» Texte / »Wir wollen keine Hilfestellung fürs Leben im Kapitalismus anbieten.«

CIT Collective

CIT-Collective initiiert 2011 eine Plattform für interdisziplinäre Entwicklungen, um das leerstehende Gaswerk Leopoldau am Wiener Stadtrand für neue soziokulturelle Dynamiken zu öffnen.

Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Elke Rauth

Elke Rauth ist Mitglied des Vorstands von dérive - Verein für Stadtforschung.


dérive: Wenn über urban commons diskutiert wird, geht es oft um Konzepte, die von der Allmende abgeleitet sind. In der Stadt gibt es aber zumeist keine kleinen überschaubaren Gruppen, deren Interessen sich automatisch decken, sondern eine heterogene Gesellschaft mit oft völlig unterschiedlichen Vorstellungen. Wenn es beispielsweise um die Nutzung des öffentlichen Raums geht, gibt es schnell divergierende Ansichten, welche Nutzungen gewünscht oder zumindest akzeptabel sind und welche abzulehnen. Man denke nur an die Debatte um die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums. Ihr denkt bei urban commons eher an open source. Könnt ihr uns Beispiele im Stadtraum nennen, die für euch gut funktionieren bzw. eure Vorstellungen konkretisieren?

CIT Collective & dérive
CIT Collective & dérive

C: Es gibt z. B. einen feministischen Hacker-Space in Wien, in dem es darum geht, High-Tech-Equipment gemeinsam zu verwenden. Die Nutzung und der Raum stehen allen offen. Es ist eine Mischung aus öffentlichem und privatem Raum. Man kennt sich, hat eine Vertrauensbasis, und jede, die sich nicht aus Selbstzensur von einer bestimmten visuellen Kultur abhalten lässt, ist willkommen. Grundsätzlich geht es darum, dass eine Gruppe von Leuten nach actocracy-Prinzipien funktioniert, d. h. wer handelt, darf handeln und wird nicht aufgehalten. Wenn eine Teilnehmerin beschließt, die Wand grün zu streichen, oder wenn sie einen Programmier-Workshop geben will, dann kann sie das machen. Wir halten natürlich regelmäßig Treffen ab, an denen Leute teilnehmen können und bei denen alle Fragen und Themen diskutiert werden. Diese Treffen haben wir teilweise auch mit einer Mediatorin abgehalten. Diese Art von Offenheit funktioniert nicht passiv, sondern nur aktiv.

Ein inklusiver Raum ist einer, der Leute aktiv durch Angebote und durch Abbau von Exklusionen hineinzieht. Inklusion hat nicht automatisch das Ausbleiben von Exklusion zur Folge. Es ist notwendig, einzuladen und zu sagen, wir erlauben uns das. I: Ich glaube, am ehesten kann ich die Philosophie des commoning im Sinne eines Sich-gemeinsam-um-etwas-kümmern auf die Theorien von Henri Lefebvre zur Produktion des Raums beziehen. Ich begreife die Idee von Stadt als urban common als Motor eines gesellschaftlichen Organisierungsprozesses zur Bewusstwerdung über die notwendige Unmöglichkeit von inklusiven und offenen Räumen – und als Anlass zur kollektiven Wiederaneignung ihrer repräsentativen Realisierungen. Die urbane Praxis des commoning ist für mich ein gemeinsames Projekt verschiedener Personen, einen offenen und inklusiven Raum durch das gemeinsame Interagieren herzustellen. Einen für alle nach bestimmten Kriterien zugänglichen Raum. Diese Kriterien sind darauf aufgebaut, dass er für alle zugänglich und nutzbar sein soll. Auf das gemeinsame Ziel zugehen und diesen Prozess als Gemeinschaftsprojekt begreifen und dadurch Raum und Strukturen produzieren. Die urbane Praxis des urban commoning verstehe ich somit als gemeinsame Aufgabe, die von allen zum gemeinsamen Nutzen als Freiräume des Denkens und Handelns anders praktiziert werden kann, jedoch nur dann aufgeht, wenn wir uns alle darum bemühen, diesen Bruch zwischen Wunsch und Realität als Konflikt zwischen Inklusivität und Exklusivität aufrecht zu erhalten.

