Die Ausstellung Partecipazione von AKT & Hermann Czech im Hauptraum des österreichischen Pavillons; Foto – Clelia Cadamuro
»Architektur passiert nicht im luftleeren Raum, sondern mitten in einer Gesellschaft, zwischen Menschen«
Ein Gespräch mit AKT & Hermann CzechDas Wiener Architekturkollektiv AKT hat für die Architekturbiennale 2023 gemeinsam mit dem Architekten Hermann Czech den Beitrag für den österreichischen Pavillon gestaltet. Das Vorhaben, unter dem Titel Partecipazione/Beteiligung den Pavillon zu teilen und eine Hälfte der Bevölkerung des angrenzenden Stadtteils und Initiativen aus Venedig zur Verfügung zu stellen und dafür einen eigenen, neuen Zugang vom benachbarten Stadtteil Sant’Elena zu schaffen, stieß auf Widerstand und Ablehnung durch die Direktion der Biennale. Vor Beginn der Biennale im Frühjahr 2023 haben AKT & Hermann Czech einen Beitrag über ihr Projekt und den Prozess für dérive geschrieben. Jetzt, ein knappes Jahr später, blicken sie im Gespräch mit Elke Rauth und Christoph Laimer noch einmal zurück und sprechen über die Geschichte und aktuelle Ausrichtung der Institution Biennale, über das Verhältnis der Stadt und ihrer Bewohner:innen zu dem jährlichen Event, darüber, was Beteiligung eigentlich bedeuten müsste und anderes mehr.
Zwischen Öffnung und Besetzung
dérive: Mit Partecipazione/Beteiligung knüpft ihr an die lange Biennale-Geschichte der Forderung nach Beteiligung, nach Öffnung an. Ihr habt in einem Artikel, den wir letztes Jahr vor Beginn der Biennale in dérive veröffentlicht haben, sehr schön ausgeführt, dass es ab den 1970er Jahren erste Ansätze einer Öffnung der Biennale zur Stadt gab und Architekt:innen und Künstler:innen aufgefordert wurden, in die Stadt hinauszugehen, um mit ihr zu arbeiten. Als 1980 erstmals das Arsenale für die Biennale geöffnet wurde, hat man diese Möglichkeit als Trojanisches Pferd gesehen, um eine generelle Zugänglichkeit zu schaffen. All diese Entwicklungen haben sich in ihr Gegenteil verkehrt.
In dieser frühen Phase war die Öffnung mit der Idee verknüpft, sich mit der Stadtgesellschaft auseinanderzusetzen, vor Ort präsent zu sein, Diskussionen zu veranstalten. Diese Präsenz hatte keine dauerhafte Raumnahme oder Besetzung zur Folge. In einer späteren Phase, Mitte der 1990er Jahre, wurde von der Biennale entschieden, dass Länderpavillons auch außerhalb des Biennale-Areals entstehen können. Damit kam es – beispielsweise durch neue Ausstellungsräume – tatsächlich zu einer räumlichen Besetzung und Ausdehnung. Wie beurteilt ihr diese beiden unterschiedlichen Formen des In-die-Stadt-Gehens, der Öffnung? Wo schlägt die positive in eine negative Entwicklung um?.
AKT: In den 1990er Jahren kam es zu einem Bruch. Das Interessante ist, dass es zwei Tendenzen gleichzeitig gegeben hat. Zwei Ideen, die in Konkurrenz zueinander gestanden sind, obwohl beide vom damaligen Bürgermeister, Massimo Cacciari vom Linksbündnis Alleanza dei Progressisti, vertreten worden sind. Einerseits gab es den Versuch, besonders touristische Stadtteile zu entlasten und die Tourist:innenströme in den Griff zu kriegen, indem man die über die Stadt verstreute Museumslandschaft an drei Standorten, dem Markusplatz, der Punta della Dogana und den Giardini (Biennale), bündelt. Gleichzeitig gab es die Forderung nach der Öffnung der Biennale zur Stadt, deren Folge jetzt die über die ganze Stadt verstreuten Länderpavillons und assoziierten Begleitausstellungen sind. Diese Forderung lief der Idee der Bündelung zwangsläufig zuwider.
