4-Stelle-Hotel
Vom Nicht-Ort zum internationalen selbstorganisierten HausDie kollektive Wiederaneignung von ungenutzten Gebäuden in öffentlichem und privatem Besitz übt direkte Kritik an der vorherrschenden Rolle des Immobilienkapitalismus. Als alltägliche Praxis bildet sie die Basis im Kampf für das Recht auf Wohnen und, im Allgemeinen, für soziale Gerechtigkeit. Blocchi Precari Metropolitani (Großstädtische Prekäre Blöcke), kurz BPM, eine der größten Bewegungen für das Recht auf Wohnen in Rom, agieren zusammen mit Kollektiven und Grassroots-Gewerkschaften darüber hinaus mittels Widerstand gegen Zwangsräumung und sozialer Mobilisierung zur Einforderung der Rechte gegenüber politischen Institutionen. In den Folgejahren der Finanz- und Wohnungskrise 2007 schlossen sich mehrere Bewegungen unter dem Namen Tsunami Tour an drei Terminen (Dezember 2012, April und Oktober 2013) zusammen und besetzten dutzende Gebäude. Eines von ihnen ist das 2000 errichtete und elf Jahre später abrupt aufgelassene Eurostar Kongress- und Konferenzhotel 4 Stelle im östlichen Vorort Tor Sapienza, das kurz danach von Unicredit übernommen wurde. Es liegt inmitten einer Gegend großräumiger Stadtumbauten in Form von riesigen Vertriebs- und Einkaufszentren. Das ehemalige 4-Sterne-Hotel ist seit Dezember 2012 das Zuhause von 520 Menschen, davon 160 Minderjährigen, aus 18 Ländern.[1] Unweit vom 4-Stelle-Hotel liegt das Metropoliz. In der verlassenen Fiorucci-Fabrik leben seit 2009 etwa 200 Personen. Mit seinen zahlreichen Aktivitäten und dem Museo dell’Altro e dell’Altrove di Metropoliz_città meticcia (Museum der Anderen und des Anderswo von Metropoliz_herkunftsgemischte Stadt, MAAM) ist Metropoliz in einer von infrastrukturellem Mangel geprägten Nachbarschaft ein wichtiger öffentlicher Raum. Carina Sacher sprach mit der BPM-Aktivistin Irene di Noto, dem Fotografen Valerio Muscella, und Leroy S.P.Q.R’DAM, einem der ersten Hausbesetzer des 4-Stelle-Hotels.
Die Finanzkrise 2007 und das Platzen der Immobilienblase heizten die herrschende Wohnungsnot in Rom weiter an. Das war der Moment, als BPM gegründet wurde. Wenn ihr auf die Anfangszeit eures Aktivismus zurückblickt, wie beschreibt ihr die Veränderungen der Wohnsituation seitdem und die zunehmende Bedeutung von Hausbesetzungen als Notlösung in den darauffolgenden Jahren?
Irene: Grundsätzlich fassen BPM die Wohnungskrise als Teil einer breiteren Krise der sozialen Reproduktion auf, welche den Armen und Prekären aufgrund neoliberaler Politik und der seit der Krise verschärften Einschränkungen das Recht auf Stadt verweigert. Zwischen 2012 und 2014 besetzten BPM gemeinsam mit anderen Kollektiven für das Recht auf Wohnen dutzende neue Gebäude. Unser pausenloser Aktivismus und allem voran die Hausbesetzungen spielten eine wesentliche Rolle in der Schaffung würdiger Wohnlösungen für tausende Menschen und damit widerstandsfähiger, herkunftsgemischter Gemeinschaften. Genau genommen repräsentieren Hausbesetzungen eine alternative Lebensweise einer am Gebrauchswert orientierten Gesellschaft, die fähig ist, ungenutzten Raum autonom zu regenerieren. Darüber hinaus fordern wir weiterhin auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene eine Strukturpolitik, die dieses Notfall-Management der permanenten Wohnungskrise überwindet und sich gleichsam der Immobilienspekulation widersetzen kann.