Wir allerdings gehen heute in den Planungsdisziplinen oft davon aus, diese Wunschvorstellungen von Freiräumen in Zielvorstellungen zu konkretisieren und umsetzen zu müssen. Sobald jedoch das Prinzip der Offenheit zum Plan und in Beton gegossen wird, schwindet die Veränderbarkeit, verfestigen sich die Spielregeln für die Produktion von Ein- und Ausschlüssen, erübrigt sich auch die gemeinsame Aufgabe, diesen Zustand herzustellen.

Wie entstehen die Spielregeln konkret?

I: Sie entstehen, indem sich ein common sense bildet und man darauf hinarbeitet. Es ist auch deswegen ein Perspektivenwechsel in der Stadtplanung notwendig. Es ist nicht so, dass der Stadtplaner sagt, ich entwerfe jetzt einen öffentlichen Raum für euch. Öffentlicher Raum wird gemeinsam mit den Nutzern und Nutzerinnen hergestellt. Darum ist es schwer, diese Konzepte mit einer großen, anonymen Masse der Stadtgesellschaft anzuwenden und funktioniert eher doch noch in lokalen, überschaubaren und sozial differenzierten Kontexten. Deswegen ist das Gaswerk Leopoldau prädestiniert dafür, weil es gerade noch die Größe hat oder diesen Ort darstellt, bei dem ein Organismus, als Stadt gedacht, der versucht, ein öffentlicher common space zu sein, vorstellbar ist. In diesem Sinne sehe ich diese Initiative für das Gaswerk als Utopie.

»Es wird nicht negiert oder ignoriert, dass es Strukturen gibt, die uns beherrschen und lenken, uns im Weg stehen und die es zu verändern gilt.«

T: Als konkrete Utopie, eine Utopie, die möglich erscheint. Als Gedanke, der noch nicht ausformulierbar ist, weil er sich im Entwickeln realisieren kann und muss. Unsere Strategie für das Gaswerk ist somit eine prozessuale. Der commons-Begriff ist abhängig von den entsprechenden Räumen, seien sie nun öffentlich, halböffentlich oder privat und entsprechend unterschiedlich zu definieren. Bei der Nutzung von Räumen wie dem Hacker-Space oder beispielsweise der Schenke (Anm.: Café und Kostnixladen in Wien) ist es wichtig, mit vorhandenen Strukturen zu arbeiten. Die Schenke wird von sehr vielen unterschiedlichen Leuten genutzt, und dabei werden immer wieder Grenzen überschritten. Diese individuellen und strukturellen Grenzen werden von den Nutzern und Nutzerinnen definiert und von denjenigen, die den Raum managen. Im Zuge dieser Produktion von Raum werden die gesellschaftlich produzierten Strukturen dabei auch offengelegt. Es ist ganz wichtig, diese nicht zu negieren, sondern damit umzugehen und sie zu transformieren. Die commons-Idee beinhaltet für mich eine liquide Struktur. Es wird nicht negiert oder ignoriert, dass es Strukturen gibt, die uns beherrschen und lenken, uns im Weg stehen und die es zu verändern gilt. Dieser Prozess der Veränderung ist als Praxis ein maßgeblicher Teil der Gesamtgestaltung.

C: In vielen halböffentlichen Räumen tauchen Leute auf, denen bestimmte Identitäten zugeschrieben werden, die jedoch sofort obsolet sind, wenn im Raum eine gemeinsame Praxis entsteht. Dann definiert man sich viel stärker nach den Handlungen, die man in den Raum oder die Gemeinschaft investiert, als mit der Rolle, die einem ursprünglich zugeschrieben wurde bzw. die man eingenommen hat. Durch die Praxis generieren sich neue Identitäten; diese ermöglichen wiederum neue Formen der Konfliktlösung ebenso wie neue Strategien des Zusammenlebens. Es gibt eine irre Dynamik, sobald Leute den Raum bespielen können und es keine festgelegten Hierarchien gibt. Das kann sehr hart sein und heftige Konflikte auslösen, über die man intensiv sprechen muss, aber ich glaube, dass es funktionieren kann.

