Elke Krasny

Elke Krasny ist Kuratorin, Stadtforscherin und Professorin für Kunst und Bildung an der Akademie der bildenden Künste Wien.


Sammlung der Universität fürangewandte Kunst Wien
Sammlung der Universität fürangewandte Kunst Wien

Die berührendste Abbildung in dem sympathisch schmalen Ausstellungskatalog zeigt eine unscheinbare, graue Schraube. Diese Schraube hält das Auge länger fest als es die ebenfalls abgebildeten Fotografien vermögen, die Margarete Schütte--Lihotzky im Kreis ihrer StudienkollegInnen am Stubenring, der heutigen Universität für angewandte Kunst, zeigen oder auf einer signierten Porträtaufnahme anlässlich ihres 100. Geburtstags im Jahre 1997. Auch die beiden Grundrisse der Küche mit den eingezeichneten Schrittfolgen, die Schütte-Lihotzkys taylorisierte Planungspraxis veranschaulichen, lassen sich leichter unter nickend-wissendem Einverständnis verbuchen als diese Schraube mit ihrer gegenständlichen Sperrigkeit. Dieses kleine Werkzeug ist ein Original, im mehrfachen Wortsinn. Die Schlitzschraube stammt aus einer der Frankfurter Küchen des Hochbauamtes Frankfurt/Main, Römerstadt Typ D 1927, und ist exakt 17 Millimeter lang. An ihrer inniglichen Verbindung mit der berühmten Frankfurter Küche hat Schütte-Lihotzky gehadert, versuchte im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts an der zementierenden Festgelegtheit auf die Küche zu schrauben. Heute hat die Schraube den Status eines musealen Objekts angenommen und befindet sich in der Sammlung des Frauenmuseums Hittisau in Vorarlberg.

Im assoziativen Transfer stellt die Schraube die Frage nach dem Vorhandenen. „Vorderhand“ reflektierte der Philosoph und Kulturanthropologe Vilem Flusser über die Relationen zwischen Mensch, Werkzeug und Hand. Für den Menschen ist die Welt vorhanden, so Flusser. Für eine Schlange jedoch wäre die umgebende Welt vorzungen. Versucht man nun die Welt aus der Perspektive der Schraube zu denken, so ist die Welt vorgebohrt. Und die Vor-Gebohrtheiten bringen einen dahin zurück, wo sich das Katalogbuch als Versuch des Dazwischen lesen lässt. Wo liegen die Verbindungen zwischen monografischen Passstücken und Vorgebohrtheiten? Es sind die Etikettierungen, die einordnenden Labels, die daraus resultierenden, schnellzuschreibenden Werturteile, aus denen sich das monografische Spannungsfeld aufbaut: soziale Architektin, Kommunistin, antifaschistische Widerstandskämpferin, Erfinderin der Frankfurter Küche. Diese Zuschreibungen wurden durch Ausstellung und Buch aufgegriffen, jedoch nicht radikalisiert.

Zwischen 1915 und 1919 studierte Margarete Lihotzky an der k. k. Kunstgewerbeschule in Wien. Dem Umstand des Studiums an der Angewandten ist es zu verdanken, dass Schütte--Lihotzky noch zu Lebzeiten ihren Nachlass dieser Institution vermacht hat. Das lehrende und lernende Team eines postgradualen Ausbildungslehrgangs der Angewandten, ließ die Sammlungen und Bibliotheken dieser Institution zu exemplarischen Lernorten für die zu erlernende kuratorische Praxis werden. Ein vielköpfiges Team von KuratorInnen, insgesamt 17 „IndividualistInnen“, ging ans Tun als Lernen. Die Probebohrung galt dem Schütte-Nachlass.

Dieses learning by doing stellt die Frage nach den Vor-Gebohrtheiten und den Umgangsformen im Sinne eines angewandten Ausstellens, das zugleich eine angewandte (Selbst)Bildungserfahrung ist. Das Produkt dieser Bildungserfahrung war die im Heiligenkreuzerhof gezeigte Ausstellung, gestaltet von Toledo i Dertschei, sowie der in einen Textteil und einen Bildteil gegliederte Katalog, der sich mit einer umdrehenden Bewegung der Hand vom einen Teil zum anderen wandelt. „Mehrstimmigkeit“ und „kollektive AutorInnenschaft“ war das Ziel. An den Bohrungen der Realität wurde geschraubt. Die Schrauben werden in diese wie in jene Richtung angezogen und entgehen dennoch den aktuellen Trendvorgebohrtheiten nicht: Pragmatik und Vision verbinden sich zu „visionärem Pragmatismus“, der das Projekt durchzieht. Lernen muss in ein Produkt münden, dieses Produkt aktuellen Kriterien kritischen und publikumswirksamen Ausstellungsmachens genügen. Die Hassliebe, die Schütte---Lihotzky mit der Frankfurter Küche verband, spiegelt sich in der dialektischen Brechung des Titels: Ich bin keine Küche. Sofort denken alle an die Frankfurter Küche, von denen es übrigens einige in Wien gibt: im Original im Technischen Museum, als Nachbau im MAK, zwei Modelle, die am Institut für Architektur/Architekturmodellbau der Angewandten gebaut wurden. Auch der Mythos, die erste – und einzige – Architektin dieser Generation gewesen zu sein, wird produktiv geschürt. Dies zeigt, wie schwierig es ist, die Rezeptionsverhältnisse in einem patriarchalen Kanon zu verschieben. Für wie viele frühe (und spätere) Architektinnen ist Platz in einer immer wieder umzuschreibenden Geschichte der österreichischen Architektur?

Die Heterogenität des Verbundenen zeigte sich in den drei Kapiteln der Ausstellung: Mythos Margarete Schütte-Lihotzky, Paradigmen der Moderne und Demokratisches Design. Doch alle drei Kapitel in ihren versuchten Spannungsverhältnissen zwischen Privatem und Öffentlichem, Vergangenem und Heutigen setzen letztlich eine Architektinnenmonographie voraus. Noch ist das Monografische als Aussagelogik wie Methode nicht passé. Ganz im Gegenteil. Der Singularismus der Gegenwart fördert die Positionierung des Singulären in den aufgespürten Singularismusbewegungen des kollektiv Vergangenen.

Die Katalogbeiträge von Eva Egermann und Christina Linortner über das Schüttehaus (Volkshaus/Ljudski Dom) in Klagenfurt sowie Marion von Ostens Gespenstische Stille. Die arbeitslose Küche oder Susanne Baumgartners Die Faszination der Systematik. Die Kindergärten Margarete Schütte-Lihotzkys schärfen den kulturalisierten Blick auf Bewegungen und Fragestellungen der Rezeption als Akt einer intervenierenden und aneignenden Interpretation. Wojciech Czajas Besuch bei keiner Köchin speist sich aus dem Persönlichen der Begegnung. Jede Generation beginnt „ihre“ Schütte zu entdecken. Letztlich überwiegt die attrahierende Absorptionskraft des Mythos Schütte-Lihotzky als Klammer des Monographischen. Die Bergung der Schütte-Spuren hat – wieder einmal – begonnen. Auf die nächste Station einer kritisch-brüchigen Weiterentdeckung kann man gespannt sein.

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Ausstellung
Ich bin keine Küche
Gegenwartsgeschichten aus dem Nachlass von Margarete Schütte-Lihotzky
Universität für angewandte Kunst Wien,
Ausstellungszentrum Heiligenkreuzer Hof
12. Dezember 2007 bis 25. Jänner 2008


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