Valerio: Vom Standpunkt der Bewegungen aus könnten wir sagen, dass die Jahre von 2012 bis 2014 eine Art goldene Zeit waren. Bei jeder Demonstration versammelten sich tausende Menschen aus allen kulturellen Sphären auf den Straßen, um unter dem Slogan Riprendiamoci la città! (Anm.: Nehmen wir uns die Stadt zurück!) die Problematik zu thematisieren. Es herrschte ein kollektives Gefühl, dass wir alles besetzen, die Situation verändern und einen Einfluss auf die Stadt haben können. Diese Energie ergriff dann auch andere Städte wie Florenz, Pisa und Bologna.
Leroy S.P.Q.R’DAM: Weder die Polizei noch die Stadtverwaltung haben die Tsunami Tours erwartet. Es war eine große Überraschung. Für mich waren es die besten Momente im Zuge von Besetzungen, mit vielen heimlichen Versammlungen in der Vorbereitung. Als es losging, waren wir sehr aufgeregt. Wir sahen uns in der Angriffs- und nicht in der Verteidigungsposition. Wir waren der Meinung, wir könnten es schaffen, die Wohnsituation zu verändern.
Irene: Im Mai 2014 verabschiedete die italienische Regierung den Artikel 5 des Wohngesetzes [2], der Hausbesetzungen kriminalisiert und Aktivismus in diesem Zusammenhang verbietet. Diese Maßnahme zielt auf eine weitere Marginalisierung der betroffenen Menschen ab. Das Gesetz verbietet beispielsweise, den Wohnsitz an der Adresse des besetzten Gebäudes zu melden, was grundlegende Folgen im Hinblick auf den Zugang zum Schul- und Gesundheitssystem sowie der Erneuerung des Visums für Flüchtlinge und MigrantInnen hat. Neue Besetzungen sind quasi unmöglich geworden, da sie innerhalb einer Viertelstunde von einer speziellen Polizeieinheit gestoppt werden. Auch wenn unsere Verhandlungen mit Institutionen, die in der Steuerung der Wohnpolitik in der Hauptstadt von Rom und der Region Lazio involviert sind, erfolgreich waren, weil sie daraufhin ein Gesetz zur Umwandlung von Hausbesetzungen in öffentlichen Wohnraum verabschiedeten, ist bis heute nichts geschehen. Zwangsräumungen von besetzten Gebäuden werden hingegen fortgesetzt. Im Juli veröffentlichte das Innenministerium eine neue Liste mit 23 Adressen, die im nächsten Jahr aufgelöst werden sollen. Metropoliz steht an zweiter und das 4-Stelle-Hotel an vierter Stelle.
Worin seht ihr die wesentlichen Gründe für die tiefgreifende Wohnungskrise in Rom?
Irene: Im Grunde ist das Thema Wohnen in den letzten zwei Jahrzehnten von der politischen Agenda der Regierung verschwunden. Stadtpolitik wird stark von Bauunternehmen und Finanzinvestoren beeinflusst. Über die Jahre hinweg hat ein Rückzug des Staates und der lokalen Verwaltungen aus der Wohnpolitik stattgefunden; angefangen bei der Liberalisierung des Wohnungsmarktes seit 1998 bis hin zum Verkauf öffentlicher Güter seit den frühen 2000er-Jahren. Neoliberale Politik versucht den sozialen Wohnbau als ein Recht zu beseitigen. In diesem Zusammenhang verweisen sogar Sozialdienste, Rechtsberatungen und Hilfsorganisationen auf Hausbesetzungen als temporäre Notlösung. Es ist paradox, dass als illegal betrachtete Strukturen herangezogen werden, um Probleme, mit denen die Verwaltung nicht fertig wird, zu lösen. Wir fragen uns oft, wie wir es vermeiden können, zu einem sozialen Netz zu werden. Denn wir dürfen den Regierenden nicht erlauben, sich vor ihrer Verantwortung zu drücken.
