» Texte / Moderne-Projekte, vollendet und unvollendet

Iris Meder


Publikationen zur Architektur der sozialistischen Nachkriegsmoderne scheinen derzeit beinahe im Wochentakt herauszukommen. Den Anfang machten vor einigen Jahren Bücher wie Ostmoderne (2004, zu Ost-Berlin) und Eastmodern (2007, zur Slowakei), ersteres in seinen wissenschaftlichen Analysen primär auf Originalmaterial basierend, zweiteres ein Bildband der Wiener Architekturfoto- grafin Hertha Hurnaus mit Essays und Interviews von slowakischen und internationalen Architekturhistorikern und -historikerinnen. Nicht zu vergessen ist auch die Ausstellungs- und Publikationstätigkeit der in zahlreichen mittel- und osteuropäischen Staaten vertretenen Wiener Städtischen Versicherung. In ihrer Reihe Architektur im Ringturm sind, unter der kuratorischen Leitung von Adolph Stiller und mit Einbeziehung lokaler Experten und Expertinnen, neben Monografien zu osteuropäischen Architekten u. a. Bände zur Architektur der Moderne in Rumänien, Bulgarien, Albanien, Serbien, Kroatien und Slowenien erschienen. In einigen Ländern waren solche Überblicksdarstellungen derartige Desiderate, dass sie auch in die Landessprache übersetzt wurden. In anderen Ex-Ostblock-Ländern wurde und wird die politisch konnotierte Nachkriegs-Architekturgeschichte kontinuierlich aufgearbeitet und in teils auch ins Englische übersetzten Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – insbesondere gilt dies für Tschechien, die Slowakei, Slowenien und Kroatien.
In den letzten Jahren zeigt sich ein verstärktes Interesse westlicher Fotografen an der Ex-Sowjetunion, dem einige Bücher entsprungen sind, etwa Frédéric Chaubins im populären Taschen Verlag erschienener Bildband CCCP. Cosmic Communist Constructions Photographed, ein großformatiges Coffeetable Book mit knappen Texten in Englisch, Französisch und Deutsch. Der abstrakte, opulente Monumentalstil vor allem der 1970er und 1980er Jahre fasziniert nicht zuletzt, weil man die große Geste im ölkrisen-geprägten Westeuropa jener Jahre in dieser Form selten fand. Da sieht ein Marionettentheater aus wie eine Parteizentrale, ein Panoramakino wie ein Staatsarchiv. Chaubin hat sie in lakonischen Fotografien festgehalten, wobei die Buchstruktur der Kapiteleinteilung Entertainment and Culture – Science and Technology (worunter auch Markthallen, Wohnbau, Ausstellungspavillons, Modellkolchosen, Flughäfen, Verwaltungsbauten etc. fallen) – Sports and Youth – Health and Resorts – Rites and Symbols folgt. Man sieht die Ferienhäuser von Breschnew und Andropow, Highlights sind der Park des Erinnerns in Kiew mit zwei symmetrischen Krematorien und das 1968 entstandene Genozid-Mahnmal in Jerewan mit zwölf schrägen schwarzen Granitstelen, alles trutzig, einschüchternd, abweisend. Dabei sind manche Gebäude ohne ersichtlichen Grund nur von innen zu sehen, von manchen überhaupt nur Details, ohne dass man eine Vorstellung davon bekäme, wie die Bauten eigentlich aussehen. Dazu kommen Bildtexte in einer seltsamen Mischung aus informativ und emotional-wertend – warum ist z. B. gerade die Arena von Kasan »sagenhaft« (legendary, mythique)? Da das Buch zudem nicht nur auf historische Fotos, sondern auch auf Pläne verzichtet, bleibt es letztlich ein größtenteils unkommentiertes Fotoalbum. Es geht Chaubin damit, so ansprechend die melancholische Stimmung der Bilder ist, mehr um sentimentale Vanitas als um Dokumentation.
Ärgerlich ist die schlampige Übersetzung, die entweder einem Gratisprogramm oder einem unbedarften Praktikanten übertragen worden sein dürfte – dass Mariinskij nicht mit »Marienpalast« zu übersetzen ist und »château d’eau« nicht »Wasserschloss« heißt, sondern Wasserturm (wieso und für wen hätte die Sowjetunion auch einen »Marienpalast« und ein »Wasserschloss« bauen sollen?), könnte man mit etwas Schulfranzösisch wissen. Auch das Vorwort des Autors (dessen Website gerade im Umbau ist, so dass Versuche, herauszufinden, was eigentlich sein Metier ist – vermutlich Journalist und Fotograf –, erfolglos bleiben) bringt keine Klarheit. In seiner subjektiven Herangehensweise beansprucht Chaubin nicht nur, der erste und einzige zu sein, der sich für die Architektur der Sowjet-Nachkriegsmoderne interessiert, sondern auch Geschichte zu »imaginieren« und zu »erfinden«. Mit dieser romantischen Vorstellung und dem Glauben, »vergessene Architekten« wiederzuentdecken (ebenso wie mit dem etwas peinlichen Buchtitel) greift er dann doch daneben – dass es durchaus ernstzunehmende Forschung zu vielen dieser Architekten und Architektinnen gibt und sie keineswegs »vergessen« sind, sondern wir sie nur nicht kennen, zeigten eindrucksvoll Ausstellung und Kongress zum Thema Sowjetmoderne 1955-1991 – Unbekannte Geschichten im Architekturzentrum Wien.

