Folgenden näher erläutert werden. Dabei versteht sich die Romapolitik in ihrer räumlichen Auswirkung auch als eine Stadtpolitik, die einen starken Einfluss auf die Entstehung der urbanen Lebenswelten der Roma hat. Von diesem Ausgangspunkt aus stellen die Beiträge in diesem Heft die unmögliche und dringend notwendige Verbindung zwischen Stadt und Roma her, geleitet von der Frage: Wie werden städtische Räume der Roma produziert? Und dabei steht nicht die ethnische Gruppe im Vordergrund, sondern die gegenwärtige Raumproduktion der Stadtgesellschaft in Europa.

Vom Paradox über die präsente Abwesenheit zu sprechen

Roma stellen die größte und am stärksten von Exklusion betroffene Minderheit in Europa dar. Sie besitzen kein historisches Heimatland und leben über ganz Europa verteilt. Mit etwa 70 % lebt die Mehrheit der europäischen Roma heute in mittel- und osteuropäischen Ländern. 80 % davon leben in Ländern, die 2004 bzw. 2007 der Europäischen Union beigetreten sind (Ringold 2005, S. 4; Kokalanova 2009, S. 38).
Wenn wir über Roma sprechen, können wir es nur fiktiv tun, da sich hinter dieser Bezeichnung keinesfalls eine bekannte – oder, wie der Begriff suggeriert – eine homogene Gruppe verbirgt. In vielen europäischen Ländern werden nach wie vor Fremdbezeichnungen für Roma benutzt. Auf der einen Seite stehen Bezeichnungen wie Zigeuner, Tsigane oder Цигани in einem Zusammenhang mit dem griechischen Wort atsingani, welches sinngemäß mit »Leute, mit denen man schwierig in Kontakt treten kann« übersetzt wird. Auf der anderen Seite lassen sich die Begriffe Gypsy oder Gitane vom ursprünglichen und irrtümlichen Glauben ableiten, dass Roma aus Ägypten (engl. egyptian) herstammen (Marishiakova & Popov 2007). Der Begriff Roma wurde im Jahr 1971 beim Ersten Roma-Welt-Kongress der Internationalen Roma Union in London als anerkannte Bezeichnung für alle in Europa lebenden Gruppen gewählt – Roma, Manusch, Sinti, Kale. In einzelnen europäischen Ländern wird dieser Begriff durch die Besonderheiten der dort lebenden Roma verdeutlicht. Bezugnehmend auf die allgemeine Definition der Internationalen Roma Union wird in diesem Heft der Begriff Roma verwendet, mit dem Wissen, dass auch dieser ein Konstrukt ist und der Diversität der sich dahinter verbergende Gruppen nicht gerecht wird. Denn durch die Verwendung dieser zusammenfassenden Bezeichnung wird eben die Vorstellung einer homogenen Volksgruppe vermittelt. Die Roma-Gemeinschaft teilt sich jedoch in klar definierte Gruppen und Subgruppen, die zueinander in einem hierarchischen Beziehungsgeflecht stehen. Die Beziehungen unter den einzelnen Gruppen sind zum Teil noch komplexer als zwischen Roma und Nicht-Roma (u.a. Kokalanova 2009, S. 36).
Hinter dem Begriff Zigeunerforschung verbarg sich im Nationalsozialismus das Rassenhygienische Institut unter der Leitung von Robert Ritter. Die pseudowissenschaftlichen Untersuchungen von Ritter und seinen MitarbeiterInnen boten die Grundlage für zahlreiche Zwangssterilisierungen und die Vernichtung von Roma in Deutschland und Österreich (Zimmermann 2007). Bis heute verbinden Überlebende und deren Familien die Begriffe Wissenschaft und Forschung mit der Deportation nach Auschwitz.
Erst in den 1990er Jahren begann eine neue wissenschaftliche Auseinandersetzung, die sich unter der Bezeichnung Romani Studies mit der Frage »Wer sind die Roma?« beschäftigt. Die Romani Studies stellen die Auseinandersetzung mit dem Leben der Roma in den Mittelpunkt. Dabei versuchen Forschungen in diesem Bereich zunehmend eine gemeinsame Definition für alle Roma zu finden. ForscherInnen wie der Historiker und Kulturwissenschaftler Stefan Benedik kritisieren diese Herangehensweise, wobei sie vor allem vor dem Produzieren weiterer Vorurteile und Diskriminierungen warnen. Benedik verweist darauf, dass durch die Konzentration auf die Außenbetrachtung von Roma die Mechanismen der Diskriminierung, die in der Gesamtgesellschaft verankert sind, in den Hintergrund rücken. Hinzu können diese durch den Versuch, die heterogene Gruppe der Roma ethnisch unter einem Forschungsschwerpunkt zusammenzuführen, sogar gestärkt werden (Benedik 2015).
Als Reaktion auf die einseitige Betrachtungsweise der Romani Studies erlebte Ende der 1990er Jahre die antiziganistische Forschung, die sich mit der negativen Einstellung der sogenannten Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Roma befasst, einen starken Aufschwung. Auf diesem Weg wird im Sinne eines Critical-Whiteness-Diskurses[3]: die Perspektive gedreht und auf die BetrachterInnen gerichtet und somit die Frage nach ihren Handlungen in den Fokus gestellt. Der Fokus antiziganistischer Forschung ist auf Diskriminierung und negative Erfahrungen gesetzt, den Betroffenen wird durch diesen Ansatz die Macht der eigenen Repräsentation genommen. Roma werden in der antiziganistischen Forschung als vorrangig bedürftige Menschen und Opfer von Diskrimin- ierungen dargestellt, womit erneut Vorurteile verfestigt werden (vgl. Benedik 2015).