T: Wichtig ist nicht so sehr zu behaupten, es könnten alle teilnehmen, da dies in der Praxis oft schwierig ist, sondern der Wunsch, das Potenzial der Inklusion und Teilhabe so weit wie möglich auszuschöpfen. Gleichzeitig muss klar sein, dass genau dieser Prozess von Strukturen behindert wird, die wir zum Teil auch selbst produzieren. Daran müssen wir arbeiten.

C: Mir ist noch wichtig zu ergänzen, dass die einzelnen Dinge, die gemeinsam genutzt werden, auch Zugehörigkeiten haben. Nur weil sie von allen benutzt werden, heißt das nicht, dass mein Lötkolben nicht trotzdem mein Lötkolben ist oder ein Raum von manchen mehr genutzt wird als von anderen. Bei creative commons wird der Code zur Verfügung gestellt, aber es ist auch nachvollziehbar, wer etwas gemacht hat. Es gibt ein Referenzsystem, das zeigt, wer was zur Verfügung gestellt hat. Creative commons ist auch eine Lizenz. Es ist eine offene, nicht auf kapitalistische Verwertung ausgerichtete Lizenz, aber eine Lizenz.

T: Es geht auch um Vertrauen und Verantwortung. Für uns stellt sich auch bei common spaces die Frage, wie eine Übergabe an andere möglich wäre. Wie wir als Kleingruppe Räume, die potenziell von sehr viel mehr Menschen genutzt werden könnten, an diese undefinierte Masse weitergeben könnten. Muss es da beispielsweise zumindest am Anfang Reglementierungen geben? Oder auch nicht?

I: Wir sind nun dabei, rund um unsere Kerngruppe weitere Schalen aufzubauen. Diese Schalen funktionieren so, dass man sich mit mehr oder weniger Verantwortung in das Projekt einbinden kann. Diese Einbindungen können sowohl temporär als auch längerfristig sein. Leute können auch zum Kernteam dazustoßen, wenn die Bereitschaft dazu besteht. Wir sehen das als mögliche Organisierungsform, um größer zu werden, was notwendig ist. Wir wollen das Gaswerk ja nicht als Kleingruppe mit ein paar Gleichgesinnten nutzen, sondern sehen die Entwicklung als einen Lernprozess für Menschen, wie man Raum nutzen kann.

CIT Collective & dérive
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Gaswerk Leopoldau

Das 1909–1912 errichtete Gaswerk Leopoldau im Wiener Bezirk Floridsdorf ist ein von einer Mauer umgebenes 23,5 Hektar großes Industriegelände. Ein Ensemble aus herrschaftlichen Repräsentationsgebäuden im Jugendstil spiegelt den technischen Innovationsglauben der Jahrhundertwende. Wohn- und Verwaltungsgebäude, die durch zwei Alleen erschlossen sind, wurden zur Inszenierung der industriellen Produktionsmacht Wiens als Pendant zu British Petrol errichtet. In Form eines Wohlfahrtshauses mit Theater, Wohngebäuden und großzügigen Sanitär- und Waschanlagen für Angestellte wurden die stadtpolitischen Ansätze des sozialistischen Gesellschaftsentwurfs des Roten Wien materialisiert. Bis heute ist die sozial-utopische Ideengeschichte in den langsam verfallenden Industrie-Relikten tradiert worden. 17 Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz. Bis 1969 wurde Stadtgas produziert, Mitte der 1980er-Jahre die Gasometer abgebrochen. 2001 konstatierte ein erstes Umweltgutachten auf dem Standort eine großflächige und tiefreichende Verunreinigung des Untergrundes. Seit 2006 steht die stillgelegte Produktionsanlage zum Verkauf. 2009 gab die Stadt Wien eine Studie zur »kulturellen Nachnutzung« des Areals in Auftrag. 2012 rief sie einen Wettbewerb zur Nutzung des Gaswerk-Geländes aus – euphemistisch als »offener und kooperativer Planungsprozess« bezeichnet. Von einem offenen Prozess konnte jedoch keine Rede sein, das Verfahren wurde so angekündigt, dass nur Eingeweihte davon Kenntnis erhielten.

CIT Collective & dérive
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Wie geht ihr diese Erweiterung konkret an? Welche Leute sprecht ihr an? Wie wollt ihr es schaffen, einer­seits Leute zu finden, die eure Idee unterstützen, und gleichzeitig zu verhindern, dass ihr eine sozial und kulturell homogene Gruppe bleibt?