Schwierigkeiten am freien Wohnungsmarkt zu verbleiben und beim Zugang zu Wohnraum treffen zunehmend mehr soziale Schichten. Die Zusammensetzung der BewohnerInnen bei Hausbesetzungen ist diverser als in den 1970er- und 1980er-Jahren. Welche Tendenzen zeichnen sich aktuell ab?
Irene: Die derzeitige Konstellation unterscheidet sich sehr von jener vor 40 oder 50 Jahren. Damals waren es Binnenmigrantinnen und -migranten, italienische Familien der Arbeiterklasse, großteils aus den Abruzzen und Kalabrien. Anfang 2000, als sich der Kampf um Wohnraum wieder entzündete, waren es fast nur Flüchtlinge und MigrantInnen. Viele von ihnen waren kurz davor angekommen. Mit der Krise von 2007 begann die Mittelklasse zu verarmen und Erwerbsarme tauchten auf. Während Wohnkosten stiegen, wurden unzählige Arbeitsplätze abgebaut. Somit verloren viele ItalienerInnen und MigrantInnen ihr Zuhause durch Zwangsräumung aufgrund von Mietrückständen und Insolvenz. Zur Zeit des Arabischen Frühlings und der Destabilisierung Libyens verließen viele Flüchtlinge das mangelhafte und volle Aufnahmesystem in Italien, und besetzten infolgedessen Objekte. Eine Neuheit der letzten Jahre ist der Einstieg der Roma bei Hausbesetzungen. Als in Metropoliz 2009 erstmals Roma-Familien in ein besetztes Haus zogen, begannen auch andernorts Roma diesen Weg zu wählen, um sich der diskriminierenden Politik zu widersetzen. Auch wenn der Anteil italienischer Familien mit der Krise zugenommen hat, sind 80 Prozent der Menschen in besetzten Gebäuden Flüchtlinge und MigrantInnen.

Wie wirken sich die aktuelle Bewohnerstruktur, Roms besonderer Kontext einer Handvoll einflussreicher AkteurInnen und die gegenwärtige Politik auf Hausbesetzungen aus?
Irene: Im Gegensatz zu früher, als Widerstand zur Vergabe von öffentlichen Wohnungen führte, haben HausbesetzerInnen heute keine Aussicht auf eine Sozialwohnung. Das heißt, den Menschen ist bewusst, dass sie eine längere Zeit gemeinsam verbringen werden. Also betrachten sie das besetzte Gebäude als ihr Zuhause, außer jene, die ihren Migrationsweg nach Lösung der bürokratischen Angelegenheiten Richtung Nordeuropa fortsetzen.
Das 4-Stelle-Hotel ist eine der größten Hausbesetzungen in Rom. Ungefähr 700 Menschen kamen am Tag der Tsunami Tour im Eurostar Kongress- und Konferenzhotel an. Von ihnen fanden dort 520 ein neues Zuhause. Was waren die ersten Schritte der Aneignung einer derart großen Struktur und wie fand die Zuteilung der Zimmer und auch die Errichtung von Gemeinschaftsräumen statt?
Leroy S.P.Q.R’DAM: Am Beginn, für fast drei Monate, mussten alle Leute aus Sicherheitsgründen gemeinsam im Erdgeschoss bleiben. Hätte eine Zwangsräumung stattgefunden, wäre es so einfacher gewesen, den Ort zu verteidigen.