Der Unterschied zu dem ursprünglichen Konzept der Öffnung aus den 1970ern war, dass mit dem Aufbruch in die Stadt die Idee einer Auseinandersetzung mit ihr verknüpft war und die lokale Stadtgesellschaft einbezogen werden sollte. Das ist für zahlreiche Akteur:innen, wie auch für uns, seither immer wieder ein Anliegen gewesen. Im anderen Fall handelt es sich um isolierte, angemietete Räume irgendwo in der Stadt, in denen nichts verhandelt wird, was einen Bezug zur Umgebung hätte. Es wird zwar gelegentlich versucht, Kontakt zum Umfeld, zur Nachbarschaft aufzunehmen, dabei handelt es sich aber üblicherweise nicht um einen konzeptionellen Bestandteil des Projekts. Uns war es von Beginn an wichtig, mit der Stadt und ihrer Bevölkerung zusammenzuarbeiten. Durch gezielte architektonische Maßnahmen sollte eine gemeinsame Verhandlung der Rolle der Institution öffentlich zugänglich auf einem Teil des exklusiven Biennalegeländes ermöglicht werden.

Raum und Beteiligung
Ein für euch sehr wichtiger Punkt ist die Definition von Beteiligung. Was bedeutet sie für euch ganz allgemein, was heißt sie konkret im Kontext von Venedig?
AKT: Wir verstehen ›Beteiligung‹ als räumliche Praxis, die über eine heute gebräuchliche Vorstellung von Mitbestimmung hinausgeht. Das beinhaltet die Abgabe von Raum beziehungsweise der Verfügungsmacht über Raum. Erst dadurch kann Beteiligung tatsächlich ermöglicht werden.
Es ging uns nicht darum, dass Menschen darüber mitbestimmen können, welche Farbe ein Raum haben soll. Als wir uns im Vorfeld dem in der direkten Nachbarschaft der Giardini gelegenen Stadtteil Sant’Elena angenähert haben, sind wir sehr schnell auf eine Facebookseite gestoßen, die sich in den vergangenen Jahren zu einer wichtigen Nachbarschafts-Plattform entwickelt hat. Dort tauscht sich die Bevölkerung aus und verhandelt aktuelle Themen. Es wurden etwa der Bedarf eines Supermarkts auf Sant’Elena oder aber die Organisation gemeinsamer Veranstaltungen diskutiert. Immer wieder zeigte sich jedoch, dass im digitalen Raum keine Entscheidungsfindung zustande kommt, sondern dass die Gespräche und Diskussionen stattdessen irgendwann versickern. Damit es wirklich zu einer Entscheidung kommen kann, braucht es Raum. Es braucht einen Ort, an dem sich die Menschen treffen können, um an einem Tisch zu sitzen, zu verhandeln und Entscheidungen zu treffen. Gerade in der Altstadt Venedigs, in der Raum eine knappe Ressource ist, ist dieser Mangel an Räumen für Menschen, die sich politisch am Stadtleben beteiligen wollen, besonders stark zu spüren. Deshalb braucht es frei zugängliche Räume, die solchen Gruppen zur Verfügung gestellt werden. In einer Stadt, die nicht wachsen kann, bedeutet dies, dass der bestehende Raum durch Umbau anders verteilt werden muss. Das meinen wir mit einer räumlichen Interpretation des Begriffs Beteiligung. Die zentrale Aussage unserer Ausstellung ist: das passiert durch Architektur – durch Wände, Öffnungen und Schließungen.
Wäre euer Konzept nicht verhindert worden, hättet ihr exemplarisch sehr schön zeigen können, wie mit relativ einfachen Mitteln und dem notwendigen Willen eine Öffnung passieren kann. Wenn man über langfristige Lösungen nachdenkt, ist Beteiligung auch eine Frage von Eigentum, Verfügbarkeit über Eigentum, von Regeln, Gesetzen, Regulatorien. Habt ihr euch über die Architektur hinausgehend mit solchen Themen auseinandergesetzt?
AKT: Wir haben natürlich begonnen, darüber nachzudenken: Wie wird der Raum tatsächlich genutzt werden? Wer entscheidet, wer bekommt wie viel Raum etc.? Wir haben uns frühzeitig dazu entschlossen, uns in das, was dort passiert, nur in Ausnahmefällen einzumischen und bei unserer Rolle als Architekt:innen zu bleiben. Wir stellen den Raum her, geben ihn ab und nehmen uns bis zu einem gewissen Grad heraus, um Prozesse auch selbstorganisiert entstehen zu lassen.
