Manfred Russo

Manfred Russo ist Kultursoziologe und Sozialforscher an der Universität Wien und ist Professor an der Bauhaus Universität Weimar.


Es ist im Grunde erstaunlich, dass es zum Thema Stadion kaum Literatur mit geisteswissenschaftlicher, philosophischer oder kultureller Tendenz gibt. Wenn man von John Bale, dem englischen Autor, der schon einige einschlägige Bücher zu diesem Thema verfasst hat, absieht, fällt einem aktuellerweise allenfalls noch Peter Sloterdijks Abhandlung im 3. Band seiner Sphärentrilogie ein, in der er das Stadion als eine Überwältigungsmaschine und einen Kollektor der Masse darstellt. Diese defizitäre Lage wurde nun etwas ausgeglichen, indem rechtzeitig zur Fußball-WM ein umfangreiches Kompendium zu diesem Thema vorgestellt wurde. Die Herausgeber Marschik, Müllner, Spitaler und Zinganel versammelten für ihr Buch „Das Stadion“ ein Team von AutorInnen, die diesen Typus von Gebäude aus der Perspektive der Geschichte, der Architektur, der Politik und der Ökonomie beschreiben und in Summe einen recht lesenswerten Reader zu diesem Thema produzierten. Die Inspiration verdanken sie nach eigenen Angaben ihrem Aufenthalt als Stipendiaten des IFK, wo diese Idee zu einem gemeinsamen Projekt reifen konnte. Mit John Bale konnten sie nicht nur den Verfasser einer programmatischen Einleitung zu den aktuellen Fragen der Territorialität und Segmentierung des Stadions mitsamt den damit verbundenen Sicherheits- und Überwachungstechnologien, sondern auch den zu diesem Thema prominentesten Autor für sich gewinnen.

Die Einführung wird durch Jan Tabors Essay ergänzt, der in der Form einer Skizze architekturtheoretische mit den jeweiligen politischen Perspektiven in Verbindung bringt. Nebenbei erinnert er daran, dass bis 1948 auch Künstler und Architekten an der Olympiade teilnahmen und wie die Athleten ohne Zeichenstift mit Medaillen belohnt wurden. Die Vorstellung einer Renaissance dieser Praktik hat für den Verfasser dieser Zeilen etwas Faszinierendes an sich und könnte am Ende die Fusion von Kunstakademien mit Sporthochschulen zur Folge haben, die schon aufgrund der Ersparniseffekte durchaus in die aktuelle Universitätspolitik Eingang finden könnte.

Das Buch gliedert sich in drei weitere Abschnitte, die den historisch-politischen Raum, weiters aktuelle Beispiele für die Verbindung von Stadion und Politik und schließlich die Ökonomisierung des Stadions betreffen. Im historischen Teil, der aufgrund der Genese des Stadions in der Kultur der Antike von größter Bedeutung ist, legt Bettina Kratzmüller einen konzisen Text zur Situation in der Antike vor, der nicht nur den thymotischen Geist des antiken agons auferstehen lässt, sondern auch durch eine Fülle von Quellenmaterial gekennzeichnet ist; in ähnlicher Weise richtet Werner Petermandl einen Blick auf das Publikum, dessen Motive sich von der modernen Zuschauerschaft kaum unterscheiden und schon auf diese Weise die Kontinuität zwischen Gebäudetyp und anthropologischer Situation belegen. Mit Swantje Scharenberg und Rudolf Müllner gelangen wir in die jüngere Vergangenheit, indem sie die Geschichte des Münchner und Wiener Stadions mitsamt ihren politischen Implikationen erzählen. Die aktuellen Beispiele des Zusammenhanges mit der Politik handeln vom Verhalten der Masse, inspiriert von Elias Canetti (Camiel van Winkel), vom Stadion als Gefängnis, das einen Überblick auf diese von der Öffentlichkeit zumeist verdrängte und dunkle Realität dieses Bauwerkes gibt, die von Chile über Afghanistan bis Ex-Jugoslawien reicht (Bernhard Hachleitner), in „Vukovar“ beschreibt der Autor die aktuell im Stadion mittels Fußball ausgetragenen Konflikte zwischen Kroatien und Slowenien und deren Inszenierung (Uwe Mauch), über die Kriterien der Namengebung europäischer Stadien untersuchen - auch aus der Fanperspektive – Max Morten Borgmann und Markus H. W. Flohr, zur Frage politischer Repräsentation und symbolischer Politikvermittlung, konkret: Was treiben die PolitikerInnen im Stadion und wie können sie den Fußball als politische Bühne nützen, informiert Markus Pinter. Im letzten Abschnitt zur Ökonomisierung des Stadions behandelt Jochen Becker die Logistik des Stadions für die Freizeitindustrie, die im Kontext der Sportevents in Hinkunft völlig neue Erlebniswelten anbieten wird, um so auch eine Disneyfizierung des Sports zu erzeugen. Michael Zinganel und Christian Zillner schreiben über Stadien in Auflösung und das Verschwinden der Monumente in der Eventgesellschaft. Die Profanisierung der Fußballarena durch Kulturalisierung und Anpassung an die Medientauglichkeit hat die Entweihung einer der letzten Stätten genuin proletarischer Kultur zur Folge, der kulturelle Kapitalismus ist auch hier am Vormarsch. Das nächste Kapitel handelt von der Investition öffentlicher Gelder in den Stadionbau in den USA für rein kommerziellen Football- und Baseballsport, der jährlich 7 bis 8 Millionen US-Dollar Verlust pro Stadion bringt und als ein Ergebnis des Städtewettbewerbs in der Hoffnung auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu sehen ist, deren Realisierung allerdings im Diffusen verbleibt (Michael Leeds). Dieser Frage könnte man auch hierzulande nachgehen. Die Expansion von Stadien als Strategie der Stadterneuerung in den USA ist ebenfalls eine verbreitete Politik, die in den Kontext des vorhergehenden Kapitels passt und ebenso auf der Schiene der kulturellen Investition läuft. Im Übrigen zeigen die letztgenannten Artikel auch, dass die Errichtung eines Stadions ausreichender Planung und Untersuchung der potenziellen Auswirkungen auf die Umgebung bedarf, die auch einen konzisen Marketingplan für die Nutzung beinhalten sollte. In Österreich pflegt man Stadien ja gerne in berühmte Sichtachsen des Barock zu verlegen, wie das Salzburger Beispiel des von Fischer von Erlach errichteten Schlosses Kleßheim zeigt.

Neben den zahlreichen Texten sind auch zwei Fotoessays im Buch enthalten, die den Fans und der Mediatisierung der Stadien gelten und für optische Auflockerung sorgen. Wer auch immer zum Thema Stadion Informationen sucht, Inspiration erhofft oder kulturellen Input erwartet, wird in Hinkunft auf dieses Buch nicht verzichten können.


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