Andre Krammer

Andre Krammer ist selbstständiger Architekt und Urbanist in Wien.


Kindergarten montic primary school, RWTH Aachen (c) Photo: S2Arch
Kindergarten montic primary school, RWTH Aachen (c) Photo: S2Arch

Das Architekturzentrum Wien (Az W) präsentiert derzeit die unter dem Titel Un jardin d’hiver zusammengefasste Ausstellung Bottom up. Bauen für eine bessere Welt. 9 Projekte in Johannesburg. Einen Teil der Doppelausstellung nimmt die Dokumentation von tatsächlich umgesetzten StudentInnenprojekten der Technischen Universitäten Innsbruck, Graz und Wien, der RTWH Aachen, der Kunstuniversität Linz und der Fachhochschule Kuchl ein. In einem anderen Teil wird eine Sammlung von kleinen Images und Texten präsentiert, die eine eigene Metaebene ausbilden. Die beiden Ausstellungsteile sind auch räumlich differenziert: Im Inneren von Schautafeln, die einen Raum formen, ist die Diskurs-Kollektion zu sehen (die auch die aktuelle Ausgabe von Hintergrund, Heft 32, zum Inhalt hat), außerhalb dieser werden die architektonischen Projekte gezeigt: Kindergärten, ein Tagesheim für behinderte Kinder, ein multifunktionales Gebäude, eine Erwachsenenbildungseinrichtung - allesamt Projekte, die in den Townships Johannesburgs in den Jahren 2004 bis 2006 realisiert wurden. Die Bild- und Textsammlung versammelt Fragmente einer Geschichte des Blicks in die Fremde und den Versuch in „fremden“ Territorien zu intervenieren, angereichert durch Textzitate von Michel Foucault, Gayatri Chakravorty Spivak und Donna Haraway.

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Diese Aufteilung in Projekte und Kommentar erscheint nur bedingt schlüssig, weil kein Dialog zwischen beiden Ebenen stattfindet und die Metaebene wie ein erhobener Zeigefinger über den Projekten zu schweben scheint: Macht es euch nicht zu leicht! Und natürlich rufen die Projekte, die an den Universitäten und in den Institutionen entworfen und in Afrika durch die StudentInnen unter Mitwirkung der lokalen Bevölkerung im Selbstbau errichtet wurden, Fragen auf. Die Problematik einer hierarchischen Beziehung des Austausches, der unterschiedlichen Lebenslagen und Bedingungen hier und dort ist nicht wegzudiskutieren. Auch ein gewisser Exotismus – eine europäische Tradition – ist in derartigen Projekten oft spürbar. Der Selbstbau in den Squattersiedlungen geschieht ja nicht in einer romantischen Tradition des „selbst Anpackens“, sondern aus der Ausweglosigkeit einer politischen und ökonomischen Situation heraus. Allerdings werden derartige Einwände auch sehr leicht und automatisiert gegen viele Formen der Entwicklungs-hilfe erhoben. Die neun vorgestellten Projekte entfalten eine auffällig homogene Ästhetik, die in einer pragmatischen Materialwahl (Holz, Wellblech, Plexiglas, etc.) begründet liegt und in Ansätzen an die Architekturen von Lacaton & Vassal erinnert.

Die Frage einer langfristigen Betreuung scheint wichtig: Interessant und notwendig wäre eine Ausstellung im Az W in zehn Jahren, die die Erfahrung der Südafrikaner-Innen mit den Einrichtungen dokumentiert; die Nachhaltigkeit derartiger Projekte lässt sich in der Gegenwart nicht umfassend klären.

Ein weiterer Einwand, der aber nichts mit dem allgemeinen Diskurs der Entwicklungshilfe zu tun hat, liegt in der isolierten Handlungsweise auf der Ebene der Architektur. Städtebau und Architektur werden – zumindest an den Fakultäten in Österreich – nicht als getrennte Studien angeboten. Und leider fehlen auch in der Ausstellung kontextuelle Analysen, die räumliche, ökonomische und politische Ebenen miteinander in Beziehung setzen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Architektur als ein Heilmittel auftritt (und als solches unterrichtet wird), das Kraft seiner Aura wirksam wird (und die vorgestellten Projekte sind auratische Objekte). Darin liegt auch eine Verharmlosung der Realität. Architektur ist natürlich (und glücklicherweise) nicht alles. Es ist aber erfreulich, dass sich solche Fragen überhaupt stellen und diskutiert werden. Ein Grund zum Feiern.

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Ausstellung
Un Jardin d'Hiver präsentiert Bottom up. Bauen für eine bessere Welt. 9 Projekte für Johannesburg
Architekturzentrum Wien
16. November 2006 - 5. Februar 2007


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