I: Schwierig ist die Sprache, die verständliche Vermittlung unserer Ideen. Wir tun uns ja selbst schwer, z. B. so etwas wie urban commons zu definieren. Dazu kommen die Formate unserer Treffen. Wir haben natürlich begonnen, über unsere diversen Netzwerke Leute einzubinden, und sind alleine dadurch schon keine homogene Gruppe mehr, weil doch viele Interessierte unterschiedliche Hintergründe haben. Bei den Treffen ist es immer sehr zeitaufwändig, allen die Möglichkeit zu geben, sich vorzustellen und eine gemeinsame Sprache zu finden.

C: Für uns ist es sehr wichtig, eine heterogene Gruppe zu sein, weil es dann für andere leichter ist anzudocken, einen Ankerpunkt zu finden. Auch das ist ein dynamischer Prozess, in dem wir ständig neu lernen, wie wir unsere Struktur anpassen müssen, damit wir keine Ausschlüsse produzieren. Man kann nicht alle Bedürfnisse möglicher Akteure und alle potenziellen Hindernisse voraussehen und dementsprechend planen, das ist unmöglich.

Was ist überhaupt eure Motivation, einen Anspruch auf dieses Gelände zu erheben? Warum glaubt ihr, dass Wien so einen Platz, wie ihr ihn euch vorstellt, braucht?

C: Wir alle kennen aus unserem jeweiligen Umfeld den großen Bedarf nach Raum. Ich komme aus der Kunstszene und weiß, dass sich viele Leute kein Atelier leisten können. Ich bin auch sehr unzufrieden damit, wie wenig Freiraum es in Wien gibt, sein Leben zu gestalten. Ich habe lange im Ausland gelebt und hatte dort den Eindruck, dass es im Hinblick auf Wohnen und Arbeiten oft viel mehr Möglichkeiten gibt. Wien ist sehr traditionell, und es geht mehr darum, eine schöne Kulisse zu haben, als z. B. jungen, innovativen und experimentellen Bedürfnissen Raum zu geben.

»Es braucht Orte, die nicht völlig durchdekliniert sind und nicht nur dazu da sind, Leuten beizubringen, wie sie zu funktionieren haben.«

I: Mir geht es um Räume, die noch nicht vordefiniert sind – davon gibt es immer weniger. Es braucht Orte, die nicht völlig durchdekliniert sind und nicht nur dazu da sind, Leuten beizubringen, wie sie zu funktionieren haben. Wenn man sich ansieht, was in gebauten Strukturen zugelassen wird und was nicht, sieht man, dass Nutzungen sehr eng definiert sind und wenig Spielräume vorhanden sind. Das macht das Leben langweilig und starr. Irgendwann sind diese Räume dann nicht mehr anpassungsfähig für Veränderungen, die mit und um uns passieren. Menschen werden auch vereinzelt. Wenn ich ganz genau weiß, nach welchen Richtlinien ich zu leben habe, wenn ich nicht mehr darauf angewiesen bin, mit jemanden darüber zu reden, wie man etwas vielleicht anders machen könnte oder sollte, weil es eh bekannt ist oder auf einem Schild geschrieben steht, verkümmern die Fähigkeiten, Neues zu denken und vielleicht auszuprobieren.

C: Ich habe auch das Gefühl, dass ein Neu-Biedermeier angebrochen ist. Viele Menschen ziehen sich in ihre vier Wände zurück und bauen ihr schönes privates Wohnungsnest aus, weil Engagement im öffentlichen Raum unattraktiv geworden ist. In dieser Isolation glauben viele Menschen, dass sie mir ihren Problemen alleine sind, und zusammen mit der steigenden Arbeitslosigkeit kann das zu einer großen Verzweiflung führen. Das hat auch mit der Kontrolle im öffentlichen Raum zu tun und damit, dass viele öffentliche Strukturen nur Dienstleistungen bieten anstatt eine Plattform, die Menschen übernehmen und für sich sinnvoll nützen können. Wir wollen keine Dienstleistungsinfrastruktur sein, die Menschen ein Service zur Verfügung stellt, sondern Werkstätten und Plattformen anbieten, wo Leute jenseits von kapitalistischen Verwertungsstrategien Sachen machen können, die sie für sinnvoll halten und die sie glücklich machen. In solchen Situationen merkt man, dass relativ schnell eine Transformation passieren kann. Ich habe bei Open Labs beobachtet, dass Leute reinkommen, die völlig kaputt und fertig sind, und in kürzester Zeit sind sie engagiert und machen tolle Projekte. Gemeinschaftliches Handeln ist eine gute Möglichkeit, Lebensqualität zu gewinnen und sich gegenseitig zu stabilisieren.

