
Erinnern als Sorgebeziehung
Solidarität und politische Teilhabe in feministischer ProtestkunstIm Januar 2021 leimt ein Pariser Kollektiv tagsüber in einem Wohngebiet Namen der Opfer von Femiziden an die Wand einer Unterführung. Neben den Namen klebt der Schriftzug »2020 beging das Patriarchat wieder 98 Femizide in Partnerschaften; 11 Sexarbeiter:innen und 2 Transgenderpersonen wurden ermordet. Und wie viele Opfer sind vergessen? Der Sexismus, die Diskriminierung von Sexarbeiter:innen und die Transfeindlichkeit vernichten und töten. Der Staat vergisst unsere Geschwister, nicht wir.«[1] Verbunden ist die Collage-Aktion mit einer Kundgebung.[2] Blumen werden niedergelegt, mit Filzstiften können Pass- ant:innen der Collage eigene Notizen hinzufügen. Ähnliche Aktionen, die die Aktivist:innen als ›Femmages‹ bezeichnen, fanden und finden in den vergangenen Jahren auch in anderen Städten statt. Sie sind Teil umfassender, seit 2019 frankreichweit stattfindender Proteste gegen sexistische und patriarchale Gewalt. Mit den ›Collages‹ manifestieren sich diese im Alltag verschiedener Städte. Neben dem Erinnern an Femizide leimen die Aktivist:innen mit schwarzer Farbe und Papier kondensierte biographische Erzählungen von patriarchaler Gewalt, politische Statements und Parolen, Informationen zu praktischer Hilfe und Solidaritätsbekundungen an Wände von Wohngebieten, Denkmäler, öffentliche Plätze und urbane Alltagsräume. Häufig sind sie mit lyrischen Verfremdungen und Wortspielen verbunden.
»En 2020, le patriarcat tue encore: 98 féminicides con- jugaux; 11 travailleur. euses du sexe et 2 personnes transgenres tué.e.s. Et combien de victimes oubliées? Le sexisme, la putophobie et la transphobie détruisent et tuent. L’état oublie nos adelphes. Pas nous« (Léa 2021). ↩︎
Dokumentiert ist die Aktion in einem anschließenden Essay (Léa 2021). ↩︎
Gisela Mackenroth hat Soziologie und Humangeographie studiert. Sie war bis Ende 2020 am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen im Projekt »Populismus und Demokratie in der Stadt« tätig. Bis 2024 hat Gisela Mackenroth am Institut für Soziologie der Universität Jena im Projekt »Movements of Europe« transnational mit feministischen Streikinitiativen und urbanen Bewegungen zu Solidaritätsbeziehungen und zur Öffnung demokratischer Teilhabe geforscht.