Schweigen oder die abwesende Präsenz

Ein Sprechen über Roma ohne Stereotype und Diskri- minierung scheint in diesem Kontext unmöglich. In dem daraus folgenden Versuch nicht über Roma zu sprechen, entstehen jedoch zunehmend Konflikte und versteckte Diskriminierungen. So wurden in den letzten Jahren absurde Begriffe wie beispielsweise Rotationseuropäer erfunden, um antiziganistische Aussagen zu umgehen und vor allem zu verdecken[4]: (vgl. End 2014).
Des Weiteren fehlt grundsätzlich eine klare Strategie, die festlegt, ob eine staatliche Intervention sich an Roma wenden darf oder nicht. Deutschland reagierte auf die Aufforderung der Europäischen Union, eine Nationalstrategie über die Integration von Roma zu implementieren, negativ. Begründet wurde das damit, dass Roma zum einen immer schon da gewesen seien und damit Teil der Gesellschaft sind, weshalb sie keine Integration benötigen, und zum anderen sich solche Strategien an die Gesamtgesellschaft richten müssten und nicht ausschließlich Roma als Zielgruppe haben dürfen. Zwei Argumente, die in ihrem Ansatz sehr gut nachvollziehbar sind. Den Widerspruch zu dieser Stellungnahme stellen Maßnahmen der kommunalen und regionalen Verwalt- ungen dar, wenn sie in Folge der zunehmenden Zuwanderung von bulgarischen und rumänischen BürgerInnen in manchen Städten explizit Roma- Strategien implementieren. Dadurch wird innerhalb der Verwaltung die Meinung verbreitet, dass bestimmte Eigenschaften und Praktiken wie Obdach- losigkeit oder Betteln typisch für Roma sind und kein gesamtgesellschaftliches Phänomen darstellen.
Um eine verstärkte Diskriminierung sowie verdeckte antiziganistische Aussagen zu vermeiden, scheint das Schwei- gen über Roma kein gangbarer Ausweg zu sein. Es wird nur allzu deutlich, dass uns die Begriffe fehlen. Bis heute ist unklar, worüber wir sprechen und dass bei dem Thema Roma eine große Hilflosigkeit und Unbedarftheit herrscht und es nach wie vor an Wissen fehlt. Die Ursachen dafür sind in der jahrhun- dertelangen Roma-feindlichen Politik in Europa zu suchen, die sich durch die zunehmende Xenophobie in der Gesellschaft momentan weiter verstärkt.

Roma Politik

Die politische Haltung gegenüber den Romavölkern in Europa hat eine lange Tradition der Nicht-Anerkennung und Feindseligkeit. Bis heute ist die Politik gegenüber der größten Minderheit in Europa durch die Verweigerung von Menschenrechten, durch Vertreibung und Ausschließung, Vernichtung sowie Erziehung durch Sesshaftmachung gekennzeichnet.