T: Die Prekarität in den unterschiedlichsten Lebensbereichen ist auch auf den allumfassenden Konsum, der nach dem Brot-und-Spiele-Prinzip funktioniert, zurückzuführen. Gleichzeitig gibt es die berühmt-berüchtigte Gemütlichkeit in dieser Stadt, und diese Zähigkeit in Wien bedeutet für mich auch ein Lahmlegen von breiterer, radikaler gesellschaftlicher Kritik bzw. überhaupt der Fähigkeit, dazu Kritik auszuüben. Diese Atmosphäre verhindert es, dass man irgendwann merkt: Verdammt noch mal, ich bin ja sauer, dass es mir dreckig geht, und ich mache ja gar nicht das, was ich eigentlich will. Es braucht also Räume, in denen einem das bewusst wird. Räume, in denen man aus dem eigenen Lebenstrott rausgenommen wird und merkt, dass es auch anders geht – ganz niederschwellig: zusammen kochen oder gärtnern, Werkzeug nutzen oder was auch immer. Die Idee der commons kann auch auf die strukturellen, alltäglichen Lebensbereiche ausgedehnt werden: Zum Beispiel gemeinsame Ökonomien ausprobieren, um dadurch dem kapitalistischen Verwertungsdruck aller Lebensbereiche zu entgehen und der neoliberalen Tendenz, alles stets unter dem Aspekt der Effizienz zu sehen, eine Alternative entgegenzusetzen. Somit den Druck auf viele zu verteilen; Menschen die Möglichkeit zu geben, einmal durchzuatmen und zu denken: Was will ich eigentlich?

»Das Gaswerk wäre der Ort, an dem wir uns laufend fragen, wie wir künftig leben wollen.«

I: Das Gaswerk wäre der Ort, an dem wir uns laufend fragen, wie wir künftig leben wollen – neben der Kulturstadt, der Kreativstadt, der vordefinierten Stadt. Das ist ein Ort, der dir diese Frage stellt und wo du dir selber die Frage stellen musst.

C: In Österreich werden viele Leute davon abgehalten, das zu machen, was sie gut können. Im Gaswerk soll niemand davon abgehalten werden.

T: Oder ein Ort wo Menschen nicht verfolgt, diskriminiert oder von staatlichen Organen genervt werden. Wo sie eigene, autonom gewachsene Strukturen aufbauen können.

C: In Wien muss auf jeden Fall eine Konflikt- und Debattierkultur aufgezogen werden, die es hier im Gegensatz zu anderen Städten nicht gibt. In Österreich werden alle schon im ersten Gespräch danach beurteilt, ob sie gesellschaftlich höher oder niedriger einzustufen sind, und diese Einstufung dominiert die weiteren Kontakte.

Ihr habt als Beispiele viele kollektive Tätigkeiten angeführt – Kochen, Gärtnern etc. Wie haltet ihr es mit dem Individualismus, der ja durchaus auch eine urbane Errungenschaft ist? Vielleicht habe ich ja gar keine Lust, Teil eines Kollektivs zu sein und gemeinsam zu kochen. Wäre der von euch konzipierte Raum dann trotzdem ein Raum für mich?

I: Ein Recht auf Eigenständigkeit und Rückzug ist auf jeden Fall Teil des Projekts, das ist für uns genauso ein Teil der Lebensqualität.

»Wir wollen sicher keine Ideologie auf dem Rücken individueller Bedürfnisse umsetzen – im Gegenteil!«

C: Wir wollen sicher keine Ideologie auf dem Rücken individueller Bedürfnisse umsetzen –im Gegenteil! Wir wollen über die individuellen Bedürfnisse eine Ideologie generieren.

