Paul Rajakovics


Das Avantgardefestival steirischer herbst feiert sein 50. Jubiläum, ein Anlass für zahlreiche Veranstaltungen. Eine davon ist die Ausstellung Diese Wildnis hat Kultur, die derzeit im GrazMuseum zu sehen ist. Sie wurde von Martin Behr, Otto Hochreiter, Anette Rainer und Martina Zerovnik kuratiert und versteht sich sowohl als Jubiläumsausstellung als auch als generelle Retrospektive des steirischen herbstes. Zum 50. Jubiläum wurden neben dieser Ausstellung, u.a. ein Herbstbuch veröffentlicht, ein spezieller Audiowalk entwickelt und eine sehr gut navigierbare Webseite: (http://herbst50.steirischerherbst.at) erstellt, die alle Projekte und deren AutorInnen seit 1967 zeigt.
Diese Wildnis hat Kultur bedient im Wesentlichen zwei Gruppen von RezipientInnen: Jene, die Graz und seine Kultur­szene nur wenig kennen und einen Überblick über die in den letzten 50 Jahren entstandenen Projekte bekommen möchten, und jene, die in Graz leben oder Teil der Kulturszene sind oder waren. Für Erstere bietet die Auswahl der Projekte einen schönen Überblick über die fünf Dekaden. Bereits der Weg vom Foyer bzw. der Außenfassade in der Sackstraße über das Stiegenhaus bis hin zur eigentlichen Ausstellung im zweiten Stock bietet eine Ausstellung aller Herbstplakate seit dem Beginn des Kulturfestivals. BesucherInnen, die mit nur wenig Vorwissen in die Aus­stellung kommen, fühlen sich allerdings wohl ein wenig verloren, da die Anordnung sehr beliebig erscheint. Ähnliches gilt leider auch für die Hauptausstellung mit dem litfaßsäulenartigen Aufbau, wenn auch hier eine etwas klarere Chronologie der durchaus gut ausgewählten und beschriebenen Projekte erkennbar ist. Hier lassen sich die Handschriften der seit 1983 eingesetzten KuratorInnen (Peter Vujica, Horst Gerhard Haberl, Christine Frisinghelli, Peter Oswald und Veronica Kaup-Hasler) gut ablesen.
Im Eingangsbereich zur Ausstellung ist eine Sitzgruppe mit Videos und Infomaterial zu der fünfzigjährigen Geschichte des steirischen herbstes eingerichtet. (Den dort befindlichen Lodenmantel des Gründungsvaters Hannes Koren hätte man aber durchaus weglassen können.) Einzelnen KünstlerInnen oder Projekten sind zusätz­liche Artefakte gewidmet. Dazu zählen beispielsweise Nusa und Sreco Dragan, Markus Wilfing oder etwa Karl Neubacher, der durch die Gestaltung des Humanic-Logos bekannt geworden ist. Grundsätzlich versuchen die AusstellungsgestalterInnen jedoch wesentliche Projekte der jeweiligen Jahre herauszuarbeiten und gegebenenfalls mit Soundpieces oder Videos zu unterstützen.
Für BesucherInnen, die seit vielen Jahren am Grazer Kulturleben teilnehmen, ist Dieses Wildnis hat Kultur wesentlich ein­facher rezipierbar: Je nach Alter erinnert man sich sofort an das eine oder andere Projekt, oder hat gar in irgendeiner Form daran mitgewirkt. Für Projekte, die weiter zurück in der Vergangenheit liegen (z.B. die Aufführung von Peter Handkes Kaspar), bleibt dann für jüngere RezipientInnen oft nur der Mythos vergangener Radikalität oder die Sehnsucht nach Neuaufbruch und Avantgarde.
Letztlich ist dies auch die wesentliche Fragestellung für die Zukunft des steirischen herbstes selbst. Hat er noch das Potenzial wieder Teil einer mutigen Avantgarde zu werden? Ist der Anspruch, Avantgarde zu sein, nicht selbst ein Paradoxon? Hinzu kommt noch der politische Gegenwind einer mutmaßlich kulturfernen neuen Bundes­regierung. Schon die bisherigen Kürzungen der Subventionen für den steirischen herbst waren substantiell und nicht leicht zu verkraften. Trotzdem ist er bis heute ein ganz wesent­liches österreichisches Kulturfestival geblieben. Für den Neustart im Herbst 2018 wünschen wir der neuen Kuratorin Ekaterina Degot das Allerbeste und viel Erfolg.


Heft kaufen