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Die Begriffe Stadt und Urbanisierung bei Henri Lefebvre
Eine Inspiration für Recht auf Stadt-Bewegungen heuteMit den Recht auf Stadt-Bewegungen haben auch die theoretischen Arbeiten des französischen Philosophen und Soziologen Henri Lefebvres neuen Aufwind bekommen – hat er doch Ende der 1960er Jahre einen Text mit dem Titel Das Recht auf die Stadt geschrieben: Le droit à la ville (Lefebvre 2009). Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit urbane soziale Bewegungen heute tatsächlich etwas mit dem Text Lefebvres zu tun haben. Waren damals die gesellschaftlichen Probleme nicht ganz andere? Liegen die Ursprünge der breiten Mobilisierung heute nicht eher in den drängenden Schwierigkeiten, die viele in ihrem städtischen Alltag erfahren: steigende Mieten, Schein-Partizipation, Statuskonsum? Hätte es die Bewegungen – auch unter dem Slogan – nicht auch ohne Lefebvres Text gegeben? Kurzum: Muss man das Werk Lefebvres kennen und verstanden haben, um ein Recht auf Stadt einzufordern? Nein. Es gibt viele gute und legitime Gründe, sich unter dem Slogan Recht auf Stadt zusammenzuschließen (vgl. Gebhardt/Holm 2011, S. 16ff.; Vogelpohl 2013, S. 28ff.): der Begriff ist leicht verständlich und artikuliert damit eine große Offenheit sowohl für Themen als auch für Personen; er stellt Verbindungen zu Netzwerken mit dem gleichen Slogan an anderen Orten her und lässt die Bewegung damit international werden. Dies sind Gründe genug, warum Recht auf Stadt ein guter Slogan ist. Und dennoch gibt es diese eine weitere Dimension, die historische und theoretische, die eben eng mit Henri Lefebvre verknüpft ist und ebenfalls wertvoll sein kann. Das zeigt beispielsweise die Bloggerin strickliesel auf dem Blog Schätzchen besonders charmant: Unter dem Stickwort Lefebvre # stricken macht sie zum einen die Schwierigkeiten deutlich, die verschiedenen Fäden von Lefebvres Arbeiten aufnehmen und verknüpfen zu können; zum anderen zieht sie aber auch viele Ideen aus dem Lesen des Buches Die Revolution der Städte (Lefebvre 1972), das sie explizit mit der Frage liest: »Wie kann Lefebvre in Bezug auf aktuelle Kämpfe um Stadt gelesen werden?« (2010) Für strickliesel ist es vor allem das Zulassen utopischen Denkens, das sie aus dem Text herausliest. Das Argument dieses Beitrages ist also, die Auseinandersetzung mit dem Werk Lefebvres nicht als Voraussetzung für Recht auf Stadt-Bewegungen aufzufassen, sondern als Inspiration. Diese keimt u. a. in einem zukunftsbezogenen Stadtbegriff und einer revolutionären Idee von Urbanisierung. Deshalb behandle ich im Folgenden die lefebvreschen Begriffe Stadt und Urbanisierung entlang der Leitfrage nach fruchtbaren Inspirationen und versuche daraufhin eine erste Entfaltung dieser Inspirationen für ein Recht auf Stadt heute. Die volle Entfaltung der Inspirationen wird allerdings eine permanente und weit verzweigte lokale Praxis bleiben (müssen).
Was ist Stadt bei Lefebvre – und wo?