Der Katalog zur Ausstellung, die aus einem von Georg Schöllhammer initiierten Forschungsprojekt hervorging, ist ein höchst kompetentes deutschsprachiges Standardwerk. Dabei wurde von den Kuratorinnen Katharina Ritter, Ekaterina Shapiro-Obermaier und Alexandra Wachter Russland ausgespart und die poststalinistische Architektur der übrigen Sowjetrepubliken unter die Lupe genom- men. Herausgekommen ist ein umfang-reicher Zwitter aus Reisetagebuch, Bildband und wissenschaftlichem Werk mit Essays von Fachleuten und Interviews mit Protagonisten und Protagonistinnen vor Ort.

Auch hier finden sich die estnische Hühner-Modellkolchose und die Villen von Andropow und Breschnew. Gerade angesichts der kompetenten Aufarbeitung wird jedoch immer klarer, wie wenig man hierzulande z. B. über das architektonische Geschehen der Chruschtschow-Ära weiß – da überrascht beispielsweise, neben der eigenständigen Architekturszene Armeniens, die lebendige Le-Corbusier- und Aalto-Rezeption in Weißrussland und den baltischen Staaten, wozu zahlreiche zeitgenössische Fotos und Pläne Material liefern. Man erfährt, was es mit Bautypen wie Hochzeits- und Trauerpalast und mit den in den 1970er und 1980er Jahren massenhaft gebauten Häusern der politischen Bildung auf sich hat, dass die Postmoderne in Lettland eigene Blüten trieb und die als Ersatz für das unbewohnbare Tschernobyl ab 1986 neu gebaute Stadt Slawutytsch nach dem Vorbild der englischen New Towns konzipiert wurde. Entstanden ist ein unbedingt empfehlenswertes Kompendium, basierend auf der von der Autorin Elke Beyer formulierten Erkenntnis: »Die Entdeckung außergewöhnlicher Einzelobjekte durch westliche Profikameras wird gern mit herablassendem Erstaunen gefeiert – als wären es fremdartige Raumschiffe, die nur durch Zufall im öden Meer der Zweiten Welt notgelandet werden können. Statt einer weiteren Exotisierung des sozialistischen Ostens ist eine fundierte Darstellung der geografischen Breite und Vielfalt sowjetischer Architekturpraxis dringend erforderlich.« Wer sich darüber hinaus noch weiter informieren will, dem sei ergänzend die mit Beteiligung eines der seinerzeitigen Protagonisten, Felix Novikov, entstandene, mit vielen Originalfotos und Planmaterial ausgestattete, leider relativ kostspielige Publikation Soviet Modernism 1955—1985 empfohlen.

