Udo W. Häberlin


Der erste Band von Großstadtängste - Anxious Cities hat seine Ausgangsbasis in dem EU-Projekt INSEC - Insecurities in European Cities (siehe: dérive 12 und 16). Die vielschichtigen Ängste im städtischen Leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ihre unterschiedlichen Ausformungen, Intensität und realen und irrealen Ursachen sowie Folgen stehen im Mittelpunkt der Beiträge. Sie präsentieren Trends und Konzepte und geben Forschungsempfehlungen.

Breckner und Bricocolis Beitrag Unsicherheit in urbanen Räumen umschreibt sozialräumliche Wirklichkeiten und Handlungskulturen hauptsächlich am Beispiel der INSEC-Städte, ergänzt durch italienische Städte. Sie zeigen, dass die Planungstätigkeit zur Stadtentwicklung und Architektur mehr mit Sicherheitsfragen im Sinne von subjektiven Angsträumen zu tun hat, als dies PlanerInnen bisher bewusst war. Wenn hier Ansätze erfolgten, zielten diese bisher oft auf technische „Lösungen“ (siehe z.B. die aktuellen Debatten über Videoüberwachung in öffentlichen Räumen), die an den Ursachen der Verunsicherung meist nichts ändern.

Wolfgang Keller zeigt in seinem Text den Zusammenhang zwischen fremdenfeindlichen Vorurteilen und kriminalitätsbezogener Unsicherheit auf. Er analysiert die stereotypen Bilder des Fremden und betont den Einfluss medial vermittelter Bilder internationaler Konflikte auf lokale Probleme. Die Stigmatisierung von bestimmten EinwanderInnengruppen als Kriminelle durch Teile der einheimischen Bevölkerung geht mit der Stigmatisierung ihrer Aufenthaltsorte einher. Diese Orte werden als Angsträume empfunden. „Vielen ethnischen Minderheiten haftet nach wie vor diese Eigenschaft der Fremdheit, des ,nicht dazu Gehörens‘ – und damit der Ungewissheit, Unvorhersehbarkeit oder gar der potentiellen Gefährlichkeit an“, so der Autor. Die mangelnde soziale Interaktion lässt die Furcht ansteigen, „je mehr die eigene ethnische Identität von der ethnischen Zusammensetzung der Nachbarschaft abwich“. Die „subjektive Wahrnehmung ethnischer Minderheiten“ hat mehr Einfluss auf das Unsicherheitsgefühl als deren „objektiver Anteil“. Unsicherheitsempfinden steigt mit dem Ausmaß an Unbehagen gegenüber Fremden, da alt- und leider oft auch neueingesessene BürgerInnen ihre oft vorurteilsbehafteten Ansichten über Kriminalität gerne auf ethnische Minderheiten projizieren. Kriminalitätsfurcht ist deswegen nicht selten nur ein Euphemismus für rassistische Vorurteile.

Nicht nur Keller analysiert die soziodemografische Besonderheit, wonach Frauen und ältere Menschen im öffentlichen Raum entgegen der tatsächlichen Betroffenheit die höchsten Angstwerte erreichen. Neben ihrer höheren Risikosensibilität wird das auch auf ihre höhere körperliche Verletzlichkeit zurückgeführt. Für Frauen ist der private Raum zwar objektiv gefährlicher als der öffentliche, die Furcht wird jedoch häufig in die Öffentlichkeit projiziert. „Es ist nicht durchzuhalten, den eigenen Lebensmittelpunkt (…) als ständige Bedrohung wahrzunehmen; also muss man [sie] ihn externalisieren.“ (K. Sessar)

Der Artikel Globale Ängste, Kriminalitätsfurcht und die Unordnung der Stadt: Unsicherheit in Krakau und Wien von Gerhard Hanak, Inge Karazman-Morawetz und Krzysztof Krajewski zeigt ebenfalls auf, dass es sich bei urbanen Irritationen mehr um Effekte der Risikogesellschaft und des Systems Stadt als um die subjektive Sicherheit im Wohnumfeld handelt. Hier werden Prozesse, wie die Auflösung von Milieus in der vergleichenden Forschung mit Phänomenen wie Vertrauen in (soziale) Systeme in Beziehung gesetzt. Auffällig für Wien – ganz im Gegensatz zu Krakau – ist ein ausgeprägtes Vertrauen in Institutionen der Kommunalverwaltung und die soziale Absicherung.

Hermann und Sessar zeigen in Zur Kontextualisierung von Unsicherheit, dass nicht nur Unsicherheit sozial konstruiert ist, sondern auch der Raum selbst. Somit empfiehlt sich ein qualitativer Forschungsansatz, der neue Blickweisen eröffnet: Der Bezug zum sozial-räumlichen Kontext der Menschen wird hier tragend. Die Autoren stellen Beispiele sozialer Konstruktionen von Verunsicherungen und ihre Einbettung in die Lebenswelten vor. Dabei wird deutlich, dass quantitative Forschung allein mit ihren Indikatoren oder Variablen (z.B. Bildung, Staatsbürgerschaft) die genannten Phänomene nicht hinreichend erklären kann. „Wesentlich bestimmender (...) als dies durch Sozialstruktur- oder andere Aggregatdaten (…)“ gezeigt werden könnte, sind ,soziale Materien‘, denn in die Wahrnehmung der Befragten fließen Elemente ihrer Lebens- und Arbeitswelten, Aktionsräume und Erfahrungshintergründe mit ein. Die als Folge der Furcht ausgelösten Bilder oder Assoziationen werden in den Raum projiziert und tragen so zu dessen Wahrnehmung als unsicher (oder sicher) bei. In diesem Kontext können (subjektive) Angsträume generell nur durch ihr jeweiliges individuelles Wirkungsgefüge, also „Verknüpfungen von Elementen die z.T. sichernd aber auch unsichernd wirken können“, in einer qualitativen Umfrage ermittelt und dann charakterisiert werden.

Der vorliegende Band bietet einen Abriss der fruchtbaren, noch andauernden Debatte. Das breite Themenspektrum lässt die Erörterungen im zweiten Band gespannt erwarten. Die unterschiedlichen Aufsätze (Niveau, Ausgangsthesen und Ebenen) stehen leider recht unvermittelt nebeneinander und lassen Konklusionen der einzelnen Forschungsergebnisse vermissen. Eine zusammenführende Auswertung kann zu weiteren Erkenntnissen führen und Handlungsempfehlungen deutlicher darlegen. Als möglicherweise wichtigsten Beitrag legt der Band nahe, die Ursachenerforschung und die Auswirkungen der Prävention noch stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.

Das Buch ist ein guter Anhaltspunkt für Fachleute, die mit den angesprochenen Problemsituationen konfrontiert sind, sowie den AkteurInnen mit interdisziplinärem Interesse und allen weitsichtigen PolitikerInnen als Pflichtlektüre zu empfehlen.


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