Henri Lefebvre hat seine Gedanken zu Stadt und Raum aus praktischen Erfahrungen heraus abgeleitet. Das Zusammenspiel studentischer Revolten und Arbeiterproteste in Paris im Mai 1968 hat ihm die Wichtigkeit von Begegnungen zwischen unterschiedlichsten Personen und Gruppen vor Augen geführt. In der Folge kam er zu Überlegungen über das Städtische, das eben jene Begegnungen erzeuge (u. a. Lefebvre 1996, S. 131). Kurz zusammengefasst heißt das: Die Stadt und das Urbane sind für Henri Lefebvre keine Orte, sondern soziale Verhältnisse der wechselseitigen Inspiration und des kollektiven Agierens. In seinen eigenen Worten: »Was erschafft [die Stadt]? Nichts. Sie zentralisiert […]. Und dennoch, sie erschafft alles. Nichts existiert ohne Austausch, ohne Annäherung, ohne Nähe, ohne Beziehungsgefüge also. Sie schafft eine, die urbane Situation, in der unterschiedliche Dinge zueinanderfinden und nicht länger getrennt existieren.« (Lefebvre 1972, S. 127; Hervorhebung i. O.) Wieso spricht Lefebvre nun nicht einfach von Gesellschaft, um soziale Verhältnisse zu begreifen – sondern von Stadt und Raum? Er tut dies, weil die sozialen Verhältnisse sich nur im und durch den Raum realisieren können: »Their underpinning is spatial.« (Lefebvre 1991, S. 404) Gesellschaftliche Verhältnisse entstehen und verändern sich, indem Raum entsteht und sich verändert. In der Produktion des Raumes lassen sich dementsprechend auch gesellschaftliche Veränderungen ablesen. Das Städtische ist mit diesen Vorannahmen also ein ganz spezifisches soziales Verhältnis, für das es sich nach Lefebvre zu kämpfen lohnt, weil es für eine veränderte Gesellschaft ohne klare Hierarchien und Dominanzen steht. Und indem für das Städtische aktuell noch gekämpft wird, wird deutlich, dass dieses Städtische weiterhin etwas Zukünftiges ist, das jetzt erst noch mit einem Recht auf Stadt eingefordert und produziert werden muss. Um die gesellschaftskritische und zugleich emanzipatorische Kraft von Lefebvres Arbeiten zu Stadt zu begreifen, ist es sinnvoll, zwei Perspektiven zu unterscheiden: die auf die gegenwärtige Stadt einerseits und die auf eine zukünftige urbanisierte Gesellschaft andererseits (mehr dazu vgl. Vogelpohl 2011). Lefebvre benutzt dafür die Begriffe das Aktuelle und das Mögliche. In den 1960er Jahren, als er über die Stadt schrieb, sah er die aktuelle Stadt als durch staatliche Bürokratie gesteuert, um den Konsumkapitalismus am Laufen zu halten. Klar eingeteilt in Wohn-, Industrie-, Konsum- und Freizeitzonen, war sie vor allem durch Trennungen charakterisiert. Das typisch Städtische – nämlich Begegnungen zwischen Unterschiedlichem – war verloren. Die für ihn aktuelle Stadt war daher zu kritisieren, und zugleich war das mögliche Städtische, das mögliche Urbane das Ziel. Mit Blick z. B. auf Städte der Antike oder aber auch auf einzelne Momente wie die 68er-Proteste, in denen das Städtische noch aufblitzt, verweist Lefebvre auf eine mögliche organische Kohärenz (z. B. zwischen Stadt und Land), in der alles aufeinander bezogen ist, wenn auch meistens nicht konfliktfrei. Die Aufeinander-Bezogenheit macht eine Stadt zu einem Œuvre, das nicht im Detail geplant, tauschwertorientiert und standardisiert ist, sondern kollektiv entsteht, gebrauchswertorientiert und vielfältig ist. Die Darstellung von Städten als Œuvres wird jedoch als Verlusterzählung dargestellt. Sie gab es einmal in »epochs previous to that of industrialization« (Lefebvre 1996, S. 65). Die Beschreibung eines vergangenen Städtischen mag nostalgisch wirken. Sie pointiert allerdings die weitreichende, tauschwertorientierte Regulation des Alltages jedes Einzelnen durch die rationalistische Stadtplanung und konsumorientierte städtische Ökonomie der industrialisierten Gesellschaft. Nach