Wolfgang Koelbl


3 bis 4 m² Gesamtfläche, Sitzbank, Tischchen, Monitor, zwei Mikrophone und ein telefonbuchdicker Auswahlkatalog – Karaoke für zwei mit Minimalausstattung. Jeder neue Songtitel eine neue Stimmung, Verwandlung, Identität – laut, blöd, zum Totlachen, schlecht, heimlich, schalldicht. Karaoke wird als Unterhaltung verkauft und ist es auch. In der Nachbarbox andere Verwandlungen, andere Identitäten? Man weiß es nicht. In jedem Stockwerk reihen sich mehrere solcher Boxen, in verschiedenen Größen, mit prinzipiell absehbaren, aber dennoch geheimen, jedenfalls uneinsehbaren, uneinhörbaren Innenleben. Verbindungen oder Wechselwirkungen zwischen Nachbarboxen werden unterbunden, nicht einmal deren Existenz wird wahrgenommen. Im Idealfall dringt kein Zeichen nach außen. Karaokeboxen sind eine Welt für sich – dafür bezahlt man auch. Eine Funktion, die normalerweise Extrovertiertheit, Öffentlichkeit fordert, wird in einem Minimalraum schalldicht versteckt und versperrt. Man verwandelt sich in die Identität des Originalinterpreten, betritt eine virtuelle Bühne, aber ohne Publikum, ohne ein Gegenüber. Verschollen in einer Raumkapsel, zurückgeworfen auf sich selbst, man würde ohne Karaokeausrüstung ebenso brüllen, toben, hinaus, aus sich hinaus wollen. Wie eng kann man einen Aktionsraum fassen? Wie scharf kann man an der Befindlichkeit des Verschüttet- oder Eingekerkert-Seins vorbeiführen? „[...] daß man im Theater die Enge der Loge nicht ertragen könnte, wenn man nicht in den Hauptraum schaute, [...]”(Loos) Sinngemäß wird auch die Karaokebox erst durch die permanente Aussicht, gleichbedeutend mit Verwandlung in andere Identitäten, erträglich. Niemand hört, sieht einen, man hört, sieht keinen, nur Elvis und wir zwei, bzw. wir sind Elvis mal zwei, abwechselnd, gleichzeitig, und dann Franky-Boy und Michael....

Auszug aus: Wolfgang Koelbl, Tokyo Superdichte, Ritter Theorie (2000)


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