Es war ein wesentlicher Bestandteil des Konzeptes, zu zeigen, was an der Herstellung einer Wand und weniger Öffnungen alles mit dran hängt. Welche Interessen werden berührt, welche Institutionen und Behörden sind involviert und werden teils instrumentalisiert, und nicht zuletzt, welche Konfliktlinien zeigen sich, wenn man irgendwo eine Wand baut und irgendwo ein Loch machen will. Die Rolle der Institution und ihre Interessen wurden dadurch auch räumlich greifbar und die Argumente der Ablehnung und die Aussage, keinen Präzedenzfall schaffen zu wollen, verdeutlichen eine Grundhaltung. Unser Ziel war es, diesen Prozess aufzuarbeiten und zu zeigen, dass das Bauen von Architektur nicht im luftleeren Raum, sondern mitten in einer Gesellschaft, zwischen Menschen passiert. Das war unsere Absicht.

Die Institution Biennale
Welche Machtverhältnisse und Dynamiken haben sich gezeigt? Wie sehr sind diese über Venedig hinaus in der heutigen Situation, für die Stadtentwicklung, des Bauens, die Immobilienwirtschaft gültig?
Czech: Konkrete Auswirkungen kann unser Wirken in zweierlei Hinsicht haben. Wir können jedoch bestenfalls Anreger sein und jetzt beobachten und zuwarten. Einerseits sind es ein oder mehrere konkrete Orte, die einen Planungshorizont kriegen könnten, wie das beim Arsenale einmal der Fall war, ohne dass die Planung realisiert worden wäre. Das Andere ist die Biennale selbst und die Frage, ob sie ihre Einstellung zur Stadt modifizieren wird, ob sie sich öffnen könnte. Dafür spricht die Commissioners Group, eine Gruppe von Kommissär:innen unterschiedlicher Länderpavillons, die schon länger eine kritische Rolle spielt und auf Veränderungen abzielt.
Welche Struktur hat die Biennale als Institution? Wie viel Macht hat sie und wer nimmt die Machtpositionen ein? Wenn man die Texte im Katalog liest und sich die historische Entwicklung ansieht, beschleicht einen das Gefühl, die Verantwortlichen blockieren einfach alle vernünftigen Vorschläge.
AKT: Die internen Machtverhältnisse und die Art, wie sich diese Institution gegenüber den Kulturschaffenden, aber auch gegenüber den Behörden verhält, haben sich im Zuge des Projekts deutlich herauskristallisiert. Die Biennale hat nicht zuletzt deswegen so eine Macht, weil sie seit ihrer Gründung wesentlich zur Neuerfindung und Modernisierung Venedigs beigetragen hat. Venedig war Ende des 19. Jahrhunderts im wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang begriffen. Unter Mussolini ist die Biennale verstaatlicht worden, dadurch hat sich ihr Status als Fremdkörper in der Stadt noch verstärkt. Ihre Politik und Inhalte, ebenso wie die Vergabe wichtiger Posten, wurden ab diesem Zeitpunkt staatlich mitbestimmt. Das hat sich etwas verschoben, als die Biennale privatisiert und zu einer Stiftung umgewandelt worden ist. Das italienische Kulturministerium hat aber immer noch ein sehr starkes Gewicht, was beispielsweise die Postenbesetzungen betrifft. Das zeigt die Ernennung des neuen Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco, der im Frühjahr sein Amt antritt, ein Intellektueller der neuen italienischen Rechten, der Ministerpräsidentin Meloni gedanklich nahesteht. Die Institution, und das gilt auch ein wenig für die Selbstwahrnehmung des Direktoriums, hat etwas Paternalistisches. Es gibt eine gewisse Losgelöstheit von den anderen Akteur:innen der Biennale. Das betrifft vor allem auch die eigentlich mächtige Gruppe der Teilnehmerländer, die ihre Ausstellungen autonom organisieren, ausschreiben und finanzieren. Es gibt keine Zuschüsse von der Biennale. Zur schon erwähnten Commissioners Group, zu der sich hauptsächlich europäische Länder, aber auch Länder wie die USA und Japan zusammengeschlossen haben, besteht entsprechend nach wie vor eine gewisse Distanz. Diese Gruppe versucht gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie sie im Zuge ihrer Ausstellungen in Venedig sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltiger agieren kann. Sie lädt auch immer wieder Vertreter:innen der Biennale zu Veranstaltungen und Workshops ein, jedoch ohne Erfolg. Im Gegenteil, die Biennale bezeichnet die Gruppe ein wenig abschätzig als Rebellen. Man fühlt sich, und das ist eine Einschätzung, die auch die Kommissär:innen und viele lokale Organisationen teilen, die mit Anliegen an die Biennale herantreten, immer in der Position des Bittstellers. Ein Dialog wird nicht gewünscht. Die Biennale ist in der Stadt eine große Arbeitgeberin, woraus sich ein nicht zu unterschätzender Einfluss auf die Stadtverwaltung und die Behörden ergibt. Es ist kein Zufall, dass es sich die Biennale leisten kann, interne Stimmen und Kritik zu ignorieren. Ob das eine besonders zukunftsfähige Strategie ist, sei dahingestellt.
