Claudia Krieg


Königsstraße (heute Rathausstraße) mit dichtem Verkehr vor dem Kaufhaus Wertheim während der Olympischen Spiele 1936. Im Hintergrund der Alexanderplatz,  August 1936. , Foto: Unbekannter Fotograf
Königsstraße (heute Rathausstraße) mit dichtem Verkehr vor dem Kaufhaus Wertheim während der Olympischen Spiele 1936. Im Hintergrund der Alexanderplatz, August 1936. , Foto: Unbekannter Fotograf

Die Jewish Claims Conference (JCC) eröffnet im Februar 2013, 80 Jahre nach der Machtübernahme der Nazis, einen 50-Millionen-Dollar-Fonds für jüdische Familien, denen Eigentum auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gehört. Eine etwa 1.500 Seiten umfassende Liste mit Namen gibt Auskunft darüber, welche Menschen durch die nationalsozialistische Verfolgung und die damit einhergehende Enteignung ihre Wohnungen, Häuser, Firmen und Geschäfte samt Einrichtungen verloren haben. Tausende Personen-, Firmen- und Ortsnamen: Meiningen, Gera, Eisenhüttenstadt, Leipzig, Dresden, Chemnitz, Magdeburg – und immer, immer wieder: Berlin.
Noch ist der größte Teil der Geschichte des »Arisierungs«-Unrechts der Nazis, das keiner der beiden deutschen Staaten weder annähernd aufgearbeitet noch durch angemessene Entschädigung versucht hat zu mindern, ungeschrieben. Im Rahmen des Berliner Themenjahres »Zerstörte Vielfalt« ist seit September 2013 im Ephraim-Palais die kleine Ausstellung des Berliner Stadtmuseums Geraubte Mitte. Die »Arisierung« des jüdischen Grundeigentums im Berliner Stadtkern 1933–1945 zu sehen.
Mit ihr haben es sich die Kuratoren Benedikt Goebel und Lutz Mauersberger zur Aufgabe gemacht, den Verlust des jüdischen Lebens, Eigentums und Einflusses darzustellen, wie ihn das nationalsozialistische Deutschland inklusive der gleichgeschalteten Berliner Senatsverwaltung zwischen 1933 und 1945 zu verantworten hatte. Ihren Schwerpunkt legen sie dabei auf den historischen Berliner Stadtkern, der zwischen heutigem Schloss- und Alexanderplatz liegt.
Goebel und Mauersberger belegen, dass vor 1933 von insgesamt 1.200 Grundstücken im Stadtkern mindestens 225 in jüdischem Besitz waren, also fast ein Fünftel. Im Jahr 1944 war es kein einziges mehr, die »Arisierung« war vollständig verlaufen. »Wesentlich beteiligt daran waren die Finanz- und die Justizverwaltung. Wenn die Stadt Interesse an einem Grundstück in jüdischem Eigentum hatte, dann wurden zum Beispiel Steuern fällig gestellt. Wollte oder konnte der Eigentümer nicht zahlen, kam es schnell zur Zwangsversteigerung, bei der in der Regel die Reichshauptstadt den Zuschlag erhielt«, so Benedikt Goebel in einem Interview mit der Zeitschrift Bauwelt. Anders als in anderen Berliner Bezirken raubten hier also nicht Privatleute, sondern das Deutsche Reich bzw. der Berliner Magistrat die meisten Grundstücke. Das enge Zusammenspiel zwischen Stadtplanung und »Arisierung« diente dem geplanten Umbau des Berliner Zentrums im Zuge der Pläne zur Schaffung der Welthauptstadt Germania. Hierfür sollte das monumentale »Altstadtforum« realisiert werden, wofür Grundstücke rund um den Molkenmarkt nötig und daher gemäß den Überlegungen Albert Speers umfangreiche Abrisse notwendig waren. Da für die Bewohner der abzureißenden Häuser Ersatzwohnungen benötigt wurden, konfiszierte man auch dafür jüdischen Besitz.
Die Ausstellung demonstriert beispielhaft am Schicksal der fünf Familien Gadiel, Berglas/Intrator, Freudenberg, Fuchs und Panofsky die Mechanismen der Enteignung, die kulturgeschichtlichen Verluste sowie die Vertreibung und schließlich Ermordung dieser Familien durch die Nazis. Sie beklagt, dass weder Gedenktafeln noch Stolpersteine gerade im historischen Zentrum einen Hinweis darauf liefern, wie dicht und vielfältig das jüdische Leben hier einmal war. Was auch immer man von diesen Elementen der deutschen Erinnerungskultur halten mag, der Hinweis ist richtig: Wer in Berlin etwas über die Verfolgung und Vernichtung der Berliner jüdischen Bevölkerung lernen will, geht in die Oranienburger Straße in die Große Synagoge, in die Auguststraße oder ins jüdische Museum, aber nicht über den Schlossplatz, wo in der Nummer 5 die Malerin Eugenie Fuchs lebte, oder zum Werderschen Markt, wo das Kaufhaus Gerson stand.
So deutlich wie in dieser Ausstellung war es bislang nur selten zu lesen: Die »Arisierung« stellt den größten Vermögensraub der deutschen Geschichte dar. Sie muss als Teil der Geschichte des nahezu ununterbrochenen Antisemitismus gelesen werden, der den Juden und Jüdinnen europaweit entgegenschlägt. Sie ist gleichermaßen Zäsur und Vollendung eines Teil des Plans der Vernichtung der jüdischen Menschen durch die Nazis. Von den ehemals 160.000 jüdischen Berlinern und Berlinerinnen überlebten in Berlin bis 1945 nur 5.990.