Rechte verweigern

Auf dem Territorium des heutigen Rumäniens waren Roma bis ins 19. Jahrhundert hinein Sklaven (vgl. Zimmermann 2007). Obwohl es fast absurd wirkt, ist die Übereinkunft, dass Roma nicht die gleichen Rechte wie anderen BürgerInnen zustehen, heutzutage immer noch verbreitet. In ihrem Artikel für diesen Schwerpunkt Identität, Illegalität und Infrastruktur – Roma als moderne Stadtbürger zeigt Rosalina Babourkova, wie die mangelnde, teils fehlende Versorgung mit technischer Infrastruktur in Stadtteilen mit Roma-Bevölkerung durch die Privatisierung der Netze eine soziale und infrastrukturelle Ungleichheit zwischen Roma und Nicht-Roma in Sofia produziert. Im medialen Diskurs in Bulgarien wird diese Ungleichheit mit Narrativen begründet. Diese lauten, dass Roma in Europa lediglich geduldet sind und dahin zurückkehren sollen, woher sie gekommen sind. Die gleiche Argumentation taucht oft auch bei der Begründung für Siedlungs- demolierungen in städtischen Gebieten auf, bei denen kein alternativer Wohnraum für die betroffenen Romafamilien angeboten wird.

Vertreiben

Historisch betrachtet war und ist die Vertreibung von Roma aus städtischen Gebieten gängige Praxis. Es wurde ihnen häufig untersagt, sich niederzulassen – diese Verbote wurden immer wieder auch für ländliche Gebiete ausgesprochen. Eine solche Praxis tritt vor allem gegenüber fahrenden Roma oder gegenüber ZuwanderInnen auf und ist heutzutage nicht selten. Selbst innerhalb der Europäischen Union, auf deren Gebiet das Recht der Freizügigkeit anerkannt ist, wird eine Vertreibung durch die so genannte Rückkehrhilfe praktiziert. Das bekannteste Beispiel der letzten Jahre war die 2010 ausgesprochene Ankündigung von Nicolas Sarkozy, der damals französischer Präsident war, Hunderte in informellen Siedlungen lebende Roma kollektiv nach Rumänien und Bulgarien auszuweisen. Die Ankündigung wurde später in die Tat umgesetzt und es wurden über 1.000 Roma nach Bulgarien und Rumänien ausgeflogen. Die Siedlungen der Vertriebenen wurden medienwirksam zerstört. Das EU-Parlament kritisierte diese Vorgehensweise heftig.

Vernichten

Die schärfste Form der Nicht-Anerkennung der Roma als BürgerInnen mit gleichen Rechten wurde in Europa während der Zeit des Nationalsozialismus praktiziert. Das Reichskriminalamt zur Bekämpfung des Zigeunerwesens in Berlin hat in Zusammenarbeit mit der Rassenhygienischen Forschungsstelle von Robert Ritter Angehörige von Romavölkern systematisch erfasst, verhaftet und in Konzentrationslager deportiert. Von den 11.000 österreichischen Roma wurden zwei Drittel ermordet oder starben an den unmenschlichen Lagerbedingungen. Insgesamt fielen dem national- sozialistischen Regime rund 500.000 Roma zum Opfer (Pientka 2013; Zimmermann 2007; Knudsen 2003; Benz 2007). Diese Vergangenheit ist immer noch ein Teil der kollektiven Erinnerungen der Roma-Familien in Europa und wurde in Deutschland offiziell als Teil der Geschichte erst im Jahr 1982 anerkannt.

Erziehen und Bändigen

Anstatt Roma aus dem eigenen Gebiet zu vertreiben oder sie gar zu vernichten, veranlasste Maria Theresia, Kaiserin von Österreich-Ungarn, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Verordnung zur Sesshaftmachung. Diese bedeutete einerseits das Niederlassungsrecht, anderer- seits aber auch das Verbot der eigenen Sprache, das der Eheschließungen unter Roma sowie die Trennung der Kinder von deren Eltern. Ziel dieser Verordnung war eine radikale Zwangs- Assimilierung (Zimmermann 2007; Knudsen 2003). Ähnliche Verordnungen und Gesetze wurden auch in der jüngeren Vergangenheit in Europa verabschiedet. Im Jahr 1958 trat in Bulgarien ein Gesetz zur Wohnsitzpflicht für alle StaatsbürgerInnen in Kraft, welches die mobile Wohnweise der Roma regulieren sollte. Infolgedessen wurden mobile Roma-Gruppen in den Großstädten durch Zwangs- maßnahmen angesiedelt. Von 1962 bis 1989 verfolgte die bulgarische kommunistische Partei eine anti-muslimische Politik, bei der Roma, ethnische Türken und Pomaken[5]: gezwungen wurden, zum Christentum zu konvertieren und sich der bulgarischen Kultur durch Namenswechsel und Kleidungs- regeln im öffentlichen Raum anzupassen. Der Höhepunkt dieser nationalkommunistischen Ideologie war der sogenannte Rückbesinnungsprozess, bei dem in den Jahren 1984/85 mit Hilfe von Sicher- heitsbehörden türkisch-arabische Namen durch bulgarische ersetzt wurden (Marushiakova & Popov 2007, S. 149; Kokala- nova 2009, S. 22).