Seit ihrer Transformation vom staatlichen Unternehmen zur privaten Stiftung ist die Biennale zudem klar gewinnorientiert. So wie die Ausbreitung der Biennale in der Stadt vor allem auch ökonomische Interessen bedient, führt diese Entwicklung aus logistischen Gründen auch zu restriktiveren Vorgaben, was baulich, gestalterisch und konzeptuell möglich ist.
Es liegt im Eigeninteresse der Institution, dass alles einfacher abgewickelt werden kann, um Kosten zu reduzieren. Im Arsenale, wo immer mehr Länder ihre Ausstellungen abhalten, erhöht die Biennale selbst zudem regelmäßig die Mieten. 200.000 € Miete für einen leeren Ausstellungsraum ohne zusätzliche Unterstützung sind dort nicht ungewöhnlich. Man merkt, dass seit der Privatisierung andere Mechanismen am Werk sind. In dieses Bild passt auch der letzte Pavillon, der in den Giardini gebaut worden ist: der Rolex-Pavillon.
Transparenz als Strategie
Wenn man davon ausgeht, dass eines eurer Ziele war, Raum zur Verfügung zu stellen, und das andere, auf dieses Thema aufmerksam zu machen, dann hätte euch ja fast nichts Besseres passieren können, als dass euer Projekt nicht gestattet wird, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die mediale Berichterstattung war dadurch vermutlich größer, als sie es gewesen wäre, wäre das Projekt genehmigt worden.
AKT: Im Vordergrund stand die Zurverfügungstellung von Raum. Das war der Ausgangspunkt des Projekts, nicht die Provokation und auch nicht die Kritik an der Biennale, die erst durch die Haltung der Biennale und deren Ablehnung prominenter geworden ist.
Von der Biennale kam der Vorwurf, wir hätten es von Anfang an auf Provokation angelegt. Wenn man mit dem Selbstverständnis eines Architekten eine umfangreiche Planung mit einem gewissen Budget macht, läuft man nicht blauäugig ins offene Messer. Man denkt in Varianten für verschiedene Szenarien und überlegt, wie man auf verschiedene Widrigkeiten reagieren kann, damit das Projekt inhaltlich nicht geschwächt wird. So gesehen war für uns klar, dass wir, wenn das Projekt verhindert wird, gerade das zeigen müssen und die Aussage ebenso klar sein muss.
Wir haben stets alles transparent dargelegt, sowohl in den Gesprächen mit der Biennale als auch in der öffentlichen Kommunikation, z. B. mittels unseres Newsletters, mit dem wir ein halbes Jahr vor der Eröffnung begonnen haben. Wir haben offen, transparent, aber natürlich auch strategisch kommuniziert.
Es ist für Biennale-Projekte ungewöhnlich, den ganzen Prozess transparent zu machen und stets zu kommunizieren, was gerade passiert, was wir vorhaben, was nicht klappt. Es war uns wichtig, selbst auf die Gefahr hin, dass mitten im Arbeitsprozess in der Kronen Zeitung Artikel mit Titeln wie »Schlamassel!« oder »Was kosten Leere und Nichts?« erscheinen.