Valerio: Die Absicherung des Gebäudes mit Barrikaden war eine der ersten gemeinsamen Aktivitäten. Ebenso wie die Streikposten, also die Kontrolle einer möglichen Ankunft der Polizei am Dach und am Eingang, die von jeder und jedem gemacht werden musste. In den Sechs-Stunden-Schichten begannen sich Leute aus unterschiedlichen Ländern mit verschiedenen Sprachen und Religionen kennenzulernen. Aber neben diesem ersten Schritt, der von BPM organisiert worden ist, fingen die Menschen an, sich selbst zu organisieren und sich den eigenen Fähigkeiten entsprechend zu sammeln, um verschiedene Gruppen wie für Reinigung oder Elektrik zu bilden. Dieser Grassroot-Austausch förderte die Interaktion der BewohnerInnen. Zwischen den Familien vermittelten meistens die Kinder, da sie die einzigen waren, die gut Italienisch sprachen. Eine weitere kollektive Aktivität, die von Anfang an gelebt wurde, war das Kochen. Ich erinnere mich an die Frau aus Marokko, die Brot backte, das sowohl für ihre Familie gedacht war als auch für Feiern und für jene, die in der Früh in die Arbeit gingen. Daraufhin öffneten weitere Küchen. Es gab auch gemeinsamen Italienischunterricht, organisiert von Freiwilligen. In diesen drei Monaten häuften sich aber auch die Probleme, da die BewohnerInnen quasi übereinander lebten.
Leroy S.P.Q.R’DAM: Dann, im März, erhielt jeder Nukleus – so nennen wir eine Familie oder Einheit – ein Zimmer. Je nach Größe eine Suite, ein oder zwei Zimmer. Die Zuteilung wurde von BPM entschieden. Die Leute waren überglücklich, als sie ihren Namen und ihre Zimmernummer hörten, und den Schlüssel erhielten. Die Menschen im Raum applaudierten bei jeder einzelnen Übergabe. Es war als hätten sie alle im Lotto gewonnen. Wie bei jeder Besetzung hängt die Nutzung der Gemeinschaftsräume und -flächen von den Menschen im Haus ab, von ihren Leidenschaften, Interessen und Wünschen. So ist jedes besetzte Gebäude anders, weil die Menschen unterschiedlich sind. Die Räume entstanden, weil die Notwendigkeit für manche Funktionen da war. Zum Beispiel wurde der Fitnessraum in der Versammlung von einem jungen Mann, der Boxer ist und den anderen Boxen beibringen wollte, vorgeschlagen. Es gibt auch ein Fußballfeld, das von den Kindern initiiert worden ist.
Inwiefern unterscheidet sich das 4-Stelle-Hotel mit seiner rationalen Typologie, der Kapazität von 238 Hotelzimmern und den bereits bestehenden Räumlichkeiten wie Sitzungsräumen, Restaurantbereich oder möblierten Zimmern von anderen Besetzungen in Bürogebäuden, öffentlichen Einrichtungen oder auf industriellen Arealen?
Leroy S.P.Q.R’DAM: Es ist wie die Plug-in-City von Archigram. Es ist eine große Struktur mit vielen Steckplätzen, welche mit Funktionen gefüllt werden können. Es sind zwei unterschiedliche Arten von Steckplätzen: die Hotelzimmer auf zwei bis vier Geschossen und die ehemaligen Serviceflächen im Erdgeschoss zusammen mit der Parkgarage sowie dem großen Konferenzsaal im Untergeschoss. Der Umbau der Hotelzimmer in Wohnungen war einfach. Sie waren bereits mit Toiletten ausgestattet. Manche Familien fügten ein zweites Waschbecken für die Küche hinzu und zum Kochen verwendeten sie Gasflaschen. Somit bestand die größte Arbeit darin, jeden Raum an das Wassersystem anzuschließen. Die Zimmer sind sehr flexibel, weil die Trennwände aus Trockenmauern bestehen. So schlossen die Familien in vielen Fällen zwei Zimmer über eine Tür zusammen. Einen Raum benutzen sie als Wohn- und Esszimmer, wo die Toilette zur Küche umgebaut wurde, den anderen weiterhin als Schlafzimmer. In einer Fabrik oder einem Bürogebäude ist es weitaus schwieriger, weil es meist große, offene Räume oder Hallen gibt und die Toiletten an wenigen Stellen konzentriert sind. Es müssen also zuerst Trennwände errichtet und die Leitungen neu verlegt werden. Im Vergleich dazu bietet das Hotel eine geeignete Struktur für eine Hausbesetzung. Das Erdgeschoss konnte im Handumdrehen in Gemeinschaftsräume verwandelt werden, wie die kollektiven Küchen in den ehemaligen Sitzungsräumen, der Fitnessraum im alten Konferenzraum oder der Infostand anstelle der Rezeption. Jeder Raum ist bereits mit Strom und Fenstern ausgestattet. Nur die Industrieküche wurde aus Sicherheitsgründen nie benutzt. Das gleiche gilt für die Aufzüge.