Eigene Organisationsstrukturen schaffen

Trotz der weit verbreiteten feindseligen Politik gegenüber den Roma in Europa gab es historisch auch Beispiele für die Stärkung der Organisationsstrukturen und der Roma-Community, die für die gegenwärtige Roma-Politik eine wichtige Rolle spielen. In Bulgarien wurden Roma direkt nach dem Zweiten Weltkrieg als wichtiger Teil des Proletariats und als UnterstützerInnen im Kampf gegen den Faschismus eine Zeit lang anerkannt und gefördert. So entstanden Ende der 1940er Jahre in Sofia ein Romatheater und Romakulturhäuser, in denen Roma-AktivistInnen unter anderem Entwürfe für ein Romanes-Alphabet entwickelten (Kokalanova 2009, S. 40; Marushiakova & Popov 2007). Die Entwicklung einer starken Vereinskultur und einer Selbstrepräsentation der Roma spielte spätestens ab den 1990er Jahren in Österreich eine wichtige Rolle, ohne die Projekte wie die Ausstellung Romane Thana im Wien Museum[6]: nicht möglich wären. Mit dem Projekt RomArchive zeigt Gilda Horvath in ihrem Beitrag in diesem Heft wie wichtig die eigene Stimme und das Schreiben der eigenen Geschichte sind, um das Bild der Roma nicht weiterhin durch die Perspektive von außen zu verzerren und entweder in eine ablehnende oder in eine exotisierende Richtung zu treiben.
Dennoch wird die Integration von Roma heute weiterhin in Form einer Assimilation in die sogenannte Mehrheitsgesellschaft verstanden. Besonders seit der EU-Osterweiterung wurden unterschiedliche Programme auf nationaler oder internationaler Ebene entwickelt, von denen jedoch nur wenige realisiert wurden. Selbst diesen gelang es nicht, Verbesserungen im Alltag jener Menschen zu erwirken, die mit diesen Programmen adressiert wurden. So blieben politische Bemühungen, die anlässlich der Romadekade 2005-2015 oder der EU-Rahmenstrategie zur Integration der Roma von 2011 initiiert wurden, bloße Ankündigungen oder schlugen fehl (vgl. Jovanovic 2015). In seinem Buch The Gypsy ›menace‹: populism and the new anti-Gypsy politics argumentiert Michael Stewart, dass die Förderprogramme der EU, die ausschließlich auf Roma ausgerichtet sind, gepaart mit der sich verschlechternden sozialen Lage der Roma in Europa und deren Abhängig- keit von Sozialleistungen, zu einer Aggressivität in der Gesamtgesellschaft geführt haben. Gewalt und Aggressivität gegenüber Roma gab es immer, jedoch blieb sie früher im Gegensatz zu der heutigen Situation auf einer lokalen Ebene. Sie äußerte sich oft als Konflikt um Ressourcen oder um die gesellschaftliche Stellung zwischen Roma und Nicht-Roma. Laut Stewart erleben wir spätestens seit 2008 eine nicht mehr nur lokale sondern eine europaweite Gewalt gegen Roma. Die einzelnen Konflikte um Ressourcen sind heute zu einer rechtspopulistischen Nationalpolitik auf dem ganzen Kontinent gewachsen, die sich in ihrer Rhetorik dieser Aggressivität bedient (Stewart 2012, S. 3–23).
Die politischen Versprechungen, die keine positiven Veränderungen in der Alltagsrealität der Roma gebracht haben, führen zu zusätzlichen Schwierigkeiten, über Roma zu sprechen. Es sind in erster Linie Handlungen notwendig, um diese zu verbessern. Zu schweigen, und sei es auch nur, um begriffliche Schwierigkeiten zu vermeiden, und die Augen vor der Realität zu verschließen, ist jedoch keine Lösung.