Ungewöhnlich war vielleicht auch der Versuch, im Vorfeld mit anderen Pavillons Kontakt aufzunehmen, um Ideen auszutauschen oder Kooperationen vorzuschlagen. Dieses Vorhaben hat sich allerdings als unerwartet kompliziert herausgestellt. Im Falle Großbritanniens darf zum Beispiel niemand, der nicht Teil des Teams ist, vor der Eröffnung die Baustelle auch nur betreten, da absolute Geheimhaltung vorgeschrieben ist. Es geht in vielen Fällen eben doch sehr stark um die Show und um den Newswert der Ideen, die gezeigt werden. Das erschwert Kooperationen beträchtlich, wenngleich es offiziell immer heißt, das System der nationalen Pavillons müsse überwunden werden. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Commissioners Group in unseren Augen sehr wichtig. Die Biennale gibt es seit über 100 Jahren und während der Pandemie sind die Ländervertreter:innen zum ersten Mal auf die Idee gekommen, dass man auch zusammenarbeiten könnte.
Die Biennale bietet international für Architektur wahrscheinlich die wichtigste Bühne. Sie hat eine sehr hohe Aufmerksamkeit. Wie seid ihr an die Aufgabe herangegangen, einerseits eine Ausstellung, die gesellschaftliche Fragen thematisiert, zu kuratieren und zu zeigen, und gleichzeitig die Aufmerksamkeit für aktivistische Anliegen oder Bewohner:innen-Initiativen zu nutzen? Widerspricht sich die Logik einer Ausstellung mit dem Anliegen, Initiativen Aufmerksamkeit zu verschaffen?
AKT: Wir haben immer gesagt, wir wollen keine Ausstellung machen, sondern Architektur – gebaute Architektur. Uns interessiert, wie gebaute Architektur gesellschaftliche Zustände verändert. Der räumliche Umbau des Pavillons stand für uns immer im Mittelpunkt.
Auf der einen Seite steht diese, wie sie sich auch selbst nennt, größte und wichtigste Architekturausstellung der Welt. Alle zwei Jahre zeigt sie immer stärker, dass soziale Agenden in der Architektur wichtiger werden, präsenter sind und die Disziplin sich von der Selbstdarstellung einzelner Protagonist:innen entfernt. Gleichzeitig findet all das im Paradebeispiel einer Shrinking City statt. Drinnen werden diese Themen verhandelt und draußen, wenn ich über die Mauer schaue, sehe ich die Praxis. Mit dieser Diskrepanz zu arbeiten, nicht etwas auszustellen, sondern umzubauen, also etwas herzustellen, wird nicht nur Sichtbarkeit erzeugt. Der Eingriff hat tatsächliche Konsequenzen. Das war unser Zugang. Eine in unseren Augen legitime Kritik. Ab und zu kam die vorwurfsvolle Frage: Warum macht ihr überhaupt mit?
Die Biennale als Institution ist gemeinschaftliches Kulturgut, daran ändert sich nichts, nur weil im Moment bestimmte Leute das Sagen haben. Natürlich kann und muss man sie gerade deshalb auch immer wieder von innen heraus kritisieren und das ist in der über 100-jährigen Geschichte dieser Institution auch Usus.
Ressourcen und Ressentiments
Wie waren die Reaktionen bei anderen Kurator:innen oder Biennaleteilnehmer:innen auf euren Beitrag? Haben sich neue Vernetzungen ergeben?
AKT: In der Vorbereitungszeit der Biennale sind die meisten Teilnehmer:innen so gestresst, dass es kaum eine Chance auf Vernetzung gibt. Was die Commissioners Group betrifft, glauben wir, dass es mit ihr eine nachhaltige Vernetzung geben kann. Aktuell ist vieles noch im Werden. Wir werden sehen, ob es durch unser Projekt und die weiterhin aufrechte Zusammenarbeit gelingt, etwas anzustoßen. Der Kontakt zu dieser Gruppe war für uns der wichtigste und nachhaltigste. Denn es war möglich, sich mit den Vertreter:innen all der Länder zu treffen, über Themen zu sprechen und gleichzeitig auch Analysen durchzuführen.
