» Texte / Betrachtungen über die Venedig-Biennale 2011

Iver Ohm


»Cosmo City, Johannesburg« Digital Print by David Goldblatt, Courtesy of Goldman Gallery / Presented at the Biennale di Venecia, Foto: Iver Ohm
»Cosmo City, Johannesburg« Digital Print by David Goldblatt, Courtesy of Goldman Gallery / Presented at the Biennale di Venecia, Foto: Iver Ohm

Eine weitere Seeschlacht der internationalen Kunstolympiade hat begonnen. Und dieses Mal wirken die Gemüter ein wenig gereizter als beim letzten Mal, da die inszenierte Selbstverständlichkeit erneut unangenehm in Frage gestellt wird. Die nationalen westlichen Schlachtschiffe aus Europa, Russland und Nordamerika dominieren durch ihre schiere Größe, Architektur und fast grenzenlose Liquidität weiterhin das Revier. Aber die Fronten scheinen sich zu verhärten, denn es kommt ein Unbehagen in den eigenen Reihen auf. Die Irritationen werden vor allem durch die diesjährigen Ausstellungen in den Giardini deutlich.
In diesem wunderschönen, an den Ausläufern des Canal Grande gelegenen Park stehen insgesamt 29 Länder-Pavillons und bilden traditionell-historisch das topografische Herzstück der Biennale. In und um diese Minitempel der zeitgenössischen Kunst zeigt sich, in was für eine ästhetische, politische und soziale Zerreißprobe die Präsentation von Kunstproduktion gerade hineinrutscht.
Denn während vor dem US-amerikanischen Pavillon ein umgedrehter Panzer liegt, auf dessen rasselnden Gleisketten eine athletische blonde junge Frau in einigen Metern Höhe über ein Laufband joggt, zeigt David Goldblatt im zentralen Pavillon Fotografien von staubigen Townships, riesigen informellen Siedlungen und schwer bewachten gated communities in Johannesburg, die ein Gefühl für die eigene Naivität auslösen, wenn es darum geht zu begreifen, was postkoloniale Verhältnisse für Südafrika heutzutage bedeuten.
Deutschland trauert sehr andächtig um Christoph Schlingensief, Ägypten um Ahmed Basiony. Diese zwei Positionen stehen auf Grund ihrer tragischen und traurigen Umstände in gewisser Weise für sich, aber auch sie verorten sich im Gesamtgefüge. Denn während die österreichische Bundesministerin für Kunst und Kultur in Venedig laut verkündet, dass die Nation eine wichtige und grundlegende Sache sei und ihre Eröffnungsrede mit den Worten »Austria bellissimo« beendet, muss die (griechische) Kuratorin des dänischen Pavillons gegenüber der Öffentlichkeit rechtfertigen, warum sie für ihre Gruppenausstellung nur zwei KünstlerInnen aus Dänemark eingeladen hat. Und obendrein sorgt der von ihr eingeladene Thomas Klipper mit in den Boden gravierten Portraits von international bekannten Personen (unter anderem Silvio Berlusconi, Biennalekuratorin Bice Curiger und Biennalepräsident Paolo Baratta), auf denen das Publikum herumtrampeln und seine Zigaretten ausdrücken kann, in der dänischen Presse für einen kleinen Skandal.
Hier trifft die schon alternde Kritik der national geführten Ausstellungspavillons auf der einen und deren gleichzeitige Reproduktion auf der anderen Seite gemeinsam auf politisch-soziale Überlagerungen der aktuellen globalen Ereignisse, welche neue Ebenen mit ins Spiel bringen. Denn in Ägypten und anderen nordafrikanischen Staaten gab es in den letzten Monaten soziale Bewegungen und Kämpfe, die in Europa zurzeit (von Ansätzen in Spanien und Griechenland abgesehen) kaum stattfinden. Auch wenn manche davon überzeugt sind, dass der »kommende Aufstand« schon vor der Türe steht, so zeigt sich bei der Biennaleeröffnung, dass sich das Commitment der meisten Besucher und Besucherinnen zur Äußerung einer politischen Meinung auf das Tragen einer Gratis-Einkaufstasche mit den Lettern »Free Ai Weiwei« beschränkt, denn eine spätere Mini-Demo vor dem chinisischen Pavillon löst sich schnell wieder auf.
Gleichzeitig bestätigt die Biennale in ihrer Gesamtheit durch viele kleine Verhältnisse abermals den gewohnten Kultur-Eurozentrismus und es wird klar, wie stark die globale Kunstproduktion und -(re)präsentation von kapitalistischer Effizienzlogik sowie den Bestätigungsinszenierungen der politischen Machtverhältnisse kontrolliert wird. Beispielsweise hat der Libanon seine Teilnahme mit einem Pavillon – nach Aussage des vom Libanon engagierten Künstler-Duos Wooloo – aus Geldnöten absagen müssen. Das Duo setzte seinen Beitrag trotzdem um: In einer Art sozialen Skulptur organisierten sie für elf Künstler und Künstlerinnen der Biennale (aus Haiti, Litauen, Costa Rica und Rumänien) kostenlose Unterkünfte bei venezianischen Familien, da diese KünstlerInnen sonst zum Teil gar nicht hätten kommen können. Zeitgleich verschlang allein Markus Schinwalds schwebender und wunderschöner White Cube der »Ironie, Irritation und Klaustrophobie« stolze 700.000 Euro. Die Frage, ob hier irgendjemand über den eigenen (finanziellen) Gartenzaun hinausschaut, ist wohl eher zu verneinen, denn man kommt sich bei solchen Verhältnissen vor, als befände man sich in einer hermetisch-konservativen Reihenhaussiedlung im globalen Dorf der Kunstproduktion.
Der diesjährige Titel der Biennale – ILLUMI nations von Bice Curiger – gießt dabei noch kräftig Öl ins Feuer. Denn in ihrem Einführungstext schreibt sie: «Far removed from culturally conservative constructs of ,nation‘, art offers the potential to explore new forms of ,community‘ and negotiate differences and affinities that might serve as models for the future.« Und Paolo Baratta schreibt als Präsident über die Biennale, sie könnte »hidden truths« aufdecken und »voices of the world that speak to us (...) come together in the artists’ creations and the curators’ work.« Schade nur, dass von einem Utopie-inspirierenden Community-Feeling nichts zu spüren ist und die Konstruktion von »truth« einen etwas ungläubig stutzen lässt. Es bleibt der Eindruck, dass das Organisationsteam der Biennale seine institutionellen Rahmenbedingungen nicht grundlegend genug reflektiert hat und als schütze eine weiße Kulturignoranz weiterhin sehr bequem vor ernsthaften Auseinandersetzungsprozessen mit den eigenen Machtverhältnissen und Rollenverteilungen.
Die Installation von Diohandi bleibt bei alledem als positive Erinnerung, da sie durch einen sehr ästhetisch-minimalistischen Raum, bestehend aus Wasser, Schatten und Licht besticht, der den BesucherInnen einen kurzen Moment der Ruhe in diesem ganzen Trubel gönnt. Und auf der Wand des isländischen Pavillons steht ein Satz geschrieben, der einen hoffen lässt: »(...) all structures are unstable«.


Biennale Venedig 2011
Universes in Universe
4. Juni bis 27. November 2011 \ http://universes-in-universe.org/deu/bien/biennale_venedig/2011


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