Roma und Raumproduktion

Die Auseinandersetzung speziell mit Roma in der Stadt- und Raumforschung findet vereinzelt und aus verschiedenen Perspektiven statt. In diesem Schwerpunkt versammeln wir unterschiedliche Themen, die Verbindung zwischen Stadt und Roma zeigen.

Sichtbarkeit in der Stadt

Roma werden im öffentlichen Raum sichtbar und vor allem in dem Kontext eines potenziellen Konflikts um den Raum als Ressource thematisiert. Quartiersmanagements und Gebietsbetreuungen berichten von Beschwerden in der Nachbarschaft um Zunahme an Müll und Lärm im Wohnumfeld, die von alteingesessenen BürgerInnen thematisiert werden. Auch das Betteln im öffentlichen Raum wird in der Öffentlichkeit schnell als Roma-Thema dargestellt. Ferdinand Koller zeigt in seinem Beitrag Sind Bettler Roma, sind Roma Bettler? wie problematisch diese Verbindung ist und welche Möglichkeiten es gibt, dieser entgegenzuwirken. Die negative Verbindung von Roma und der Nutzung des öffentlichen Raums resultiert vor allem aufgrund der Außenperspektive. So zeigt die Ausstellung Romane Thana ein ganz anderes Bild der Stadt und der Nutzung der städtischen Räume von Roma in Österreich. In ihrem Beitrag Wir lassen es zu verdeutlicht auch Gilda Horvath die signifikante Bedeutung der Selbstrepräsentation. Dabei macht sie auch darauf aufmerksam, dass nicht das Tabuisieren von bestimmten Themen, sondern das genaue Hinschauen eine Veränderung in der Realität erwirken kann.

Ethnisch basierte Bürgerrechte

Roma sind ein wichtiger Teil der städtischen Gesellschaft in Europa. Die Auseinandersetzung mit dieser Gruppe zeigt, dass sich die Bürgerschaft in privilegiert und marginalisiert auf Basis der ethnischen Zugehörigkeit teilt. In ihrem Beitrag Identität, Illegalität und Infrastruktur – Roma als moderne Stadtbürger hinterfragt Rosalina Babourkova das Modell der Citizenship für Roma durch die Liberalisierung der städtischen Infrastruktur und die Versorgung mit Elektri- zität in der ethnisch segregierten Roma-Siedlung Fakulteta in Sofia. Anhand einer Busfahrt von Sofia nach Wien macht auch Michael Hieslmair in Sofia-Express deutlich, dass solche Teilungen nicht nur das Produkt einer staatlichen Intervention sind. Auch in informellen städtischen Alltagssituationen – wie die einer Busfahrt – werden Roma ganz bestimmte Rechte zugesprochen und unterprivilegierte Plätze zugeordnet.

Räumliche Segregation

In vielen Städten Europas leben Roma in ethnisch segregierten Siedlungen und Camps. In Osteuropa findet man in jeder Stadt unterschiedliche informelle Siedlungen von Roma, die keine spontanen Ansiedlungen darstellen, sondern eine lange Geschichte aufweisen. Eine solche ist beispielsweise Fakulteta in Sofia, über die Rosalina Babourkova in ihrem Artikel schreibt. Auch in Italien und Frankreich leben Roma in informellen Camps unter prekären Bedingungen, der ständigen Bedrohung einer Räumung ausgesetzt. In seinem Beitrag Die Geister zwischen den Stühlen beschreibt Andre Krammer die Situation in Paris und kommentiert deren Entstehung aus einer biopolitischen Perspektive.

Behausung einer delogierten Familie auf einem Gehsteig in Bukarest., Foto: Lidija Mirkovic.
Behausung einer delogierten Familie auf einem Gehsteig in Bukarest., Foto: Lidija Mirkovic.