Es war möglich, die lokalen Akteur:innen, mit denen wir zusammenarbeiten, in die Workshops zu integrieren und gemeinsam in Sitzungen und Diskussionen zu überlegen, wie Anliegen über die Commissioners Group an die Biennale getragen werden können und welche Instrumente dafür entwickelt werden müssen. Als wichtiger gemeinsamer Schritt hat sich ein offener Brief herauskristallisiert, der erste Anliegen formuliert und demnächst veröffentlicht wird. Am wenigsten nachhaltig ist die mediale Aufmerksamkeit.
Nachhaltig relevant war auch die Vernetzung der Initiativen und der lokalen Akteur:innen untereinander. Bei unserem ersten Treffen, zu dem wir Bewohner:innen, Initiativen und Expert:innen an einen Tisch gebracht haben, haben sich einige von ihnen zum ersten Mal kennengelernt. Es hat auf jeden Fall einen Mehrwert gebracht, alle zusammenzubringen, weil davor untereinander teils Ressentiments geherrscht haben. Die meisten haben sich aber gelöst und die Zusammenarbeit hat gut funktioniert.
Nicht zuletzt war es wichtig, dass wir über die gesamte Laufzeit im Pavillon anwesend waren und das Gespräch mit den Besucher:innen gesucht haben. Der Raum war ein Beispiel dafür, dass man Öffentlichkeit kreieren kann.
Wir haben immer versucht, im Rahmen der Architektur zu agieren, uns nicht zu weit davon zu entfernen. Also beispielsweise wenn wir einen Workshop mit den Kommissär:innen gemacht haben, bei dem es konkret darum gegangen ist, wie räumliche Strategien für Venedig ausschauen könnten, haben wir auch mit Student:innen dazu geforscht und Entwürfe erarbeiten lassen.
Czech: Ein Thema in diesem Zusammenhang ist eine bessere Organisation der Unterbringung der Biennale-Beteiligten, damit nicht jedes Mal aufs Neue so viele Quartiere angemietet werden müssen.
AKT: Die Länder geben jedes Jahr riesige Summen für die Unterkunft der Teilnehmer:innen aus. Wie könnte man dieses Geld so in die Stadt investieren, dass man ihr damit auch etwas zurückgibt? Also beispielsweise Räume herzurichten, die teilweise von den Ländern, aber eben auch von lokalen Gruppierungen genutzt werden. Das könnte den Austausch fördern und dazu führen, dass die Länderbeiträge langfristig informierter sind und Räume nicht einfach irgendwo teuer angemietet werden und dadurch zu Preissteigerungen beitragen.
Hat es von den Initiativen, mit denen ihr schlussendlich kooperiert habt, Ressentiments euch gegenüber gegeben oder gab es von Anfang an Interesse an einer Zusammenarbeit?
AKT: Wir waren natürlich nicht die ersten Kurator:innen, die an Initiativen bzw. die Bevölkerung für ein Projekt herangetreten sind – im Gegenteil, es gibt viele Anfragen. Meist ergibt sich daraus nicht viel und es bleibt nichts. Deswegen gab es anfangs auch uns gegenüber eine eher skeptische Zurückhaltung. Diese hat sich aber bald aufgelöst. Scheinbar haben wir mit der Art und Weise, wie wir uns an die Bevölkerung gewandt haben, etwas richtig gemacht. Wir wollten nichts von ihnen, sondern haben im Gegenteil Raum und Sichtbarkeit für ihre Anliegen angeboten.
AKT: Am größten war die Skepsis vermutlich bei denen, die schon Erfahrungen mit der Biennale gemacht haben. In unserem Katalog hat die Gruppe We are here Venice noch einmal ihre zehn Punkte veröffentlicht, die an künftige Kurator:innen und Ausstellungsmacher:innen gerichtet sind. Sie heben hervor, dass es viel Arbeit bedeutet, sich mit Anfragen auseinanderzusetzen und zu kooperieren. Falls eine Kooperation nur an den Haaren herbeigezogen und ein Feigenblatt ist, dann sollte man es lieber bleiben lassen. Was oft vergessen wird, ist die Aufbauarbeit am Anfang, die Leute leisten, die man kontaktiert. Als wir uns in der Vorbereitung beispielsweise mit der Initiative OCIO getroffen haben, waren sie es, die uns zuerst einmal durch die Stadt geführt haben, um uns auf Problemfelder aufmerksam zu machen – ehrenamtlich. Solche Kollaborationen bedeuten für die Leute vor Ort oft viel Arbeit und einen hohen Zeitaufwand.
