Thomas Ballhausen

Thomas Ballhausen, Autor, Film- und Li­te­r­­­a­turwissenschaftler, ist Mitarbeiter der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur im Literaturhaus Wien / Leitung der Pressedokumentation.


Der Dichter Detlev von Liliencron hörte bei der Überfahrt von Husum nach Pellworn von der Sage um die versunkene Stadt Rungholt, die ihn u.a. zu den Zeilen „Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren“ inspirierte. Das historische Rungholt, eine bedeutende Handlungssiedlung am nordfriesischen Wattenmeer, war in der Zweiten Marcellusflut am 16. Jänner 1362 zerstört worden und wurde nach teilweiser Neubesiedlung während der Sturmflut von 1532 endgültig ein Opfer der See. Soweit die historisch belegten Eckdaten, die nicht unwesentlich zur Legendenbildung um diese verschwundene Stadt beigetragen haben. Bemerkenswert ist hier sicherlich der Umstand, dass die ungewöhnliche Bekanntheit Rungholts sich eben aus dem Umstand speist, dass diese Siedlung nicht mehr existiert. Wir wüssten höchstwahrscheinlich kaum etwas oder gar nichts davon – wäre sie nicht untergegangen. Die romantisch anmutende Vorstellung einer vom Meer verschlungenen Stadt – die Legenden sprechen hier von einer Strafe Gottes für das frevelhafte Verhalten der BewohnerInnen – beflügelte die Phantasie der DichterInnen und ForscherInnen; Der betörende Zauber des Geheimnisvollen lädt zu Spekulationen ein, lockt zu Untersuchungen und Auseinandersetzungen mit dem, was die Gezeiten wieder aus der Schlickdecke hervorholen. So wurden schließlich zwischen 1921 und 1938 Gebäudereste frei gespült, die frühe Forschung zu Rungholt holte es mittels historischer Belege – insbesondere auch von Kartenmaterial und Handelsverträgen – aus dem Reich der Legenden wieder in den Bereich der historischen Wissenschaften zurück.

Der Ethnologe und Kulturhistoriker Hans Peter Duerr, bekannt, geschätzt und angefeindet für seine provokanten Thesen und gewagten Ansätze, misstraute den bisher vorliegenden Untersuchungen über das frühmittelalterliche Wirtschaftszentrum im Norden Deutschlands. Inspiriert von einer alten Karte, die der Stadt eine gänzlich andere geographische Lage zuordnet, begann er mit seinen Untersuchungen, die in zu insgesamt elf Expeditionen führten. Es ist wenig verwunderlich, dass seine nun in Buchform vorliegenden Ausführungen zu diesem Thema ebenfalls mit der Nacherzählung einer Legende beginnen. Darin ist die Idee zentral, dass man Rungholt „erlösen konnte, wenn man den Augenblick nutzte, in dem es aus der Tiefe emporstieg (...).“ Nichts Geringeres ist auch das Ziel, das Duerr in den Jahren seiner Forschungsreisen verfolgte. Von den Behörden argwöhnisch beobachtet, machte er sich auf die Spurensuche, die ihn schlussendlich zu einem bemerkenswerten Fund führte: Neben Keramikresten und Gebäudefragmenten entdeckten er und sein Team auch mittelalterliche Silbermünzen und Gewürzspuren. Dies rief nicht nur die LandesarchäologInnen (endgültig) auf den Plan, sondern führte Duerr auch zu einer wesentlich weiter führenden Interpretation des geborgenen Materials.

In seiner auf Indizien und Vermutungen basierenden Neuschreibung der Geschichte Rungholts kommt er über antike Reiseberichte sogar bis in die ausgehende Steinzeit zurück. In seiner Version der Stadtgeschichte gelangt er mittels dieser speziellen Überlegung schließlich zum m.E. etwas gewagten Fazit, dass die Nordseeküste nicht erst im 4. Jahrhundert v. Chr. von Pytheas aus Massilia entdeckt worden sei, sondern bereits tausend Jahre zuvor.

Dem nicht immer schlüssigen, doch auch aufgrund der autobiographischen Stimme des erzählenden Wissenschaftlers recht spannend zu lesenden Buch wohnen – vielleicht ungewollte – Momente der Reflexion inne: Es ist ein überaus persönlicher Beitrag zum Wissenschaftsbetrieb bzw. zum gegenwärtigen Denken über Städte und deren Verschwinden. Leider fehlt dem Band ein den Forschungsstand umreißender Abschluss oder ein über das eher kämpferisch formulierte Resümee der (Zwischen)Ergebnisse hinausgehendes Schlusswort. Der umfangreiche Anmerkungs- und Literaturteil gleicht dies leider nicht aus. All dies ist aber wohl als Hinweis zu lesen, dass die wissenschaftliche Diskussion um Rungholt vielleicht doch noch nicht als abgeschlossen gesehen werden soll. Neben der kleinteiligen Arbeit der Spezialisten und Liebhaber bleibt ja auch die Hoffnung auf die Gezeiten.


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