Merrifield (2006, S. 69) sei so das städtische Bewusstsein verloren gegangen. Dieses wieder zurückzuerlangen ist im Sinne Lefebvres kein Selbstzweck oder eine Zelebrierung einer lebendigen Stadt. Stattdessen bewirkt ein städtisches Bewusstsein, über das eine weitreichende Urbanisierung erzeugt wird, einen fundamentalen Gesellschaftswandel. Deswegen heißt das Buch, das Lefebvre 1970 im Original veröffentlichte, La révolution urbaine. Der Urbanisierung wird ein revolutionäres Potenzial zugeschrieben. Das Buch ist etwas unglücklich ins Deutsche übersetzt als Revolution der Städte (Lefebvre 1972). Unglücklich deshalb, weil die wichtige Unterscheidung zwischen aktuellen Städten und dem möglichen Urbanen als zukünftige und fundamental veränderte Gesellschaft verschwimmt. Das Urbane ist gewissermaßen die Abkürzung für die vollständig urbanisierte Gesellschaft. Diese wäre gekennzeichnet durch drei Merkmale, mit denen die Trennungen der gegenwärtigen Stadt überbrückt werden können: Gleichzeitigkeit, Begegnung, Differenzen (Lefebvre 1972, S. 53, und 105). Kommen diese drei Merkmale zusammen, spricht Lefebvre von Zentralität, die Bewegung und Veränderung entfacht. Das Urbane wird also nicht in Abgrenzung zu Land definiert, sondern über die Möglichkeit, Verbindungen zwischen Gruppen und Ideen zu schaffen und so Räume für eine andere Gesellschaft zu politisieren. Es gibt entsprechend im engeren Sinne keinen Ort des Urbanen. Das Urbane ist bei Lefebvre eine Art nicht-kapitalistische Utopie, und das Recht auf Stadt drückt zugleich das Bedürfnis danach sowie die Einforderung ihrer Realisierung aus. Eine Forderung nach einem Recht auf Stadt im Sinne Lefebvres ist demnach auch nicht an (heutige) Städte gebunden. Dichte, heterogene, öffentliche Orte sind vielleicht prädestiniert als Startpunkte, als privilegiert gegenüber anderen können sie allerdings nicht verstanden werden. Hieße Lefebvres Buch Die urbane Revolution, wäre vielleicht schneller ersichtlich, dass es nicht im Kern um eine Veränderung nur der Städte geht, sondern viel weitreichender um einen gesellschaftlichen Umbruch: »Urban society […] is another world.« (Lefebvre 1996, S. 131)
Urbanisierung als radikale Veränderung
Die urbane Gesellschaft bzw. die »vollständige[...] Verstädterung der Gesellschaft«, wie Lefebvre (1972, S. 7) ins Deutsche übersetzt wurde, ist also eine gänzlich andere Welt. Der Marxist Lefebvre hat damit auch und vor allem eine nicht-kapitalistische, durchweg kollektiv gestaltbare und individuell erlebbare Gesellschaft gemeint. Diese nennt er deshalb eine urbanisierte Gesellschaft, weil er der Überzeugung ist, dass die Überwindung kapitalistischer Verhältnisse nur über eine veränderte Produktion des Raumes, über ein verändertes Zusammenleben im Raum real werden kann. Diese Form des Zusammenlebens erlebte Lefebvre selbst in ersten Ansätzen in Paris, erlebte es daher als städtisch und bezeichnete es als urban. Eine totale Urbanisierung der Gesellschaft verweist vor diesem Hintergrund auf die vollständige Ausweitung der kollektiven, gebrauchswertorientierten Lebensformen: »City and urban reality are related to use value. Exchange value and the generalization of commodities by industrialization tend to destroy it by subordinating the city and urban reality.