Wie haben die Initiativen, mit denen ihr gearbeitet habt, reagiert, als klar wurde, dass der Raum nicht zur Verfügung stehen wird?
AKT: Auch in diesem Fall waren wir immer transparent. Wir haben von Anfang an kommuniziert, dass es diese Möglichkeit gibt und was wir in diesem Fall vorhaben.
Es ist sehr interessant, dass die Frage der Transparenz und des transparenten Umgangs schlussendlich die einzige Waffe ist, die einem gegenüber einer Institution bleibt, die alles hinter verschlossenen Türen ausmacht und zu sehen, wie gut sie wirkt. Habt ihr die Dynamik und Heftigkeit des Widerstandes gegen eure Idee erwartet?
AKT: Die Entscheidung zur Transparenz war von Anfang an da. Wir haben sehr früh entschieden, keinen Plan B anzubieten, sondern haben auf laufende Kommunikation und Transparenz gesetzt. Wir haben damals noch nicht gewusst, was für Auswirkungen das haben wird.
Die Transparenz wirken zu lassen und die Ablehnung zu zeigen, war die richtige Entscheidung. Dadurch haben wir das grundsätzliche Problem aufgezeigt und uns schwerer angreifbar gemacht. Wir haben nicht offen aktivistisch agiert, wie uns das manche nahegelegt haben. Im Gegenteil, wir haben Architektur gebaut und was wir nicht bauen durften, haben wir nicht gebaut. Wir wussten, dass wir für die Durchsetzung Druck aufbauen müssen – eben durch Transparenz, Sichtbarkeit und Kommunikation. In der Regel wird von Teilnehmer:innen nie öffentlich kundgetan, dass die Biennale Einwände gegen ihr Projekt hat. Wir wussten also, dass dieser Schritt ein ungewöhnlicher ist. Überrascht hat uns weniger die Vehemenz der Ablehnung, sondern das Auftreten. Die Vertreter:innen der Biennale vermeiden öffentliche Diskussionen, haben aber auch abseits der Öffentlichkeit kein Interesse an einem konstruktiven Dialog gezeigt, vielmehr ihrerseits versucht, Druck auszuüben. Eine von uns gewünschte öffentliche Diskussion fand etwa – natürlich ohne Öffentlichkeit – im Büro des Präsidenten statt. Zwei Leuten von uns saßen sieben Personen der Biennale gegenüber. Ein Dialog kam auch in diesem Kontext nicht zustande. Vielmehr wollten sie uns dazu drängen, zuzugeben, dass wir nur Provokation im Sinn gehabt hätten.
Erwähnenswert ist, dass dieses Treffen zur Halbzeit und nicht vor Beginn der Biennale stattfand und es eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit war, die uns da zuteil wurde, weil es solche Treffen normalerweise gar nicht gibt. Die Bereitschaft zum Dialog haben wir aber generell überschätzt.

Möglichkeiten einer Veränderung/Weiterentwicklung
Seht ihr angesichts der Tatsache, dass die Bevölkerungsentwicklung jetzt schon lange stark nach unten zeigt und sich viele große Stadtentwicklungsprojekte weiterhin um die Tourismusinfrastruktur drehen, überhaupt noch die Chance auf eine Änderung, eine Kehrtwende?
Czech: Wir konnten uns auf diese Entwicklungen nur indirekt beziehen, da darf man sich keine direkten Folgen erwarten. Aber einzelne Planungsaktivitäten könnten schon auftreten, die mit der Anregung zu tun haben. Das meinte ich mit den Überlegungen zur Unterbringung der Biennale-Beteiligten. Ein anderer Punkt ist die Weiterentwicklung der Biennale selbst. Beides können wir nur von außen verfolgen. Unser Beitrag war aber sicher nicht vergebens, wir haben zur Meinungsbildung beigetragen.
AKT: In der Stadt gibt es genug Menschen, die davon überzeugt sind, dass sich der Trend umkehren lässt. Schlussendlich handelt es sich um politische Entscheidungen.
