Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.


Das Witzige am Wohnen ist, dass es einerseits so selbstverständlich und alltäglich ist, es sich andererseits jedoch als furchtbar schwer herausstellt, es zu definieren. Wenn man geht, schläft oder isst, ist relativ klar, was man macht, aber was tut man, wenn man wohnt? Ein Blick ins etymologische Wörterbuch bringt wohnen in Zusammenhang mit gewöhnen und gewohnt, aber auch mit Wonne. »Lieben, schätzen«, ist zu lesen, »wäre demnach die Ausgangsbedeutung« (Kluge 2002, S. 995). Viel einfacher ist es mit der Wohnungsfrage. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird sie breit diskutiert und ist aufs Engste mit der Industrialisierung und dem Städtewachstum verknüpft. Ausschlaggebend für ihr Auftauchen ist, dass die Schaffung von Wohnraum ein Geschäftsmodell und Wohnraum somit zur Ware wurde.
       Wohnen ist ein nicht substituierbares Gut und daher ein UN-Menschenrecht. Wir alle müssen Wohnen und brauchen ein Dach über dem Kopf. Wohnformen sind mit den politischen und ökonomischen Verhältnissen unauflöslich verbunden und dadurch geprägt. Das reicht von den feudal und patriarchal geprägten Zeiten, in denen Bauer und Knecht sowie Handwerker und Geselle unter einem Dach lebten, zu den späteren, von Unternehmern geschaffenen Arbeiterunterkünften, über das kleinfamiliäre Massenwohnen der Nachkriegszeit im 20. Jahrhundert bis zu den Gated Communities und der Warenförmigkeit des Wohnens in der neoliberalen Gegenwart. Die Wohnungsfrage berührt Fragen der Ökonomie und Politik, der Ökologie und Nachhaltigkeit, der Architektur und Soziologie gleichermaßen.
       Setzt man Wohnung nicht einfach nur mit Behausung gleich, zeigt sich, so seltsam es auch klingen mag, dass nicht immer schon gewohnt wurde. Wohnen im heutigen Sinne ist eine Folge gesellschaftlicher Verhältnisse und war nicht immer Teil menschlichen Lebens. Hartmut Häußermann und Walter Siebel setzen die Anfänge des Wohnens mit der Entstehung von Lohnarbeit und Freizeit an. Lohnarbeit findet nicht in der eigenen Unterkunft, sondern an einem externen Ort statt. Die unproduktiven Zeiten verteilen sich nicht mehr über den ganzen Tag, sondern werden am Ende des Arbeitstags konzentriert, wodurch erst so etwas wie Freizeit entsteht. »In diesem Prozeß der räumlichen und zeitlichen Abspaltung von Teilen der produktiven Arbeit entsteht auch erst Wohnen im heutigen Sinn als räumliches, zeitliches und inhaltliches Gegenüber zur im Betrieb organisierten beruflichen Arbeit. Der Haushalt steht nicht mehr im Mittelpunkt der Wirtschaft. Markt und Erwerbswirtschaft drängen Selbstversorgung und ›Unterhaltswirtschaft‹ (Egner) an den Rand.« (Häußermann & Siebel 2000, S. 24–25)
       Die Entwicklung vom »Ganzen Haus als autarker Selbstversorgungseinheit von Produktion und Konsum hin zum städtischen Konsumentenhaushalt« (ebd., S. 26) sowie derjenigen vom Großhaushalt von mehreren Familiengenerationen sowie Dienstpersonal, Gesellen, Knechten, Mägden hin zur Zweigenerationen-Kernfamilie schien unaufhaltsam. In den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch gezeigt, dass es in beiden Bereichen zu einer Umkehr dieses Prozesses kommt oder die Entwicklung eine Abzweigung nimmt – wenn auch anfangs nur in Nischen und einzelnen Teilbereichen. Sowohl kollektive Wohnformen abseits der klassischen Kleinfamilie als auch der Wohnraum als Ort der Arbeit, Produktion und Selbstversorgung sind längst nicht mehr rein historische Motive oder Phänomene in weniger entwickelten Weltgegenden. Sie sind viel eher dabei, zu Modellprojekten für ein neues Zusammenleben in westlichen Städten zu werden, in denen Themen wie Wohnkosten, Vereinzelung, Nachhaltigkeit und Selbstverwirklichung immer wichtiger werden. Die Mängel des fordistischen Massenwohnens werden dadurch ein weiteres Mal transparent. Es braucht daher dringend Alternativen, die es längst und zunehmend vermehrt und vielfältiger gibt, wie wir in diesem Heft zeigen.
       Eine der erwähnten Alternativen sind die Hausprojekte der jungen Schweizer Genossenschaften. Ungefähr zur selben Zeit als in Deutschland das Mietshäuser Syndikat gegründet und in Wien am Wohn- und Kulturprojekt Sargfabrik geplant wurde, erschien in Zürich eine Broschüre, die das Konzept für Kraftwerk1 dargelegt hat. Einige Jahre später war die Genossenschaft Kraftwerk1 gegründet und das erste Hausprojekt Hardturm umgesetzt. Mit Andreas Wirz, einem der damaligen Initiatoren und dem heutigen Vorstand im Schweizer Verband der Wohnbaugenossenschaften, haben wir für diesen Schwerpunkt ein Interview geführt. Eine interessante Erkenntnis dabei: Die Erfahrungen aus den Züri-brennt-Hausbesetzungen in den 1980er-Jahren waren für die Genossenschaften in Zürich genauso wichtig wie die Häuserkämpfe in Freiburg für das Mietshäuser Syndikat. Sie haben neben vielem anderen maßgeblich beeinflusst, welche Rolle Mitbestimmung und Selbstorganisation spielen oder welche neuen Wohntypologien sich entwickelt haben.