« (Lefebvre 1996, S. 67) Umgekehrt schließt ein solcher Urbanisierungsbegriff ein, dass in allen kapitalistisch geprägten Gesellschaften das Urbane nur virtuell existieren kann. Mag derzeit noch so sehr die Rede von einer verstädterten Welt, von planetary urbanism oder Ähnlichem sein und mögen Zahlenwerke und Karten bemüht werden, um die zunehmende Konzentration der Bevölkerung in städtischen Gebieten nachzuweisen – die urbane Gesellschaft im Sinne Lefebvres kann nur eine zukünftige sein. Kritiken an enormen Verwertungsinteressen auf dem Wohnungsmarkt, an Ausgrenzungen von Geflüchteten oder an Schein-Partizipation zeigen allerdings, dass der Weg dahin schon beschritten wird. Der Prozess der Urbanisierung hat begonnen. Urbanisierung ist der Name für einen tiefgreifenden, ja revolutionären sozialen Wandel, der nur mit unterschiedlichen Gruppen gemeinsam (wie z. B. dem Zusammenschluss von Studierenden und der Arbeiterklasse) sowie mit der Politisierung des Raumes (wie der Rückeroberung zentraler Quartiere) realisiert werden kann (dazu auch Elden 2004, S. 155f.). Lefebvre selbst ist bereits davon ausgegangen, dass die Gesellschaft sich schon in einer Phase befindet, in der sich die urbane Gesellschaftsform durchsetzt. Das Urbane habe bereits reale Wurzeln, setze sich jedoch erst langsam durch (Lefebvre 1991, S. 88; Lefebvre 1996, S. 122ff.). Die Wurzeln zeigen sich überall dort, wo unterschiedliche Personen oder Ideen sich begegnen und zusammengeführt werden. Der zentrale Stellenwert von Begegnungen und Selbstbestimmung weist darauf hin, dass Urbanisierung kein gesteuerter Prozess ist, sondern ein Prozess, der durch die alltägliche Praxis erzeugt und in der alltäglichen Praxis erneuert wird: Der Alltag ist der Ort der urbanen Revolution. Hier gilt es Standardisierungen, Passivität, Nicht-Partizipation und das Gestalten des Raumes nach Tauschwertkriterien zu überwinden. Lassen sich im Alltag Anzeichen für das Weichen von Limitierungen an kollektiver Selbstbestimmung sowie an freier Verfügung über Zeit und Raum erkennen, ist der Punkt erreicht, an dem die Urbanisierung beginnt. Allerdings kann sich diese kulturelle Revolution nur durchsetzen, wenn sie langfristig auch staatliche Institutionen sowie ökonomische Produktionsverhältnisse verändern wird. Ebenso wie für den Ort des Urbanen gilt für die Urbanisierung, dass sie überall entfacht werden kann. Für Begegnungen sind grundsätzlich städtische Straßen, Dorfplätze, Grenzregionen, vielleicht sogar auch Industriegebiete geeignet. Denn letztlich ging es Lefebvre, der sich zunächst mit Agrarsoziologie und in diesem Zusammenhang mit den zunehmenden Vernetzungen von Stadt und Land beschäftigte, nicht um alternative Inseln, sondern um eine vollständig urbanisierte Gesellschaft. Um diese lohnt es sich zu kämpfen, und der Prozess der Urbanisierung findet an vielen verstreuten Orten schon statt. Die Recht auf Stadt-Kämpfe sind ein Teil dessen.
Recht auf Stadt als Überschrift
So weitreichend die Lefebvre’schen Begriffe von Stadt und Urbanisierung sind, so weitreichend ist auch die zunächst einfach erscheinende Forderung nach einem Recht auf Stadt zu verstehen. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich unmittelbar – und das ist zentral für all jene, die sich unter diesem Motto zu sozialen Netzen zusammenschließen möchten –, dass das Recht auf Stadt keine simple Forderung an Teilhabe an der aktuellen Stadt ist. Das Recht auf Stadt ist wie der Begriff des Urbanen auf eine zukünftige Gesellschaft bezogen. Um diese zu realisieren, ist Teilhabe zwar ein wesentliches Element. Lefebvre ging jedoch davon aus, dass Teilhabe sowie die damit verknüpfte aktive Gestaltungsmöglichkeit des Raumes und der Gesellschaft durch Bürgerinnen und Bürger nicht gegeben ist. Das gilt wohl auch heute noch, bezieht man sich auf die schwachen oder gescheiterten Partizipationsversuche bei Projekten wie z. B. der Neuen Mitte Altona[1] oder dem Stadtforum Berlin 2030[2]. Wäre eine aktive Teilhabe möglich, wäre dies schon ein erster Schritt zu einer anderen Gesellschaft. Deswegen besagt das Recht auf Stadt auch, dass die zukünftige urbane Gesellschaft nur auf einem kollektiv-demokratischen Weg möglich gemacht werden kann. Lefebvre (2009, S. 107) schrieb