Welche Rolle spielt die räumliche Nähe von Metropoliz und dem 4-Stelle-Hotel für die in den besetzten Gebäuden wohnenden Menschen in einer Nachbarschaft mit mangelhafter Infrastruktur?
Leroy S.P.Q.R’DAM: Im Gegensatz zu Metropoliz liegt das 4 Stelle nicht an der Hauptstraße. Deshalb ist es weniger sichtbar. Metropoliz ist auch aufgrund seiner Aktivitäten stärker in die Nachbarschaft eingebunden. Aber es gibt eine starke Verbindung und Solidarität zwischen den zwei Orten. Zum Beispiel besuchen Kinder vom 4 Stelle die Hausaufgabenhilfe im Metropoliz, die dort von einem Kollektiv aus Studierenden organisiert wird. In Notfällen, wie dem Brand im 4 Stelle im November 2018 oder dem Risiko einer Zwangsräumung, helfen sich die Leute gegenseitig.
Irene: Obwohl das 4 Stelle räumlich isoliert ist, haben die Menschen einen starken Gemeinschaftssinn im Inneren entwickelt und sind nach außen hin über die Schulen oder die Arbeit gut vernetzt. Auch wenn verschiedene Religionen praktiziert werden, bleiben besetzte Häuser säkular. Sie feiern ihre traditionellen Feste gemeinsam, MuslimInnen feiern beispielsweise mit den orthodoxen ChristInnen Weihnachten.
Wie beschreibt ihr das 4-Stelle-Hotel heute, nach sieben Jahren Besetzung?
Valerio: Die andauernde Bedrohung einer Zwangsräumung wirkt sich auf die Stabilität eines Ortes aus. Der soziale Druck, die Isolation, die Kriminalisierung und die Marginalisierung ausgeübt von der Stadtverwaltung, wie beispielsweise die simple Geste, keine Mülltonnen im Freien zur Verfügung zu stellen, haben Auswirkungen auf die Menschen, die dort leben. Das führt infolge auch zu Problemen im Zusammenleben. Das Gemeinschaftsleben hat Höhen und Tiefen. Trotzdem werden immer noch Räume geteilt, gemeinsame Aktivitäten finden statt und neue werden vorgeschlagen. Hausbesetzungen sind dynamisch, bewegen sich und bleiben nie gleich. Der Umstand, dass sie dynamisch und unberechenbar sind, mit Menschen aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Vorgeschichten, ist das eigentliche Wesen von Hausbesetzungen. Es geht um die Förderung der Menschen, ihre eigenen Möglichkeitsräume zu erschaffen, ihre Selbstbestimmung zu erlangen, um selbst zu entscheiden, auf welche Art und Weise sie leben und zusammenwohnen wollen, und dabei haben sie auch das Recht zu scheitern, allerdings mit ihren eigenen Händen. Natürlich, wenn auf einen Gemeinschaftsraum nicht geachtet wird, wird er sich verschlechtern. Einige der Räume werden sehr intensiv genutzt, wie der Fitnessraum oder die kollektiven Küchen, sie bleiben; andere haben sich geändert.

12.000 Menschen wohnen in Rom in 90 besetzten Gebäuden. Das ist eine bedeutende transformative Kraft auf Stadtraum und im Kampf um Wohnraum. Welchen Einfluss haben Recht-auf-Wohnen-Kollektive und andere Grassroots-Bewegungen auf die Wohnpolitik, auf regionaler und nationaler Ebene?