T: Wie schaffe ich es, gesellschaftliche Strukturen zu fördern und ihnen einen Raum zu geben, damit sie sich weiterentwickeln können, und was braucht es, um so eine Gemeinschaft – also commons – zu kreieren? Welche Rahmenbedingungen braucht es, um eine Offenheit zu produzieren und diese gleichzeitig auch aushalten zu können, damit die Funktionstüchtigkeit gegeben ist? Der Herausforderung des scheinbaren Verlusts von Individualität und Eigenständigkeit in einer Gemeinschaft aktiv zu begegnen, finde ich einen der schwierigsten Punkte. Ich habe im Moment keine Lösung dafür. Ich sehe das Gaswerk sicher weniger als eine Kommune, sondern eher als ein Experiment, das eine Reaktion auf die Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen sein kann und dessen Ergebnis noch nicht zur Gänze festgeschrieben ist.

Wie wappnet ihr euch mit euren Ideen für das Gaswerk gegen Vereinnahmung durch Kreativstadtkonzepte, die ja auch damit antreten, Experimente zu fördern, und junge, kreative, außergewöhnliche Menschen versammeln wollen? Schlussendlich sind zwar nicht eure Gedanken und Thesen, aber vielleicht die Art und Weise, wie sich euer Konzept auf diesem Gelände als Ort für Kunst, Kultur, soziale Projekte, Wissenschaft und Austausch manifestieren könnte, sehr nahe an bekannten Konzepten von Kreativquartieren, wie wir sie aus vielen Städten kennen. Städte wollen durch diese Quartiere ein attraktives Image gewinnen. Wie soll ein Andocken eurer gesellschaftspolitischen Konzepte und Idealvorstellungen an realpolitische Bedingungen und Anforderungen, die an einen herangetragen werden, funktionieren?

I: Es ist kein Andocken, sondern ein aneinander Vorbeireden. Es sind zwar die gleichen Worte, aber sie sind nur Platzhalter für ganz unterschiedliche Welten. Das fällt mir in den Gesprächen bzw. eher Konfrontationen mit Politikern und Politikerinnen sehr stark auf. Für mich gilt definitiv, dass Nichtstun keine Lösung ist. Es braucht Gegenbilder und -räume und – ja, es braucht wahrscheinlich auch irgendwo ein Agreement, um im Gaswerk die Voraussetzung dafür zu schaffen, diese Gegenbilder- und räume aktiv zu erzeugen. Das Konzept einer Kreativstadt, bei der definiert ist, wie sie aussehen soll, und wen ich mir um wieviel Geld dafür kaufen kann, um im Städtewettbewerb zu punkten, hat mit uns nichts zu tun. Es gilt sich dieser Herausforderung zu stellen, um zu zeigen, was der Begriff noch bedeuten kann. Das Gaswerk und die Bedürfnisse, die es in Wien gibt, sind meiner Meinung nach dafür stark genug. Dass das funktionieren kann, hat Park Fiction in Hamburg gezeigt. Die Wünsche sind da, und sie können so stark werden, dass sie sehr wohl über die eigenen lokalen Grenzen hinaus diese Gegenbilder erzeugen. Deswegen finde ich nicht nur unseren Mini-Fokus – »Was können wir mit dem Gaswerk konkret machen?« – wichtig, sondern die Verknüpfung mit Recht auf Stadt, mit Open Source, mit commonings, mit Peer-to-Peer-Production, mit Sharing Culture.

T: Wir müssen uns einer möglichen Instrumentalisierung unserer Gruppe und unseres Projekts ständig gewahr sein und sie durch einer sehr genaue Betrachtung und kritische Reflexion verhindern – was wir auch machen. Jedes Treffen wird nachbesprochen, die Strategien werden angeglichen. Wir fragen uns ständig selbst, was wir genau wollen und aus welchen Gründen wir das wollen. Es ist Teil unserer Praxis, uns diesen theoretischen, gesellschaftlichen oder politischen Herausforderungen ständig zu stellen, und das stärkt uns auch als Gruppe. Ich will die kreativen Akteure und Akteurinnen gar nicht ausschließen, wir gehören ja zum großen Teil selber dazu. Auch für die so genannten Creative Industries soll es einen Raum geben, aber wir werden ihnen ganz sicher nicht das ganze Feld überlassen, weil viele unterschiedliche Personen und Gruppen dort Platz haben sollen. Auch die Fläche des Gaswerks ist – trotz der enormen Größe – begrenzt. Vor allem wollen wir keine hochpreisigen Flächen schaffen. Es muss beispielsweise auch Platz für ein queerfeministisches Hausprojekt sein oder die Möglichkeit geben, dass die Jugendlichen der Umgebung die große Halle zwei Mal in der Woche nutzen können etc. Aber das heißt nicht, dass in dieser Halle nicht auch eine VJing-Konferenz stattfinden kann oder neue Produkte von Leuten entwickelt werden können, die aus ihrer Prekarität hinaus wollen.