Ähnlich wie Chaubins Buch ist auch der bei Hatje Cantz erschienene Band Socialist Modernism des in Slowenien geborenen Fotografen Roman Bezjak ein künstlerischer Fotoband. Bezjak beschränkt sich nicht auf die Nachfolgestaaten der Sowjetunion, sondern hat große Teile des Ex-Ostblocks bereist. Dabei ist das Konzept des Buches unklar: Abriss (etwa des Berliner Palasts der Republik) mischt sich mit sanierten, unsanierten und veränderten Gebäuden. Anspruchsvolle Bauten namhafter Architekten stehen unkommentiert neben trostlosen Plattenbausiedlungen ohne jede architektonische Ambition. Das in einen Topf zu werfen ist wohl doch zu einfach. Dabei herrscht auf den Bildern meist leicht überbelichtetes diffuses Nebelwetter, als wäre alles von einer heimtückischen vergifteten Staubschicht überzogen. Zuweilen sind ähnliche Platzansichten oder Plattenbauten verschiedener Länder nebeneinandergestellt – die Intention bleibt unklar, eine Linie ist auch bei den sehr unterschiedlich präzisen Bildtexten nicht zu erkennen. Die begleitenden Texte (was bedeuten hier die Zitate ohne Quellenangabe?) gestehen Bezjak »Nostalgie« und das Bestreben zu, die »Ästhetik« sozialistischen Städtebaus zu vermitteln. Dabei ist auch von größten, aber vergeblichen Anstrengungen die Rede, die Architekten der Bauten herauszufinden – diese dürften aber nicht einmal so weit gegangen sein, auch nur eine einzige seriöse Publikation zur Architektur der jeweiligen Stadt zur Hand zu nehmen, wenn auch bei ikonischen, unterdessen weltbekannten Bauten wie dem Cankarjev Dom in Ljubljana, der Slowakischen Nationalgalerie in Bratislava, dem Transportministerium in Tiflis, dem Leipziger Gewandhaus oder dem Generalstab-Gebäude in Belgrad keine Angaben zu den Architekten gemacht werden. Rätselhaft ist auch das Layoutkonzept – was bedeuten die monochrom cremefarbenen Seiten? Haben sie etwas mit der Landkarte im Buch zu tun? Insgesamt bleibt der Band eine impressionistische Bildergalerie, die aber gerade in ihrer Undefiniertheit etwas von der Ambiguität sozialistischer Stadtlandschaften vermittelt.
Schon seit den 1960er Jahren vor allem vom kürzlich verstorbenen Udo Kultermann immer wieder international publiziert (z. B. in Zeitgenössische Architektur in Osteuropa, 1985), erlebt gerade die Architektur Jugoslawiens in den letzten Jahren ein gesteigertes Interesse. Neben qualitätvollen, teils zweisprachigen Monografien vor allem slowenischer und kroatischer Architekten wie Neven Šegvić (2002), Ivan Vitić (2005), Kazimir Ostrogović (2008) und Edo Mihevc (2012) widmet sich die Zagreber Architekturzeitschrift Oris seit ihrer Gründung 1999 kontinuierlich den Klassikern der jugoslawischen Moderne. 1995 erschien Nataša Koseljs zweisprachiger Überblick slowenischer Architektur der 1960er Jahre. An ein internationales Publikum wenden sich auch die Monografien zu Bogdan Bogdanović (2009) und Edvard Ravnikar (2010), außerdem der von Kai Vöckler für das Schweizerische Architekturmuseum Basel herausgegebene Ausstellungskatalog Balkanology (2008). (Bereits 2012 Jahr sollte im LIT Verlag der von Vöckler edierte Band SEE! Urban Transformation in Southeastern Europe erscheinen; Anfragen beim Verlag, wann das Buch erscheinen wird, blieben unbeantwortet.) Wie bei den Publikationen zur Sowjetunion reicht der Zugang auch hier von Ruinen-Romantik über exotistische Pathos-Rezeption bis zu seriöser wissenschaftlicher Aufarbeitung.

Eindeutig ein internationales Publikum adressiert der Fotoband Spomenik des Antwerpener Fotografen Jan Kempenaers. Das schmale Buch besteht in 25 immerhin sehr schönen, in diffusem Licht aufgenommenen ganzseitigen Fototafeln, die 25 durchnummerierte Weltkriegs-Denkmäler in verschiedenen ex-jugoslawischen Republiken zeigen sollen. Nichts ist zu den Urhebern der Denkmäler zu erfahren – es ist z. B. auch Bogdan Bogdanovićs Mahnmal für das KZ Jasenovac vertreten –, nichts über die Ereignisse oder Orte, an die sie erinnern. Dabei werden zerstörte, ruinöse und intakte Denkmäler kommentarlos durcheinandergeworfen. Auf den Arm genommen fühlt man sich als Käuferin des mit 32,80 Euro zu Buche schlagenden Bandes, wenn man auf Bild 21 beim besten Willen nichts als ein Gebüsch und einen Felsbrocken zu entdecken vermag, und spätestens wenn man beim ersten Durchblättern bemerkt, dass das Denkmal Tjentište doppelt vorkommt und einem als zwei Denkmäler verkauft werden soll, fragt man sich, für wie blöd man gehalten wird. Auch Marko Mušičs Kulturzentrum im montenegrinischen Kolašin wird hier als Denkmal abgelichtet, wohl wegen seiner skulpturalen Massivität, während kleinere, infrastrukturellere Mahnmale etwa von Neven Šegvić und Edvard Ravnikar wohl nicht spektakulär genug waren, um in das Pathos-Konzept des Fotografen zu passen. Kempenaers‹ unkritischer, ästhetisch-kontemplativer künstlerischer Zugang schrammt an plattem Romantizismus entlang, zumal wenn man den kurzen Text des Architekten Willem Jan Neutelings liest, der über 9/11 räsoniert und behauptet, keiner würde heute mehr die jugoslawischen Denkmäler kennen, und ihre »stunning beauty« mit Barbarella und Paco Rabanne vergleicht. Das »mysterious objects«-Geraune findet sich noch im Pressetext zur im Frühjahr 2013 in Los Angeles laufenden Ausstellung von Kempenaers Fotoserie. Freilich kann man schnell mal etwas mysteriös finden, wenn man sich kein kleines bisschen informiert. Seit Erscheinen des Buches hat Kempenaers laut seiner Website weitere Fotoserien u. a. zum ruinösen Ferienresort Haludovo auf Krk und zu Sarajevo angefertigt.

Ähnlich angelegt ist das Buch Socialist Architecture: The Vanishing Act des Fotografen und Filmemachers Armin Linke. Linkes atmosphärische Fotos, darunter auch zahlreiche Innenaufnahmen, legen ihren melancholischen Fokus dezidiert auf das Verschwinden und stellen sich damit ebenfalls in eine Vanitas-Tradition. Anders als bei den meisten anderen Fotobänden sind dabei mitunter auch Personen zu sehen, die z. B. im Gebäude arbeiten oder auch nur zufällig davorstehen. Unter den Abgebildeten sind alte Bekannte wie das Kulturzentrum Kolašin (hier Gradimir Medaković statt Marko Mušič zugeschrieben), die Mahnmale Jasenovac, Mostar und Petrova Gora (das schon Coverstar der vom Az W übernommenen Balkanology-Ausstellung war und sich hier seiner Metallhülle weitgehend entkleidet präsentiert), die ikonischen Bauten von Skopje und der Belgrader Generalstab. Immerhin werden hier im Anhang die Architekten der Bauten genannt. Dass zuweilen zwei fast identische Fotos nebeneinander stehen, muss wohl als Teil des künstlerischen Konzeptes gesehen werden. Ergänzt wird der Band durch einen eher theoretischen Essay des in der Vojvodina geborenen Architekten Srdjan Jovanović Weiss u. a. zur Darstellung von Arbeit, der eher peripher mit dem Thema zu tun hat.

Es fällt auf, dass Bauten erstrangiger Architekten wie Edvard Ravnikar, Ivan Vitić und Neven Šegvić nicht berück- sichtigt werden. Das Gruselmoment sozialistischer Denkmäler scheint doch interessanter zu sein als gut geplanter Wohn-, Schul- und Infrastrukturbau. Dabei ist es gerade die viel beschworene »Zwischenstellung« des Staates zwischen