Irene: Zurzeit arbeitet die neue Regierung der Demokratischen Partei und der Fünf-Sterne-Bewegung an einem nationalen Wohnbauprogramm, das mit einer Milliarde Euro budgetiert ist, was selbstverständlich nicht ausreicht! Zusammen mit anderen aktivistischen Bewegungen hat BPM Mitte Oktober an einer Sitzung mit dem Infrastrukturministerium[3] teilgenommen, um zu diskutieren, wie dieses Geld ausgegeben werden soll. Wir fordern, dass die öffentliche Verwaltung leerstehende private Gebäude, die jüngst zu Spekulationszwecken gebaut wurden, zu den Errichtungskosten – und nicht teurer – kauft und in öffentlichen Wohnraum umwandelt. Darüber hinaus besteht eine unserer zentralen Anstrengungen darin, weiterhin die Abschaffung des Artikels 5 des Wohngesetzes zu fordern. Wir befinden uns derzeit an einem Scheideweg. Entweder entscheidet sich die Regierung für die nächsten Zwangsräumungen besetzter Häuser und wird mit Widerstand seitens der Bewegungen konfrontiert werden, oder sie stoppt diesen Plan und arbeitet an einer Wohnpolitik ohne Notfallmanagement. Inzwischen sind die Bewegungen bereit, sich unter dem Slogan By any means necessary jeder weiteren möglichen Zwangsräumung zu widersetzen.
Danke für das Gespräch!
Irene Di Noto ist Aktivistin bei BPM, mit denen sie Aktionsforschung betreibt. Sie hat Politikwissenschaft (L’Orientale, Neapel) und Kommunikation (La Sapienza, Rom) studiert und arbeitet im Bereich der Kommunikation sowie als Kinderpädagogin und Streetworkerin. Ihre Publikationen sind R/home diritto all’abitare dovere capitale (Bordeaux Edizioni 2018); Quale decoro? veröffentlicht in Maam Museo dell’Altro e dell’Altrove di Metropoliz_citta meticcia (Bordeaux Edizioni 2017); und Roma: l’ospitalità occupata in L’utopia dell’asilo. Il diritto di asilo in Italia nel 2005 (Ega Editore, 2006).
Valerio Muscella ist freiberuflicher Fotograf in Rom. Er interessiert sich für die Themen soziale Bewegungen, Menschenrechte, Zwangsmigration in Europa und Nahost. Gemeinsam mit Paolo Palermo hat er das Leben im 4-Stelle-Hotel in der gleichnamigen Web-Dokumentation aufgenommen.
www.valeriomuscella.net
Leroy S.P.Q.R’DAM unterrichtet Kunst an einem Gymnasium in Rom. Als Architekt und Künstler nimmt er an Transformationen von leerstehenden Gebäuden in Hausbesetzungen, wie dem Metropoliz und 4-Stelle-Hotel, teil.
https://myspace.com/leroy23_spqrdam
Fußnoten
Carina Sacher bewegt sich in ihrer Arbeit an den Schnittstellen von Architektur und Stadtforschung. Der Schwerpunkt liegt dabei im Bereich Wohnen im Zusammenhang mit sozialer Gerechtigkeit und Prekarisierung.
Irene Di Noto ist Aktivistin bei BPM, mit denen sie Aktionsforschung betreibt.
Valerio Muscella
Leroy S.P.Q.R’DAM
Weiterführende Links:
Web-Dokumentation 4-Stelle-Hotel von Valerio Muscella und Paolo Palermo:
www.4stellehotel.it
Metropoliz, MAAM:
https://www.facebook.com/lab.metropoliz/
https://www.facebook.com/museoMAAM/
https://www.spacemetropoliz.com/
Laufende Informationen und Aktionen von BPM: https://www.facebook.com/Blocchi-Precari-Metropolitani-675076152611908/