Neoliberalisierung des Markts und Zugang zu Raum

Selbst wenn eine solche Segregation in Städten wie Berlin oder Wien nicht eindeutig sichtbar ist, finden dort komplexe Ausschlussmechanismen statt, die den Zugang für Roma zu Wohnraum erschweren. Im Beitrag Zugang zu Wohnraum für bulgarische und rumänische BürgerInnen in Berlin, gemeinsam von der Autorin dieses Artikels und Diana Botescu verfasst, werden die prekären Zugangsmöglichkeiten der bulgarischen und rumänischen BürgerInnen zum Berliner Wohnungsmarkt, die in direkter Verbindung mit seiner Neoliberalisierung stehen, beschrieben. In ihrer aktuellen Forschungsarbeit untersucht die Autorin die Räume des Ankommens von bulgarischen Minderheiten in Berlin. Neu ankommende bulgarische BürgerInnen haben ausschließlich auf dem privaten Wohnungsmarkt eine Chance auf Wohnraum. Dort treffen besonders Roma auf komplexe Mechanismen der Inklusion und der Ausgrenzung, die in einer Verflechtung mit der Deregulierung des Marktes und mit der Immobilien-Spekulation stehen.
Alle Beiträge zeigen, dass durch die thematische Verbindung von Roma und urbanen Phänomenen ein Zuwachs an Erkenntnissen über die städtische Raumproduktion entsteht, der neue Perspektiven auf die Stadt aufzeigen kann.

Anna Kokalanova ist gebürtige Bulgarin, Stadtplanerin und Stadtforscherin. Neben ihrer Tätigkeit als Koordinatorin der Plattform future.lab an der TU Wien arbeitet sie aktuell an ihrer Dissertation zum Thema Ankommensräume von bulgarischen Minderheiten in Berlin an der HafenCity Universität Hamburg.

Fußnoten


  1. Am 8. April wird weltweit die Romakultur gefeiert und auf die Situation der Roma und insbesondere ihre Diskriminierung und Verfolgung aufmerksam gemacht. Vom 7. bis 11. April fand im Jahr 1971 in London der erste Welt-Roma-Kongress statt, an dem Vertreterinnen von Roma-Organisationen aus 23 Länder teilnahmen. Dort wurde die Verwendung des Begriffs Roma anstatt der bis dahin üblichen Fremdbezeichnungen beschlossen, sowie die Flagge und die Hymne der Roma angenommen. ↩︎

  2. Travellers oder Pavee sind die offiziellen Bezeichnungen einer aus Irland stämmigen fahrenden sozio-kulturellen Gruppe, die aufgrund ihrer Lebensweise auch als Gypsies fremdbe- zeichnet werden. Ethnisch sind die Travellers mit den Romavölkern nicht verwandt, sind jedoch ebenso von antiziganistischer Diskriminierung betroffen. ↩︎

  3. Critical Whiteness bezeichnet einen aus den USA stammenden akademischen Diskurs zur postkolonialen Auseinandersetzung mit dem Weißsein, bei dem die Perspektive auf das Eigene bzw. das Privilegierte und nicht auf das Fremde bzw. das Marginale gerichtet wird. Whiteness beinhaltet dabei nicht nur die Hautfarbe sondern auch andere Parameter, die mit Macht und sozialem Status verbunden sind. ↩︎

  4. So berichtet beispielsweise die Frankfurter Allgemeine Zeitung über »Rotationseuropäer«, die Wohnungseinbrüche in Frankfurt durchführen. Im Nebensatz wird der Begriff Rotations- europäer folgendermaßen erklärt: »[...] Die Einbrecher stammen aus dem Kreis der ›Rotations- europäer‹, also aus Sinti- und Roma-Familien, die aus Straßburg in die Rhein-Main-Region gebracht werden.« (Iskander 2009) Das Beispiel zeigt, wie anstatt einer differenzierten Betrachtung eine noch stärker stigmatisierende und versteckt rassistische Aussage getroffen wird. Ähnliche Aussagen trifft beispielsweise auch der Bürgermeister von Duisburg, Sören Link, wenn er bei einer Konferenz zum Umgang mit Geflüchteten im September 2015 in Berlin die Bereitschaft äußert, »(...) das Doppelte an Syrern [aufzunehmen], wenn [er] dafür ein paar Osteuropäer abgeben könnte«. (SZ 2015). Dabei wird in einem Nebensatz noch verdeutlicht, dass Link mit dieser Aussage »Roma gegen syrische Flüchtlinge schachern« würde. ↩︎