C: Wir wollen aber sicher keine Hilfestellung für das Leben im Kapitalismus anbieten, denn dann würden wir ja dem Kapitalismus helfen. Wir sind gegen Wachstum und Fortschritt, wir glauben, dass hier der Hund begraben liegt.[1] Es geht um eine taktische Ziellosigkeit, und das ist oft schmerzlich für Firmen, die das Potenzial an Innovation und Kreativität sehen und es für sich gewinnen wollen. Denen müssen wir dann leider sagen, dass das nur funktioniert, indem man die Leute machen lässt, wie und was sie wollen, und ihnen kein Ziel vorgibt. Das wollen Unternehmen natürlich nicht, denn sie haben ja ein Ziel vor Augen und wollen Profit generieren, doch damit würden sie alles kaputt machen. Wenn Menschen kontemplativ an dem arbeiten, was sie für sinnvoll halten, passieren irrsinnig tolle Sachen, aber die sind nicht verwertbar.

»Es geht um eine taktische Ziellosigkeit …«

Wie steht es um eure Initiative konkret? Wie stehen die Chancen, dass das Gaswerk tatsächlich eine Nutzung in eurem Sinne erfahren wird?

T: Es gab Gespräche mit PolitikerInnen, und sie haben uns in ihrem (begrenzten) Maß zugehört. Konkrete Ergebnisse haben diese Gespräche noch nicht gebracht, aber es gibt viele Hinweise dafür, dass unsere Vehemenz und Kritik doch einen Nachdenkprozess ausgelöst hat. Für uns ist auch das ein kleiner Erfolg, denn uns als CIT Collective geht es nicht nur um einen konkreten Ort, an dem wir all unsere Ideen und Kritik einmal in die Praxis umsetzen können, sondern strategisch und längerfristig gesehen auch um ein Umdenken in der Stadtplanung, die heute ganz stark von Kapitalertrag und politischen Machtverhältnissen geprägt ist.

I: Wir haben drei Forderungen gestellt, und es hat sich gezeigt, dass wir damit durchaus gehört wurden. Die erste war, dass man dem Planungsverfahren, das die Stadtverwaltung initiiert hat, mehr Zeit gibt bzw. nicht nur die Umwidmung zum Thema macht, sondern ein Nachdenken über einen längerfristigen Prozess, wie dieses Gebiet als Experimentierraum entwickelt werden kann, in Gang setzt. Dieses Planungsverfahren ist ergebnislos abgebrochen worden. Das gleiche Architektenteam arbeitet jetzt an einem Fahrplan bzw. an einer Prozessgestaltung über eine mögliche nutzergetragene Entwicklung. Unsere zweite Forderung betrifft die Bekanntgabe von Ergebnissen aktueller Studien über die Kontaminierung des Bodens, die für eine Nutzung sehr wichtig sind. Die dritte Forderung ist, das Gelände zu öffnen. Wenn diese drei Forderungen erfüllt sind, ist die Voraussetzung für den Start einer Aneignung gegeben.

CIT Collective & dérive
CIT Collective & dérive

International sind Projekte mit einem ähnlichen Ansatz wie das eure, also Projekte mit einem gesellschaftskritischen und antikapitalistischen Anspruch, oft mit einer stärkeren Radikalität, also zumeist durch Besetzungen ermöglicht worden. Gruppen haben sich Objekte angeeignet und aus dieser Position heraus Forderungen gestellt. Ihr geht einen Weg, der inhaltlich eine Spannbreite von Konformität bis zu Radikalität aufweist und auch organisatorisch auf mehreren Ebenen aktiv ist. Es gibt Gespräche mit Politikern und Politikerinnen, gleichzeitig tragt ihr sicher nicht alle eure Gedanken und Pläne in die Öffentlichkeit. Ist diese Vorgehensweise Strategie oder hat sie sich im Laufe der Zeit ergeben?