Hier spielen sehr viele Aspekte zusammen – anhand bestimmter Anliegen und an manchen Orten ergeben sich oft die absurdesten Allianzen. Zu erwähnen wäre beispielsweise ein Stadtentwicklungsgebiet auf der Insel San Pietro di Castello, über das die venezianische Stadtforscherin Laura Fregolent in unserem Katalog schreibt, auf der ein ehemaliges Kloster steht, das heute Gemeindewohnungen enthält. Die dort lebenden Familien hätten zwangsumgesiedelt werden sollen, weil die Stadt es verkaufen und ein französischer Investor dort ein Tourismusprojekt entwickeln wollte. Das liegt jetzt auf Eis, weil sich plötzlich die Lega Nord, die Regierungspartei, mit einer aus einem linken Milieu stammenden Protestbewegung verbündet hat, und gesagt hat: mit uns nicht.
In solchen Situationen bewegt man sich allerdings auch immer wieder auf einem gefährlichen Terrain, weil Populisten aus solchen Themen leicht Profit schlagen. Immer wieder ist in solchen Zusammenhängen von ›autochthonen‹ Venezianer:innen die Rede, die vertrieben werden. Die Frage: ›Wer ist jetzt Venezianer, wer nicht?‹ wird unter den Tisch gekehrt. Venedig ist eine internationale Stadt und die Biennale trägt dazu bei, Migrant:innen in Venedig werden völlig übersehen. Es herrscht bei solchen Debatten oft ein stillschweigender Chauvinismus.
Ihr habt euch sehr lange mit eurem Projekt und der Biennale beschäftigt. Wie zufrieden seid ihr jetzt nach Ende der Biennale mit dem Erreichten? Gibt es rückblickend Dinge, die ihr mit heutigem Wissen anders umgesetzt hättet oder angegangen wärt?
Czech: Mit Ausstellungen kann es passieren, dass die Inhalte nicht rüberkommen oder sie nicht verstanden werden. Aber das war nicht der Fall, soweit man das als Kurator feststellen kann. Sie wurde verstanden.
AKT: Man nimmt gewisse Umstände oft als gegeben hin, wenn man in einen bestehenden Prozess neu dazukommt. Heute würden wir wahrscheinlich bestimmte Aufgaben anders angehen oder Vorgehensweisen stärker hinterfragen. Was wir genauso wieder machen würden, ist die Präsenz vor Ort, weil sie auch für uns selbst eine Qualität gebracht hat, nämlich die Rezeption der Besucher:innen mitzubekommen, die Gespräche zu führen.
Ich finde es schade, dass es nicht wirklich gelungen ist, in einen konstruktiven Dialog mit den Eigentümer:innen der Räumlichkeiten in der Stadt zu treten, die wir gezeigt haben. Er wurde oft ganz oder teilweise im Sinne von – ihr macht uns unser Geschäftsmodell kaputt – abgeblockt. Es war schwierig, einen konstruktiven Zugang zu finden. Wir haben nicht die Absicht verfolgt, zu werten. Denn ebenso wie es eine Vielzahl an Räumen gibt, die ausschließlich aus Profitgründen vermietet und spekulativ renoviert werden, gibt es auch gute Ausnahmen, die mit den Mieteinnahmen aus sechs Monaten Biennale sechs Monate Kulturbetrieb für ein lokales Publikum finanzieren.
In den zwei Jahren Zusammenarbeit mit den Initiativen kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man merkt, dass die eigenen Ressourcen endlich sind. Wir haben die Erwartungen der Initiativen bewusst manchmal auch etwas gebremst. Natürlich hätten wir uns noch mehr überlegen können, wie wir unterstützen können, wie man die Treffen abhält etc.
Es gab ein Spannungsfeld, in dem man sich total auflösen hätte können, weil es sehr viele Erwartungen gab. Es war ein schwieriger Punkt, manchmal auch zu sagen: sorry, es übersteigt den Rahmen des Projekts und was darin machbar ist.
Vielen Dank für das Gespräch.
Weitere Informationen:
a-k-t.eu, labiennale2023.at
Elke Rauth ist Obfrau von dérive - Verein für Stadtforschung und Leiterin von urbanize! Int. Festival für urbane Erkundungen.
Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.
AKT ist ein siebzehnköpfiges Wiener Architekturkollektiv mit dem Ziel, die unabhängige und utopische Produktion von Raum zu fördern.
Hermann Czech ist Architekt in Wien.