in seinem Essay zum Recht auf Stadt, dass es »comme appel, comme exigence« sei, im Englischen viel zitiert als »like a cry and a demand« (Lefebvre 1996, S. 158). Diese Doppelformulierung des Rechts auf Stadt als, so möchte ich es übersetzen, »Aufruf / Hilferuf und Anspruch« knüpft an verschiedene Alltagsrealitäten einer vielfältigen Stadtbevölkerung an: Es sind sowohl jene angesprochen, die in ihrem Alltag unter materiell schwierigen Bedingungen wie schlechtem Lohn, prekärer Arbeit, formal eingeschränkter Mitbestimmung o. Ä. leiden, als auch jene, deren Alltag sich in Standardschleifen gleicht und deren individuelle Entfaltungsmöglichkeiten z. B. durch Beruf oder Geschlechternormen eingeschränkt ist. In diesen kurzen Worten appel und exigence spiegelt sich auf subtile Weise die große Vorstellung Lefebvres wider, dass nur im Kollektiv aus sehr unterschiedlichen Personen und Gruppen wirklich etwas verändert werden kann. Im Lichte der Zusammenführung von Differenzen wird deutlich, dass die Formulierung Recht auf Stadt letztlich wie eine Überschrift funktioniert. Sie vereint in sich verschiedene Forderungen und Bedürfnisse und damit auch verschiedene Themenfelder wie letztlich auf diese Weise auch sehr viele AkteurInnen: »The right to the city manifests itself as a superior form of rights: right to freedom, to individualization in socialization, to habitat and to inhabit. The right to the œuvre, to participation and appropriation (clearly distinct from the right to property), are implied in the right to the city.« (Lefebvre 1996, S. 173f.) Die Überschrift Recht auf Stadt bietet aufgrund der darin versteckten Themenvielfalt die Chance, sehr viele unterschiedliche Forderungen unter diesem Dach miteinander zu verbinden: Wohnen, Aneignung, Partizipation, Ökologie etc. – je nachdem, was in einer Gesellschaft als relevant erachtet wird. Das Dach repräsentiert eine überindividuelle Form des Rechts, das auf soziale statt individuelle Bedürfnisse ausgerichtet ist.
Recht auf Wohnen
Eines der mit dem Recht auf Stadt-Terminus verbundenen und im obigen Zitat aufgeführten weiteren Rechte ist das Recht auf Wohnen. Ich möchte dieses kurz hervorheben, da Lefebvre diesem Recht in einigen Textpassagen einen besonderen Stellenwert einräumt. So heißt es beispielsweise hinsichtlich der Personen, über die Begegnungen und damit das Urbane konstituiert wird: »The form of the urban, its supreme reason, namely simultaneity and encounter, cannot disappear. [...] The inhabitants (which ones? – it’s up to research and researchers to find them!) reconstitute centres, using places to restitute even derisory encounters.« (Lefebvre 1996, S. 129) Ähnlich dem erweiterten Stadtbegriff, mit dem Stadt nicht lediglich eine verdichteten Region anspricht, steht Wohnen nicht nur dafür, eine Wohnung bzw. ein Haus zu besitzen oder zu mieten. Der erweiterte Wohnen-Begriff Lefebvres schließt hingegen eine spezifische Form des Zusammenlebens in der Stadt und des Alltagslebens insgesamt ein. Vom Nachdenken über das Wohnen ist Lefebvre letztlich auch dahin gelangt, die Bedeutung von Stadt und Raum für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu reflektieren. Unter Wohnen versteht er eine aktive, nahezu poetische Weise des In-der-Welt-Seins (Lefebvre 1972, S. 89ff.; Lefebvre 1991, S. 314). Dieses In-der-Welt-Sein umfasst die Möglichkeit, aktiv mit anderen Personen in den alltäglich genutzten Zeiten und Räumen zu interagieren. Das Adjektiv aktiv benutzt Lefebvre sehr häufig, um Wohnen zu begreifen (dazu auch Meyer 2007, S. 263). Es bedeutet, sich der Menschen, Dinge und Situationen um sich herum bewusst zu sein, die darin innewohnenden Differenzen und Ungleichheiten zu realisieren, letztlich diese Verhältnisse zu kritisieren und sie