Das Lager und die moderne Architektur
Besprechung von »Lager als Architektur« von Antje Senarclens de GrancyMillionen Menschen wurden im Ersten Weltkrieg vertrieben und in Lagern untergebracht. Allein in der Habsburgermonarchie gab es rund fünfzehn Barackenlager für jeweils bis zu 30.000 Geflüchtete, die aus den Kriegsgebieten an den Rändern des Reichs kamen. Trotz ihrer Größenordnung sind diese Anlagen in der Architekturgeschichte weitgehend unbekannt – umso größer ist das Verdienst von Antje Senarclens de Grancy, die sie mit ihrem Buch Lager als Architektur in die Geschichte der modernen Architektur einschreibt. Das Buch behandelt Lager, in die Vertriebene aus Galizien und der Bukowina, Südtirol, dem Trentino oder Istrien gebracht wurden: Lager vor allem in Mähren, Niederösterreich und der Steiermark, die von Wien und anderen größeren Städten so weit entfernt waren, dass die Bevölkerung des österreichischen Kernlands mit ihnen kaum in Berührung kam. Das Skandalon dieser Architekturen ist, dass sie Bürger:innen der Monarchie beherbergten und als moderne Vorzeigearchitekturen präsentiert wurden, tatsächlich jedoch die Bewegungsfreiheit ihrer Bewohner:innen stark einschränkten und mit chaotischen Zuständen und enormen Sterblichkeitsraten verbunden waren. Zehntausende starben an Seuchen und Krankheiten, und der Grund dafür war nicht die bloße Überforderung mit der Aufgabe, viele Menschen unter Zeitdruck unterzubringen, sondern eben die Entscheidung, dies in Lagern zu tun, in denen sich rasch Seuchen ausbreiteten und die Versorgung, jedenfalls in der Anfangszeit, mehr als mangelhaft war.
Das in zwei Teile gegliederte Buch unternimmt zweierlei: Zum einen zeigt es, dass die Planung dieser Lager selbstverständlicher Teil der Architektur- und Städtebaudebatte war. An ihr waren akademisch ausgebildete Architekten wie der Otto-Wagner-Schüler Max Joli beteiligt und ihre Pläne und Modelle wurden öffentlichkeitswirksam in Ausstellungen gezeigt. Trotz der hohen Sterblichkeitsraten wurden die Lager als moderne Anlagen, ja als Städte präsentiert, die den Erfordernissen des modernen Städtebaus beispielhaft entsprechen sollten. Zum anderen gibt das Buch einen Überblick über die Literatur zur Theorie und Geschichte moderner Lager. Die habsburgischen Kriegsflüchtlingslager werden in die breitere Geschichte moderner Barackenlager eingeordnet, und dabei geht es nicht zuletzt um die Rolle dieses Bautyps im Architekturdiskurs. Das Buch zeigt so die irritierende Bandbreite des Einsatzes von Barackenlagern, die im heutigen Gedächtnis aufs Engste mit den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern verbunden sind: Nach dem millionenfachen Massenmord an Jüdinnen und Juden sind Barackenlager nicht mehr thematisierbar, ohne das Grauen des Holocaust mitzudenken. In der Folge verschwand der Bautyp aus den Narrativen der Geschichte der modernen Architektur, die in der Nachkriegszeit zugleich heroisiert und politisch vereindeutigt wurde. Erst heute wird das überaus komplexe Verhältnis von Architekturmoderne und Nationalsozialismus breiter diskutiert, prominent letztes Jahr in der Weimarer Ausstellung Bauhaus und Nationalsozialismus. Und erst langsam wurde es auch möglich, die Verbreitung und Bandbreite moderner Lager zu thematisieren. 2006 tat dies etwa der Band Architektur auf Zeit von Axel Doßmann, Jan und Kai Wenzel, und letztes Jahr legte der Architekturhistoriker Robert Jan van Pelt, der seit 1989 zu Auschwitz publiziert hat, eine Geschichte der Baracke von 1572 bis 1914 vor.
