Barbara Holub

Barbara Holub ist Künstlerin und Mitglied von transparadiso, einer Platform für Architektur, Urbanismus und Kunst.

Paul Rajakovics

Paul Rajakovics ist Urbanist, lebt und arbeitet in Wien.

Eduard Freudmann

Mischa Guttmann

Gin Müller

Simon Nagy

Anna Witt


Es würde zu weit führen, die komplexe Geschichte der künstlerischen und aktivistischen Auseinandersetzung um das Karl-Lueger-Denkmal hier im Detail auszuführen. Denkmale zu stürzen entspricht nicht unbedingt der österreichischen Seele. Hier kippt man lieber ein Denkmal um 3,5°, um es nicht stürzen zu müssen. Dies ist das Ergebnis des 2022 prominent geladenen ­Wettbewerbs und des zur Realisierung ausgewählten Entwurfs von Klemens Wihlidal. Obwohl von Beginn an umstritten, wurde das Karl-Lueger-Denkmal 1926 durch den radikal deutsch-nationalen Bildhauer Josef Müllner, er war später auch Mitglied der NSDAP, beim Stubentor errichtet  –  und dort wird es nun auch (leider) weiter bestehen bleiben. Da half auch die temporäre raumgreifende Installation Lueger temporär von Six/Petritsch nicht, die im Vorfeld des geladenen Wettbewerbs bis Oktober 2023 zu sehen war.
        Auch zum Wettbewerb geladen war ein Kollektiv, bestehend aus sehr unterschiedlichen Künstler:innen bzw. Aktivist:innen, die im Austausch mit antifaschistischen Aktivist:innen den Graffitischriftzug ›Schande‹ im Oktober 2020 vor seiner Entfernung durch die Stadt Wien bewacht haben. Im Zuge dessen wurde der Schriftzug schließlich vergoldet und die Gruppe hat sich fortan Schandwache genannt. Auch wenn die Arbeit dann von Aktivisten aus dem Umfeld der sogenannten ›Identitären‹ abmontiert wurde, ist diese für institutionelle Ausstellungen weiterbearbeitet worden. Dabei wird das Statement ›Schande‹ der Sprayer/ Graffiti-Künstler:innen / Aktivist:innen über verschiedene Ebenen künstlerisch weiterbearbeitet und transformiert.
        Die erste Seite des Inserts führt uns zum umstrittenen Denkmal/Schandmal und den von Sprayer:innen aufgebrachten und später durch Schandwache vergoldeten Schriftzug ›Schande‹. Die Mittelseiten zeigen die Installation als Beitrag zur Ausstellung Gegen den Strich, kuratiert durch Vincent Weisl (Wien Museum MUSA 2022), für den die Gruppe Betonobjekte als Abgüsse von 3D-Scans vom Original abgenommen hat.
        Auf der letzten Seite werden händisch abgenommene Formen des Denkmals gezeigt, die in der von Anne Zühlke kuratierten Gruppenausstellung Fallende Helden im DOCK 20 in Lustenau zu sehen waren. Dabei werden die Formen und Oberflächen viel abstrakter: »Der Titel der Arbeit immer schön konstruktiv nimmt auch zynischen Bezug auf den undemokratischen und intransparenten Wettbewerb zur Umgestaltung des Lueger-Denkmals, der wiederholt von Seiten der Stadt Wien als ›konstruktive Lösung‹ bezeichnet wurde und dabei weit hinter jede Forderung zurückfällt, die von Betroffenen (jüdischen Studierenden, der IKG, Shoah-Überlebenden) gestellt wird« – so die Künstler:innen. Mittlerweile wird der Unmut über das Denkmal auch am Original immer sichtbarer. So tauchte in den letzten Monaten eine Fülle von weiteren Übermalungen auf.
        Schandwache sind Anna Witt, Simon Nagy, Gin Müller, Mischa Guttmann und Eduard Freudmann, die sich 2020 als Künstler:innengruppe für das Projekt Schandwache formiert haben. Alle Beteiligten haben unterschiedliche Hintergründe, die von Arbeit mit Galerien, queerer Theaterarbeit, theoretischen Ansätzen bis zur Kunstvermittlung reichen. Die Künstler:innen tragen dieses Werk nun vom öffentlichen Raum in den institutionellen Kontext. Wenn die Schande schon nicht fallen kann, so sollte doch der goldene Schriftzug auf ihr bleiben.

Barbara Holub, Paul Rajakovics

Links:
www.textezurkunst.de/de/articles/simon-nagy-die-unsichtbarkeit-eines-
denkmals-die-sichtbarkeit-seiner-schande/
www.igbildendekunst.at/bildpunkt_/denkmaeler-sind-keine-geschichtsbuecher/
de.wikipedia.org/wiki/Dr.-Karl-Lueger-Denkmal


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