Michael Dieminger


TYIN tegnestue Architects: Safe Haven Library, Bücherei für ein Waisenhaus, Ban Tha Song Yang, Thailand, 2009, Foto: Pasi Aalto/pasiaalto.com
TYIN tegnestue Architects: Safe Haven Library, Bücherei für ein Waisenhaus, Ban Tha Song Yang, Thailand, 2009, Foto: Pasi Aalto/pasiaalto.com

Spätestens im Zuge der Finanz- und Immobilienkrise von 2007 gewann die Frage nach den NutznießerInnen architektonischer Planungsleistungen erheblich an Bedeutung, trat dabei doch deutlich hervor, was schon lange Realität war: Die Konzentration eines gewichtigen Teils der Architektur auf die Konstruktion von repräsentativen und kostspieligen Bauten auf der einen Seite und Bauprojekte, deren Prämisse vom möglichst kostengünstigen Gebäude sich meist nur zu Lasten der Qualität realisieren lässt, auf der anderen. Architektur als Handlangerin eines globalen Immobilienmarktes, der wenigen nützt und vielen schadet. Kein Wunder also, dass ethische und ökologische Verantwortung zusehends wieder ins Rennen gebracht werden, wenn es um planerische Leistungen geht.
Während sich informelle Urbanisierungsprozesse in einem rasanten Tempo ausbreiten und fast ein Drittel aller StadtbewohnerInnen weltweit in Slums, Favelas oder Townships wohnt, wo das urbane Umfeld zwangsläufig eigenhändig gestaltet wird, scheint es, als würde ausgerechnet der Architektur – von zwischenzeitlichen Aufmerksamkeitseruptionen abgesehen – jeglicher Bezug zu diesen aktuellen Bauaktivitäten fehlen. Nur wenige Architekturschaffende wagen sich an diese durchaus vielfältigen Problemstellungen heran.
Die Wanderausstellung Think Global, Build Social. Bauen für eine bessere Welt setzt sich zum Ziel, sozial engagierte Architektur abseits von Architekturmarkt-Hypes stärker ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Die gezeigten Projektbeispiele sollen inhaltliche Perspektiven und konkrete Lösungen aufzeigen und damit auch den Diskurs über einen gesellschaftlichen Mehrwert von Architektur neu aufleben lassen. Dabei steht die Rückbesinnung auf das vernakuläre und identitätsstiftende Bauen im Zentrum einer ambitionierten Diskussion, ohne dabei einem alten Regionalismus anheim zu fallen. Durch die Wiederentdeckung von traditionellen Bauweisen und ressourcenschonenden Materialien sollen die zukünftigen Herausforderungen gemeistert werden können.
Think Global, Build Social fungiert mit 22 globalen Projektvorstellungen als Fortsetzung der Ausstellung Small Scale, Big Change aus dem MoMa N.Y., beide von Andres Lepik kuratiert, und muss als eine notwendige Weiterentwicklung angesichts der steigenden Dringlichkeit der Thematik verstanden werden. Die bereits im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt gezeigte Schau wird durch einen vom Architekturzentrum Wien und seiner Kuratorin Sonja Pisarik zusammengestellten Teil ergänzt, der mit 72 Projektbeispielen Einblicke in sozial engagierte Architektur aus Österreich bietet. Das Ausstellungsdesign aus Paletten kann als Verweis auf die wohl überwiegend prekäre Finanzsituation der gezeigten Architekturen gelesen werden, vielleicht aber auch als Randnotiz zur prekären Finanzierungslage des Wiener Architekturzentrums selbst.
Die inhaltliche Aufgliederung der Ausstellung orientiert sich an den fünf Themenschwerpunkten Material, Wohnen, Design-Build Programme, Partizipation und Kultur. Um einen möglichst frühen Bezug zur Praxis für ArchitekturstudentInnen zu ermöglichen, rufen immer mehr Universitäten so gennante Design-Build-Programme ins Leben. In der Ausstellung werden u.a. Projekte der Baupiloten (TU Berlin), Bauen für Orange Farm (TU München), design.build Studio (TU Wien) vorgestellt. Der Schwerpunkt Material zeichnet sich durch die Vermittlung eines neuen Bewusstseins aus, welches insbesondere den traditionellen Baustoffen eine neue Wertschätzung entgegen bringt, wie unter anderem durch Projekte von Anna Heringer in Bangladesh und Marokko gezeigt wird.
Im Bereich des Wohnens steht das dringende Bedürfnis nach ausreichendem und attraktivem Wohnraum im Fokus, abgestimmt auf die jeweiligen ökonomischen Verhältnisse. Eine Notwendigkeit, die sich weltweit manifestiert und auch in Europa herrscht, belegt durch Beispiele der ArchitektInnen Druot, Lacaton und Vassal, welche durch ihre Eingriffe die Qualität des sozialen Wohnbaus in Frankreich verbessern.
In diesem Zusammenhang wird auch Partizipationsprozessen sowie den lokalen Kulturen eine gewichtige Rolle zugesprochen, wobei das Format der Ausstellung hierfür nur ungenügend Raum bietet, um eine angemessen tiefe Auseinandersetzung zu erreichen. Die Ausstellung bewegt sich mit ihrem Fokus auf die Projektpräsentation inhaltlich vornehmlich auf der Ebene der Architektur. Eine Auseinandersetzung mit dem durchaus nicht unproblematischen Feld des Bauens in der so genannten dritten Welt, mit (post-)kolonialen Fragestellungen, Machtverhältnissen und mit der Nachhaltigkeit der Projekte bleibt die Schau schuldig.
Ein wenig wird dieses Manko durch die intensive Kooperation mit dem Magazin Arch+ ausgeglichen, das statt eines Ausstellungskatalogs ein gründlich ausgearbeitetes Themenheft vorlegt, das sich den Fragestellungen und Lösungen widmet, welche in der Ausstellung selbst nur umrissen oder gänzlich ausgespart sind. Eine einführende theoretische Behandlung der wichtigsten Fragestellungen in der Ausstellung selbst wäre trotzdem begrüßenswert gewesen. Vielleicht beim nächsten Mal – die globalen Entwicklungen lassen durchaus darauf schließen, dass Think Global, Build Social nicht die letzte Auseinandersetzung mit der Rolle der Architektur fürs Bauen an einer besseren Welt gewesen sein wird.


Think Global, Build Social.
Bauen für eine bessere Welt
Architekturzentrum Wien
März 2014 bis 30. Juni 2014

Arch+ 211/212
(Themenheft zur Ausstellung)
192 S., 18 Euro


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