Die Kuratoren unternehmen mit der Ausstellung Geraubte Mitte aber auch den Versuch, die »Arisierung« im historischen Berlin nicht als etwas Abgeschlossenes zu betrachten, sondern verfolgen die Geschichte der Bauten bis heute. »Im Berliner Stadtkern sind nach 1990 nur drei unbebaute Grundstücke rückübertragen worden: die Königstrasse 33, das Rolandufer 6 und die Werderstrasse 5. Außerdem wurden zwölf bebaute Grundstücke rückübertragen: die Burgstraße 8, der Hausvogteiplatz 1, die Klosterstraße 64, das Märkische Ufer 20, die Neue Friedrich­strasse 106/107, die Poststrasse 4/5 und 12, die Stralauer Strasse 42/43, die Waisenstrasse 2 und Wallstrasse 16. Damit wurden insgesamt 8 Prozent der arisierten Grundstücke rückübertragen, 92 Prozent blieben verstaatlicht.«
Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass der historische Stadtkern mit seinem enteigneten jüdischem Grundbesitz weitestgehend verschwunden war. Nach 1945 zunächst größtenteils Trümmerhaufen, dann geräumte Freifläche, blieb der Stadtkern bis Mitte der 1960er Jahre nahezu unverändert. Zwischen 1965 und 1978 wurde dann das sozialistische Stadtzentrum errichtet – der Fernsehturm und der Palast der Republik als Aushängeschilder, umgeben von Hochhäusern und weiten Flächen. Seitdem hat sich die Richtung der Zentrumsgestaltung im Dekadentakt geändert. Ende der 1970er Jahre vollzog noch die DDR-Regierung eine stadtplanerische Wende und nahm mit der Restaurierung des Nikolaiviertels bis Ende der 1980er Jahre Abstand vom Prinzip von Abriss und Neuaufbau. Ab 1990 waren die Gestaltungsideen wechselnden Bauleitplanungen unterworfen: Prägende Elemente der DDR-Zentrumsgestaltung – Ahornblatt, Palast der Republik und Palasthotel – wurden abgerissen, Denkmäler abgebaut, das »Humboldtforum« soll errichtet, weitreichende Sanierungsvorhaben umgesetzt werden.
Was sich weiterhin nicht veränderte, war die mangelnde Auseinandersetzung mit dem Teil der Geschichte des historischen Zentrums vor 1945 – ob vor oder nach 1990: Einerseits zwar erarbeitet sich die »Berliner Republik« den Ruf der Erinnerungsweltmeisterin; die Geschädigten und Ermordeten der neuen Hauptstadt blieben aber namenlos und ohne Entschädigungsangebot wie Millionen andere.
Aber jetzt, wo die Recherche aufweist, um welche Grundstücke welcher Familien es sich genau handelt, wäre es da nicht Zeit, dass in der »Erinnerungshauptstadt« im Zuge der Debatten um die Gestaltung der Berliner Mitte die Frage der Geschichte des begangenen Unrechts einmal angemessen thematisiert wird? So sehen es zumindest die Ausstellungsmacher: »Bei den aktuellen Diskussionen über die Wiederbebauung von Flächen im Stadtkern stellt sich die Frage nach der Eigentumsgeschichte der früheren Grundstücke. Das wiederholte Unrecht, das den ehemaligen jüdischen Eigentümern und ihren Nachfahren in diesem Bereich widerfahren ist, verlangt eine geschichtsbewusste Vorgehensweise.« Ebenso formuliert es Franziska Nentwig, Generaldirektorin der Stiftung Stadtmuseum Berlin, in ihrem Begleitwort: »Die Stadtmitte war und ist nicht nur das historische oder politische Zentrum Berlins, sondern am stadtplanerischen Umgang mit ihr zeigt sich unser historisches Verständnis und die Interpretation von Geschichte durch die moderne Stadtgesellschaft.« Man müsse, so Nentwig, um die Geschichte wissen und dafür die Frage untersuchen, wem einst die Mitte Berlins gehört habe – die Ausstellung »Geraubte Mitte« stelle diese Frage, und auch die Frage, wie sich dieses Unrecht Jahrzehnte später korrigieren lasse.
Am 27. November 2013 präsentierte Regula Löscher, Berlins Senatsbaudirektorin, den sogenannten Stufenplan für die Neubebauung des Areals der »historischen Mitte Berlin«. Bis 2025 soll diese abgeschlossen sein. Das neue Schloss, jetzt Humboldtforum, soll 2019 eröffnet werden, die Sanierung der Staatsoper und die Bebauung am Schinkelplatz mit Luxuswohnungen vollendet. Dann werde der Molkenmarkt umgebaut, zwischen Marx-Engels-Forum an der Spree und Alexanderplatz wird ein »Rathausforum« entstehen. »Rund um das Humboldtforum wächst die Stadt zusammen«, verkündet die Senatsbaudirektorin. Ob Regula Löscher die Ausstellung Geraubte Mitte besucht hat? Es müsste ihr darob zumindest ein schaler Geschmack entstanden sein.
Eine Baulücke nach der nächsten schließt sich in Berlin, unaufhörlich senken sich Fundamente in die Erde, recken sich Hoch- und Townhäuser empor. Die Lücke in der Gesellschaft schließen wird niemand – nicht die Stadtplaner und nicht der Berliner Senat. Die Frage von Franziska Nentwig wird unbeantwortet bleiben: Das Unrecht, das Berlin an seiner jüdischen Bevölkerung vollstreckt hat, lässt sich nicht korrigieren. Zumindest darauf aber weist die Ausstellung Geraubte Mitte hin, und das ist kein geringer Verdienst.


Ausstellung
Geraubte Mitte
Die »Arisierung« des jüdischen Grundeigentums im Berliner Stadtkern 1933-1945
Stadtmuseum Berlin
4.9.2013 bis 19.1.2014 \ http://www.stadtmuseum.de


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