  5. Slawischsprachige muslimische Minderheit im Südwesten Bulgariens. ↩︎

  6. Romane Thana. Orte der Roma und Sinti ist eine Ausstellung und ein begleitender Katalog, entstanden in Kooperation zwischen Wien Museum, Landesmuseum Burgenland, Initiative Minderheiten und Romano Centro. Im Wien Museum wurde die Ausstellung vom 12.2. bis 17.5.2015 gezeigt, aktuell ist die Ausstellung bis 11.11.2016 im Landes- museum Burgenland zu sehen. ↩︎


Heft kaufen
Literaturliste

Benedik, Stefan (2015): Über Rom_nija sprechen. In: ig kultur – Zentralorgan für Kultur- politik und Propaganda, 2.15, S. 64 – 66.
Benz, Wolfgang; Graml, Hermann & Weiss, Hermann (Hg.) (2007): Enzyklopädie des National- sozialismus. 5., aktualisierte und erw. Aufl. DTV (Series) 34408. Stuttgart: Klett-Cotta.
Bratic ́, Ljubomir, & IG Kultur Österreich (Hg) (2013): Romanistan ist überall: Markierungen im unwegsamen Gelände. Wien: IG Kultur Österreich.
End, Markus (2014a): Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit: Strategien und Mechanismen medialer Kommunikation. Studie für das Dokumenations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma. Heidelberg: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma.
End, Markus (2014b): »Von Klischees und falschen Bildern Eine Analyse: Wie berichten Medien über Sinti und Roma?« Bundeszentrale für Politische Bildung Sinti und Roma in Europa (Februar). Verfügbar unter: www.bpb.de/internationales/europa/sinti-und-roma-in-europa/179543/eine-analyse-wie-berichten-medien-ueber-sinti-und-roma [Stand 6.6.2016].
Härle, Andrea; Kogoj, Cornelia; Schwarz, Werner Michael; Weese, Michael & Winkler, Susanne (2015): Romane Thana: Orte der Roma und Sinti. Wien: Czernin. Iskandar, Katharina (2009): »Immer mehr Wohnungseinbrüche durch Kinderbanden«. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Februar 12. Verfügbar unter www.faz.net/aktuell/ rhein-main/frankfurt/rotationseuropaeer-immer-mehr- wohnungseinbrueche-durch-kinderbanden-1894219.html [Stand 6.6.2016].
Ivancheva, Mariya (2015): From Informal to Illegal: Roma Housing in (Post-)Socialist Sofia. In: Intersections. East European Journal of Society and Politics, 1 (4): p. 38–54.
Jovanovic, Zeljko. (2015): Warum Europas »Dekade der Roma« nicht zur Integration geführt hat. In: ig kultur – Zentralorgan für Kulturpolitik und Propaganda, 2.15, S. 32 -34.
Knudsen, Marko (2003): Die Geschichte der Roma. Hamburg: RomaBooks.
Kokalanova, Anna (2009): »(No) Man’s Land. Strategien zur Entwicklung einer Rom-Siedlung in Sofia«. Master Thesis, Hamburg: HafenCity Universität.
Marushiakova, Elena & Popov, Vesselin (2007): Studii Romani. Bd. 7. Studii Romani. Sofia: Paradigma.
Marushiakova, Elena & Popov, Vesselin (2015): European Policies for Social Inclusion of Roma: Catch 22? In: Social Inclusion, 3 (5): 19. Ringold, Dena (2005): Roma in an expending Europe. Breaking the poverty cycle. Washington DC: World Bank.
Stewart, Michael (Hg.) (2012): The Gypsy ›Menace‹: Populism and the New Anti-Gypsy Politics. London: Hurst.
N.N. (2015): Tausche Rumänen und Bulgaren gegen Syrer. In: Süddeutsche Zeitung, 17.9. Verfügbar unter: www. sueddeutsche.de/politik/duisburger-oberbuergermeister-tausche-rumaenen-und-bulgaren-gegen-syrer-1.2652018 [Stand 6.6.2016].
Zahariev, Atanas (2016): Romani Boy Attacked in Bulgaria for Declaring himself Equal. ERRC European Roma Rights Centre. April 19. Verfügbar unter: www.errc.org/article/ romani-boy-attacked-in-bulgaria-for-declaring-himself- equal/4473 [Stand 6.6.2016].
Zimmermann, Michael (Hg) (2007): Zwischen Erziehung und Vernichtung: Zigeunerpolitik und Zigeunerforschung im Europa des 20. Jahrhunderts. In: Beiträge zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Bd. 3. Stuttgart: Steiner.