in Interaktionen mit den Menschen, Dingen und Situationen zu verändern. Wohnen ist daher eine zentrale Voraussetzung für Begegnungen und daher für die urbane Gesellschaft. Es ist nicht lediglich eine Bedingung für das Alltagsleben, sondern für die Gesellschaft grundsätzlich, da es konkrete tägliche Praktiken mit abstrakten sozialen Verhältnissen verknüpft. Tatsächlich aktiv wohnen zu können bedeutet in diesem Sinn, soziale Verhältnisse gestalten und verändern zu können. Deswegen sagt Lefebvre (1972, S. 98): »[…] ein tieferreichendes, radikaleres Denken, eines, das an die Wurzel der Dinge reicht und somit noch revolutionärer ist, [bestätigt] das dauernde Primat des Wohnraums.« Wohnen – so lässt sich zusammenfassen – ist subversiv, wenn es für selbstbestimmtes Leben und gleichzeitig die Teilhabe an Kollektiven steht. Es ist die Grundlage für die Forderung nach einem Recht auf Stadt. Ob der unter Recht auf Stadt versammelte Anspruch an Kollektivität, Selbstbestimmung und Wandel tatsächlich in letzter Konsequenz realisiert werden soll, muss allerdings selbst auch kritisch beleuchtet werden. Antonis Vradis (2012), ein in London und Athen lebender Wissenschaftler und Aktivist gegen die griechische Sparpolitik, schreibt von einem »Right against the City«: Er kritisiert unschuldig erscheinende Schlagworte wie »Reclaim our cities«, »Self-organise« oder »Take neighbourhood action«, da eben diese von der Neonazi-Partei Goldene Morgenröte in Griechenland gebraucht werden. Für wen soll das Recht auf Stadt also gelten? Wirklich für alle? Wenn jedoch Lefebvres Verständnis des Urbanen ernst genommen wird, kann z. B. das Agieren der totalitären Goldene Morgenröte als anti-urban aus der Recht auf Stadt-Perspektive ausgeschlossen werden: denn das Urbane steht für die Begegnung von unterschiedlichen Kulturen, Ideen und Menschen. Es impliziert gerade die erhöhte Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse von Ausgeschlossenen, Schwachen oder Marginalisierten. Deswegen schließt sich an die Forderung nach einem Recht auf Stadt und die dazugehörige fundamentale Gesellschaftskritik sowohl ein Recht auf Teilhabe als auch ein Recht auf Veränderung an.
Resümee: Inspirationen für Recht auf Stadt-Bewegungen heute
Für die Recht auf Stadt-Netzwerke ist Lefebvres Werk weniger Grundlage oder Ursprung denn Inspiration. Viele der Themen behandeln städtische Probleme wie Wohnungsnot, Verdrängung oder Freiräume, so dass nicht nur in Städten agiert wird, sondern auch Stadt zum Thema gemacht wird. Auch wenn in diesem Kontext bereits auf Lefebvres Arbeiten rekurriert wird, um beispielsweise Fragen von Zentrum und Peripherie in Fragen der Zugänglichkeit und des Ausschlusses zu übersetzen oder um sie auf künstlerisch-illustrativem Wege einem breiten Publikum zu verdeutlichen (vgl. Schäfer 2010), möchte ich abschließend drei Inspirationen aufwerfen, die Lefebvres Arbeiten für praktische Kritik bieten: Erstens können Lefebvres Arbeiten zu urbanen Differenzen und Begegnungen immer wieder an die Bedeutung von Kollektiven erinnern, und das nicht nur im Sinne von möglichst vielen Involvierten, sondern auch im Sinne von möglichst unterschiedlichen. Dahinter steckt der Gedanke, dass gesellschaftliche Ungleichheit und im Speziellen kapitalistische Herrschaftsbeziehungen nicht nur eine Form der Unterdrückung erzeugen, sondern viele unterschiedliche Formen der Benachteiligung und Unzufriedenheit. Recht auf Stadt-Bewegungen leben daher von Heterogenität. Viele lokale Netzwerke zeigen auch jetzt schon, wie fruchtbar Allianzen zwischen MieterInnen, KleingärtnerInnen, UmweltaktivistInnen, Geflüchteten, BienenzüchterInnen usw. sind. Direkt daraus resultiert zweitens, dass Gesellschaftskritik nur dann auch Konsequenzen haben kann, wenn