       Um Selbstorganisation geht es auch im Artikel der Initiative School of Echoes Los Angeles, allerdings in Zusammenhang mit MieterInnenkämpfen in Los Angeles. Die AutorInnen sehen in Selbstorganisation nicht nur die einzige Chance, die Lebens- und Wohnverhältnisse für MieterInnen tatsächlich zu verbessern und Kämpfe zu gewinnen, sondern auch als »an experience of the possibility of true participatory democracy«. Ihr Artikel ist eine radikale Kritik sowohl des NGO-Non-Profit-Sektors als auch des US-amerikanischen Housing Movements.        Für Wohnungs- und Wohnrechtsfragen sind in Österreich viele Behörden, Magistrate und Ministerien auf unterschiedlichen Ebenen zuständig. Darüber hinaus gibt und gab es zwischen den ehemals bestimmenden Parteien ÖVP und SPÖ immer schon sich gegenseitig ausschließende ideologische Positionierungen. Wie auch im aktuellen Wahlkampf deutlich sichtbar, ist für die rechtskonservative ÖVP das Thema Wohnungseigentum von zentraler Bedeutung, während die SPÖ in ihrer aktuellen Kampagne die Mieten durch Abschaffung der Umsatzsteuer senken will. Die Voraussetzungen für eine Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen fürs Wohnen sind auf Bundesebene also denkbar schlecht. Das Forum Wohn-Bau-Politik hat deswegen einen Wohnrechtskonvent gestartet, um mit BürgerInnen und ExpertInnen über ein Jahr hinweg im Dialog mit politisch Verantwortlichen ein Weißbuch für ein neues österreichisches Wohnrecht zu erarbeiten. Wie es dazu kam, was die Erwartungen und die entscheidenden Knackpunkte sind, stellt Barbara Ruhsmann in ihrem Artikel Der Wohnrechtskonvent – ein konsultativ-demokratisches Experiment vor.        Die Krise der Wohnraumversorgung, insbesondere in den wachsenden Großstädten, ist eine drängende sozialpolitische Frage. Kein Wunder also, dass sich auch die rechtsextremen Parteien AfD und FPÖ dazu positionieren. Wie nicht anders zu erwarten, verknüpfen sie auch diesen Themenbereich mit Migrations- und Sicherheitspolitik und vertreten nationalistisch-sozialprotektionistische Ansichten, gleichzeitig setzen sie auf Eigentum und unterstützen marktliberale Positionen. Diese Ansprüche sind nicht immer unter einen Hut zu bringen, eine inhaltlich stringente Politik kaum möglich. Statements und Reaktionen enthalten je nach Situation und Konstellation immer wieder auch widersprüchliche Inhalte. Peter Bescherer, Gisela Mackenroth und Luzia Sievi analysieren in ihrem Beitrag für diesen Schwerpunkt, wie die AfD mit der gegenwärtigen Wohnungsfrage umgeht. Silvester Kreil hat sich die diesbezügliche Politik der FPÖ angesehen.        Den Abschluss des Schwerpunkts bildet ein Interview mit der Initiative Sommerpaket. Sie spielt mit ihrem Namen darauf an, dass Wien für Obdach- und Wohnungslose zwar ein Winterpaket schnürt, das von November bis April rund 900 zusätzliche Übernachtungsmöglichkeiten bietet, es diese Plätze aber eigentlich auch im Sommer, und damit übers ganze Jahr, bräuchte. Die Initiative setzt sich nicht nur für eine Verbesserung der Versorgung von Obdach- und Wohnungslosen ein, sondern auch für bessere Arbeitsbedingungen für die MitarbeiterInnen von Hilfs- und Betreuungseinrichtungen.        Als Extrabonus zum Schwerpunkt drucken wir anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Rotes Wien einen Text über die sehr zu Unrecht immer ein wenig im Schatten des Gemeindebaus stehende Wiener Siedlerbewegung nach, den Klaus Novy 1981 geschrieben hat.        Der Schwerpunkt wirft somit Schlaglichter auf einzelne Aspekte der Wohnungsfrage, die in ihrer Komplexität weit über diese Ausgabe der dérive hinaus geht. Viele andere Facetten haben wir bereits in früheren Heften behandelt. Daher planen wir als spezielles Service, demnächst eine Sammlung von ausgesuchten Texten rund um Wohnen und Wohnbau als PDF zu veröffentlichen.


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Literaturliste

Häußermann, Hartmut & Siebel, Walter (2000): Soziologie des Wohnens – Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens. 2. korrigierte Auflage. Weinheim/München: Juventa Verlag. Kluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin / New York: de Gruyter. Novy, Klaus (1982): Anmerkungen zum Verhältnis von Trägerformen und Finanzierungsalternativen. In: Arch+, Nr. 61, Februar 1982, S. 52–53. Aachen. Reulecke, Jürgen (Hg.) (1997): Geschichte des Wohnens, Band 3 – 1800–1918 Das bürgerliche Zeitalter. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.