Während Baracken meist als anonyme Behelfsbauten behandelt werden, zeigt Lager als Architektur, dass die Geschichte des modernen Lagers und die Geschichte des modernen Wohn- und Städtebaus eng miteinander verflochten waren. In einer Verbindung von Archivrecherche, typologischer Forschung und Diskursanalyse geht das akribisch recherchierte Buch von Antje Senarclens de Grancy diesen Verknüpfungen nach. Es zeigt, wie Raster- und Zellenanordnungen in verschiedensten modernen Architekturtypologien Ordnung und Adressierbarkeit sicherstellen sollten; wie Standardisierung und Präfabrikation in Zeiten der Wohnungsnot rasche Abhilfe versprachen; und dass die funktional geordneten und mit moderner Stadttechnik versehenen Kriegsflüchtlingslager tatsächlich als moderne Städte verstanden wurden. Selbständige, vor und nach dem Krieg mit dem Bau von Wohnhäusern befasste Architekten waren an ihrem Bau beteiligt, und manche Lager wurden später zu ›Wohnkolonien‹ ausgebaut. Aufwändig gestaltete Kirchen in Holzbauweise, die an die Architektur der Herkunftsländer der Vertriebenen erinnern sollten, bildeten ihr Zentrum; im Verlauf des Kriegs kamen Volkshallen mit Kino- und Theatersälen hinzu. Es gab Werkstätten, Schulen, Spitäler, Kantinen und Kioske. Fürsorge und Gewalt waren jedoch eng verbunden: Die mit Evakuierungszügen aus den Kriegsgebieten gebrachten Menschen wurden einem logistischen System unterworfen, das sie sortierte und desinfizierte – sie aber trotz oder gerade wegen der Seuchengefahr in umzäunten Lagern mit nur einem Eingang konzentrierte, in Baracken, die in Abmessung und Typologie damaligen Musterplänen für die Massentierhaltung entsprachen. Zu bestimmten Zeiten waren pro Baracke zwischen 250 und 600 Personen untergebracht, mit nicht mehr als 1,3 m2 Grundfläche pro Person. Erst nach Ausschreitungen verbesserten sich die Wohnverhältnisse; die Großraumbaracken wurden unterteilt und zugunsten kleinerer Einheiten aufgegeben. Das Eingangstor markierte aber weiterhin einen Raum der Rechtlosigkeit: Es ging weniger darum, Wohnraum zu schaffen, als Menschenströme (die auch als solche aufgefasst wurden) zu kontrollieren.
Die habsburgische »Flüchtlingsfürsorge« war mehr oder weniger offen rassistisch. Sie hatte weniger den Schutz der Geflüchteten im Sinn als den der ansässigen Bevölkerung, von der die vom Krieg vertriebenen ruthenischen, polnischen, jüdischen und italienischen Bevölkerungsgruppen, die als rückständig und unzivilisiert galten, separiert werden sollten. Zugleich wurde in den Flüchtlingslagern die Landeskultur der Vertriebenen gepflegt. Die Lagerbewohner:innen wurden für Ausstellungen in Landestracht abgelichtet, und Besucher der Lager berichteten von diesen wie von Völkerschauen, die sie von Kolonialausstellungen kannten. Wie das Buch zeigt, kam in den habsburgischen Kriegsflüchtlingslagern eine koloniale Struktur zum Ausdruck, die durch ein zivilisatorisches Überlegenheitsgefühl gegenüber den Ethnien an der Peripherie des Reichs gekennzeichnet war. Es trägt damit ebenso zur Debatte um die Kolonialität des Habsburgerreichs bei wie zur Frage des Verhältnisses von Architekturmoderne und Kolonialismus, die zu einem zentralen Thema der Architekturgeschichte geworden ist. Itohan Osayimwese hat 2017 mit Colonialism and Modern Architecture in Germany die kolonialen Ursprünge des modernen (mobilen) Bauens offengelegt; und Architecture of the Counterrevolution von Samia Henni, ebenfalls 2017 erschienen, zeigt, wie Architektur im Algerienkrieg zur gewaltsamen Umsiedlung der Bevölkerung eingesetzt wurde. Lager als Architektur verbleibt auf dem europäischen Kontinent, verändert den Blick auf moderne Architektur aber ebenso nachhaltig, wenn es deren Entstehung mit der kriegsbedingten Massenmobilisierung im Ersten Weltkrieg in Zusammenhang bringt und das Gewaltpotenzial der neuen mobilen Architektur beschreibt. Das Thema könnte nicht aktueller sein: Nach einer UNHCR-Statistik waren 2024 weltweit mehr als 122 Millionen Menschen auf der Flucht.
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Antje Senarclens de Grancy
Lager als Architektur. Kriegsflüchtlingslager der
Habsburgermonarchie und Architektur
der Moderne
Reihe Exploring Architecture
Basel: Birkhäuser, 2024
416 Seiten, 88 Euro
Christa Kamleithner ist Architekturhistorikerin und Kulturwissenschaftlerin. Sie forscht und lehrt seit 2024 als Postdoktorandin am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich.