Udo W. Häberlin

Udo W. Häberlin studierte in Kassel und Wien Stadt- bzw. Raumplanung und arbeitet in der Magistratsabteilung 18, Stadtentwicklung und Stadtplanung, der Stadt Wien.


Tief unten im Wall des barocken französischen Städtchens Neuf-Brisach, fernab von großstädtischem Treiben und urbanen Kunstmilieus, geben sich seit letztem Sommer die VertreterInnen der Streetartszene die Spraydose in die Hand. Die badisch-elsässische Provinz lockt also nicht mehr nur mit Kulinarik, gutem Wein sowie der barocken Stadtgestaltung des Stadtbaumeisters Sébastien Le Prestre de Vauban – einem UNESCO-Weltkulturerbe. Eine Reise wert ist nun ebenso der Noch-Geheimtipp MAUSA Vauban. Er erhöht die Attraktivität, wenn auch nicht ganz ohne vordergründigen Widerspruch: Streetart abseits der Straße, in historischen Gemäuern, die als Museum fungieren? »Oui, oui«, sagt Clémentine Lemaitre, die Initiatorin und Gründerin des einzigartigen Projekts und wischt sogleich alle Zweifel vom Tisch. Sie argumentiert, dass Streetart als künstlerische Bewegung Erinnerung, Vermittlung, Bildung, Sichtbarkeit und Zugänglichkeit verdient und es dafür ein Museum braucht.
Wir betreten die kühlen Katakomben durch einen versteckten besprühten Eingang, der dennoch immer noch eher an die alte, militärische Funktion erinnert. Der Geruch des Sprühlacks der zuletzt hier aktiven Writer hängt noch in der Luft. Die derzeit 16 Gewölbe der in Summe 2,4 km langen befestigten Kasematten zeigen Werke internationaler KünstlerInnen, die in den bunkerartigen Räumen besonders gut zur Geltung kommen. Die Arbeiten ziehen in den unterirdischen Räumen die ganze Aufmerksamkeit auf sich und fokussieren den Blick. Nichts lenkt die BetrachterInnen ab, wie es bei Street-art im Straßenraum durch die vielen Eindrücke im städtischen Kontext der Fall ist. Die Graffiti schaffen eine eigenständige Atmosphäre, büßen durch diese Art der Würdigung jedoch einen Teil ihrer Subversivität ein.
Den Auftakt der Dauerausstellung macht der brasilianische Künstler Rafael Sliks mit einem roten Ornamentband mit dreidimensional wirkenden Schwaden im Tonnengewölbe. Gleich daneben zeigt Denis Meyers ausdrucksstarke menschliche Porträts, die im wahrsten Sinne des Wortes umschrieben und vollständig in Schwarzlicht getaucht sind. Durch diesen Effekt wirkt der ganze Raum blau, wie eine imposante Unterwasserwelt, in die wir als BesucherInnen eintauchen. Jérôme Mesnages Athleten (les hommes en blanc), turnen graziös die Gänge entlang, während Brazil Warck da Rocinha einen Engel (L’ange) über einer Tür schweben lässt. Die individuelle Gestaltung der großräumigen, ursprünglich sich voneinander nicht wirklich unterscheidenden Hallen erzeugen eine jeweils ganze eigene Atmosphäre und werden in ihrer Abfolge zu einer erlebnisreichen Entdeckungstour.
Egal ob Künstler wie Lukas Lestinsky Charles Uzzell-Edwards, dessen Pure Evil betitelten Gesichter stets durch ein auslaufendes Auge gekennzeichnet sind, C215, Nasty oder andere mehr – alle beeindrucken durch individuellen Stil und eine kritische Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse. Ein faszinierender Raumeindruck entsteht durch Guy Dennings in tiefes Blau, Violett und Schwarz getauchte Körperdarstellungen (everything burns the heart). Levalets Beitrag Sabordage ist eine der wenigen Skulpturen. Sie zeigt Männer, die vor roten Fässern (Bomben?) flüchten; möglicherweise ein Verweis darauf, dass die Räumlichkeiten im Zweiten Weltkrieg als Lazarett fungierten. Sprichwörtlich und in doppeltem Sinne aus dem Rahmen fallen die Fotos von Joseph Ford. Sie stellen Menschen dar, die durch knitted camouflage mit ihrer Umgebung verschmelzen. Besonders beeindruckt das in schrillen Farbverläufen gehaltene Emoji-Bild des Kolumbianers Chanoir, der eine Wand zur Gänze mit seinen an Keith Haring geschulten Ikonografien füllte. Ebenso stark wirkt das an Ron Muecks Skulptur eines knienden Kindes erinnernde großartige Bild des neosurrealistischen Künstlers Seth, das sich das Gesicht mit dem Hammer weggeschlagen hat. Die jüngsten Werke stammen von Jaune (BE) sowie BustArt (CH).
Es ist ein einzigartiges Zusammenspiel von Streetart mit morbiden Wandspuren, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs hinterlassen von deutschen Pfadfindern oder in einem anderen Raum von algerischen Soldaten. Eine von diesen gezeichnete, verblasst wirkende maurische Stadt ist ein Relikt, das von den KünstlerInnen in einen neuen, öffentlichen Kontext gestellt wird. Damit wurden alte Spuren, die vor den Zeiten des MAUSA an diesem Ort entstanden sind, in dieses integriert.
Im Dom des Kellers wird Nasty, einer Legende der französischen Streetart-Szene, zu Ehren eine Pariser Metrostation mit original, damals von ihm besprayten Wagen nachgebaut. Besprayte Metroschilder, die an die Anfänge der französischen Grafitti-Kunst in der »Malakoff – Plateau de Vanves«-Station erinnern sollen, liegen ebenfalls bereit. Ebendort steht, wie mal eben abgestellt, das monumentale Diptychon des oft als französischer Banksy bezeichneten Dran. Es zeigt ein verdächtig grimmiges Kind mit toter Maus auf Papier mit der Aufschrift »Life ist short«.
Tritt man am Ende der unterirdischen Tour hinauf in die beschauliche Festungsstadt, ist es, als sei man gerade von einer kurzweiligen Reise aus einem Bollwerk der Subkultur zurückgekommen. Auf der Warteliste für diese neue Bühne der Streetart stehen bekannte internationale KünstlerInnen aus z. B. Australien, Rumänien und Mexiko wie Elle, Vexta, Cren, Kreemos, Himed, PEZ, Ben Slow, Inkie, Joachim. Die Zukunft sieht Stanislas Belhomme, Initiator und Gründer und Untergrund-Artist optimistisch: »Wir haben mit dem MAUSA Vauban noch große Ambitionen und werden auch außerhalb der Mauern, in den umliegenden Städten präsent sein, um dort Straßenkunst anzubieten. Vor allem aber haben wir den Ehrgeiz, dass wir innerhalb der nächsten 20 Jahre im Inneren der Zitadelle weiter vorstoßen wollen und den Künstlern vorschlagen, die gesamte Anlage zu stürmen, wodurch dieses Projekt mit einer 2,4 km langen Galerie das längste Museum der Welt wäre! Ein schöner Ehrgeiz, nicht wahr?«

Weitere Fotos


Heft kaufen