ein breites Themenspektrum umspannt wird. Lefebvre sah, dass der Kapitalismus nicht nur in den Fabriken und mit anderen Arbeitsverhältnissen bekämpft werden muss, sondern auch auf den Straßen und mit einer Veränderung des gesamten alltäglichen Lebensumfelds. Das Recht auf Stadt wird so nicht vorrangig als Recht zu bleiben oder als Recht auf Teilhabe an der aktuellen Stadt greifbar; es wird zum Recht auf eigenmächtige Gestaltung des Lebensumfeldes. Die heterogenen AkteurInnen können mit Blick auf Lefebvres Werk immer wieder versuchen, neue Räume zu produzieren, in denen mit großer Offenheit eine Bandbreite an Ideen und Aktivitäten ihren Ort finden – ohne aber die Raumproduktion selbst zum Ziel zu haben. Stattdessen kennzeichnet in erster Linie das Praktizieren einer neuen Art des Zusammenlebens den Ort. Diese ersten beiden Punkte lassen das Recht auf Stadt als einen revolutionären Protest für eine andere Gesellschaft zusammenfassen, die aus diversen, aber kollektiven lokalen Initiativen hervorgeht. Weil die Tragweite so weit und umfassend ist, regt das Nachdenken über den revolutionären Charakter des Städtischen drittens dazu an, weitreichende Ideen für Alternativen und vielleicht sogar für utopische Phantasien zuzulassen und sich nicht selbst immer wieder ins Korsett realistischer Veränderungen zu zwängen. Vermeintlich unumgängliche Sachzwänge werden schon in ausreichendem Maße von sozialen Eliten konstruiert. Umso wichtiger ist es daher, auch einmal frei von aktuell gegebenen Umständen über die erwünschte, mögliche Raumproduktion und mögliche Gesellschaft nachzudenken. Das wäre das, was Lefebvre »experimental utopia« nennt: »Utopia is to be considered experimentally by studying its implications and consequences on the ground. These can surprise. What are and what would be the most successful places? How can they be discovered? According to which criteria? What are the times and rhythms of daily life which are inscribed and prescribed in these ›successful‹ spaces favourable to happiness? That is interesting.« (Lefebvre 1996, S. 151)
Fußnoten
Anne Vogelpohl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geographie der Universität Hamburg.
Elden, Stuart (2004): Understanding Henri Lefebvre — Theory and the Possible. London, New York: Continuum.
Gebhardt, Dirk & Holm, Andrej (2011): Initiativen für ein Recht auf Stadt. In: Holm, Andrej/Gebhardt, Dirk (Hg.): Initiativen für ein Recht auf Stadt — Theorie und Praxis städtischer Aneignungen. Hamburg: VSA, S. 7-23.
Lefebvre, Henri (1972): Die Revolution der Städte. München: List.
Lefebvre, Henri (1991): The Production of Space. Malden, Oxford, Victoria: Blackwell.
Lefebvre, Henri (1996): Writings on Cities. Hrsg. von Kofman, Eleonore & Lebas, Eleonore. Malden, Oxford, Victoria: Blackwell.
Lefebvre, Henri (2009 [1968]): Le droit à la ville. Paris: Anthropos [engl. Version in Writings on Cities, 1996].
Merrifield, Andy (2006): Henri Lefebvre — A Critical Introduction. New York, London: Routledge.
Meyer, Kurt (2007): Von der Stadt zur urbanen Gesellschaft — Jacob Burckhardt und Henri Lefebvre. München: Wilhelm Fink.
Schäfer, Christoph (2010): Die Stadt ist unsere Fabrik. Leipzig: Spector Books.
Strickliesel (2010): Zentralität & Brutalität. Lefebvre # stricken VI. Blog: from town to town. ordinary things (Stand 18. 3 2015).
Vogelpohl, Anne (2011): Städte und die beginnende Urbanisierung — Henri Lefebvre in der aktuellen Stadtforschung. In: Raumforschung und Raumordnung 69 (4), S. 233–243.
Vogelpohl, Anne (2013): Vom »Unternehmen Stadt« zur »neoliberalen Stadt« zum »Recht auf Stadt«? In: Kellershohn, Helmut/Paul, Jobst (Hg.): Der Kampf um Räume — Neoliberale und extrem rechte Konzepte von Hegemonie und Expansion. Münster: Unrast Verlag, S. 16-32.