Ost und West, die die jugoslawische Architektur auch international so interessant macht. Die frühe Abwendung von der Sowjetunion Stalins mit gleichzeitiger Öffnung für den Tourismus hat Jugoslawien als Urlaubsland im kulturellen Gedächtnis auch der hiesigen Durchschnittsbevölkerung verankert. Unter anderem der Tatsache geschuldet, dass zunehmend im Ausland ausgebildete Architekturhistoriker und -historikerinnen aus Jugoslawien sich mit der Nachkriegsarchitektur ihrer Heimat beschäftigen, sind in den letzten Jahren auch zahlreiche englischsprachige Publikationen zur Alltagskultur und zum Tourismus in Jugoslawien erschienen. In Österreich hat sich u. a. Michael Zinganel in einer Ausstellung im Grazer HDA unter dem Titel Urlaub nach dem Fall mit Urlaubsresorts in Ex-Jugoslawien beschäftigt. Während Zinganels Ausstellung sich vorrangig mit Neunutzungen von Hotelbauten seit dem Balkankrieg befasste, war eines der Highlights im Programm der Kulturhauptstadt Maribor 2012 eine von Maroje Mrduljaš, Vladimir Kulić, Matevž Čelik, Antun Sevšek und Simona Vidmar kuratierte Ausstellung in der Umetnostna galerija zum Projekt Unfinished Modernisations. Das Projekt nahm seinen Anfang vor Jahren mit einem Plan des Wiener Fotografen Wolfgang Thaler, die Nachkriegsarchitektur der Nachfolgestaaten Jugoslawiens zu dokumentieren. Mit dem serbischen Architekturhistoriker Vladimir Kulić, der seine Dissertation an der University of Texas in Austin zum Thema Land of the In-Between: Modern Architecture and the State in Socialist Yugoslavia, 1945-65 geschrieben hat, und dem Herausgeber der Zagreber Architekturzeitschrift Oris, Maroje Mrduljaš leiteten zwei renommierte Forscher das Projekt, das sich zu einem von Fachleuten aus Serbien, Kroatien, Slowenien und Mazedonien durchgeführten zweijährigen Forschungsvorhaben mit vier internationalen Konferenzen, teilweise auch mit ersten englischsprachigen Publikationen, ausweitete.

Die bereits im Titel implizierte These ist, dass das Projekt Moderne keineswegs am Ende, sondern ein unvollendetes ist und gerade den sozialpolitischen Aspekten der Architektur und Stadtplanung Jugoslawiens Potenzial auch für eine gegenwärtige und zukünftige produktive Auseinandersetzung innewohnt. Die oft anspruchsvolle Tourismusarchitektur der jugoslawischen Adria war daher, neben Themen wie slowenischen Bergbaustädten, Präfabrikation, dem Architekturexport der Baugesellschaft Energoprojekt und dem zwischen 1966 und 1990 alljährlich unter den Teilrepubliken Jugoslawiens vergebenen Architekturpreis der Tageszeitung Borba, einer der Schwerpunkte der Ausstellung. Für die groß angelegte Schaffung eines »erschwinglichen Arkadiens« in den 1960er und 1970er Jahren entwickelten Architekten wie Andrija Čićin-Šain, Julije de Luca und Boris Magaš unterschiedliche Typen von Tourismusbauten von Bungalows in der Tradition des International Style über komplexe strukturalistische Agglomerationen bis zu an dörflichen Strukturen orientierten Gruppierungen kleiner Baukörper um zentrale Plätze. Die internationale Orientierung jugoslawischer Architektur führte zu einem singulären Konzept, als nach dem verheerenden Erdbeben von 1963 ein Team rund um Kenzo Tange mit seinem Masterplan für den Wiederaufbau von Skopje den Metabolismus auf den Balkan brachte. »Zwischen Utopie und Pragmatismus« ist der treffende Titel des Katalogtextes von Maroje Mrduljaš zum Widerspiel utopischer Ansätze und der Zwänge der Realität. Nach dem auch auf Englisch erhältlichen Mariborer Ausstellungskatalog ist das Projekt nun in der Buchpublikation Modernism In-between: The Mediatory Architectures of Socialist Yugoslavia ausführlich dokumentiert. Essays der beteiligten Forscher und Forscherinnen und Wolfgang Thalers Fotodokumentation, die auf die künstliche Inszenierung der Bauten konsequent verzichtet, ergänzen einander ideal. Die ungebrochene Faszination vor allem der Architektur der 1960er Jahre besteht wohl gerade im radikalen Mut zur Utopie in seiner Wechselwirkung mit der konkreten, banalen Wirklichkeit des täglichen Lebens. Und dieses Buch ist wohl die beste Quelle zum Thema.


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