I: Diese Vorgehensweise ist eine Strategie. Ich habe immer wieder festgestellt, dass es viele Ebenen gibt, die parallel existieren. Wenn man auf einer Ebene etwas erreicht, muss das nicht heißen, dass das auch für andere Ebenen gilt. Man muss mit mehreren Sprachen sprechen und spielen. Für uns ist diese kaleidoskopartige Arbeit sehr anstrengend, aber notwendig. Es hat gar keinen Sinn, alle Kraft auf eine Ebene zu konzentrieren und alle anderen zu ignorieren. Wir haben alle multiple Identitäten als Lehrende auf der Universität, als politische Aktivisten, als Stadtbewohner etc. Es gibt nicht die Rolle, die man ein ganzes Leben lang einnimmt.

T: Obwohl ich politisch einen linksradikalen Hintergrund habe, macht es mir manchmal Spaß, mit Politkern zu sprechen, zu versuchen, sie zu verstehen und gemeinsame Ideen zu entwickeln. Vor allem, weil ich sie als Menschen begreife, die genau so Teil einer größeren Gemeinschaft sind wie Leute aus dem Schwarzen Block oder die Kleingärtner neben dem Gaswerk.

CIT Collective & dérive
CIT Collective & dérive

Glaubt ihr, dass ihr auf diese Art den nötigen Druck erzeugen könnt, um gegen eine Stadtplanung anzukommen, die letztendlich wenig Interesse an solchen Projekten hat, weil sie die Kontrolle nicht aufgeben will, und vor allem mit einem starken Bevölkerungswachstum konfrontiert ist, das es notwendig macht, in erster Linie Wohnbau zu ermöglichen? Was hieße es für euch persönlich, wenn eure Ideen nicht in die Zukunft des Gaswerks einfließen?

C: Gewalt und Autorität sind sicher effektiver, aber das sind nicht unsere Methoden. T: Unsere Arbeit im CIT Collective bringt uns auch persönlich sehr viel. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich endlos aufopfere. Alleine dass wir hier sitzen und gemeinsam sprechen, ist für mich heilsam. Ich bin überzeugt davon, dass es Visionen braucht, dass wir einer positiven Utopie entgegenleben müssen. Gleichzeitig weiß ich, dass es am wichtigsten ist, jederzeit diese Idee auch loslassen zu können. Wenn ich das nicht tue, verkrampfe ich mich automatisch, was weder mir noch dem Projekt gut tut: Das führt zu Erwartungshaltungen, Dogmatismus, Überarbeitung etc. Nicht bedingungslos auf der eigenen Position zu beharren und selbstkritisch im Hinblick auf die eigene Praxis zu bleiben, sind Voraussetzungen für das Gelingen des Projekts.

C: In den letzten zwei Jahren haben wir von den unterschiedlichsten Leuten und Initiativen ihre Ideen zum und Gedanken über das Gaswerk und ihre Pläne, Wünsche und Bedürfnisse gehört und wissen nun viel besser Bescheid. Das wäre nicht passiert, hätten wir z. B. die Möglichkeit gehabt, das Gaswerk einfach zu kaufen.

I: Ich sehe die Arbeit, die wir bisher gemacht haben und jetzt machen, als Teil des Ganzen. Es gibt nicht den einen Zeitpunkt, der den Prozess abschließt und den Erfolg oder das Scheitern markiert. Für mich ist der ganze Prozess ein Experiment.

T: Und es bleibt das Ziel, das Gaswerk zu bekommen, und wenn wir es bekommen, alle einzuladen, das Experiment fortzuführen und daran zu wachsen.

Danke für das Gespräch.

Fußnote


  1. Nicht alle VertreterInnen des CIT Collective waren mit der Verwendung des Begriffs Fortschritt in diesem Zusammenhang einverstanden. Es folgte eine Diskussion über die Definition von Fortschritt bzw. Innovation, die wir aus Platzgründen hier nicht wiedergeben können. ↩︎


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