Manfred Russo

Manfred Russo ist Kultursoziologe und Sozialforscher an der Universität Wien und ist Professor an der Bauhaus Universität Weimar.


Die Grundfrage des vorliegenden Buches lautet: Welche Rolle spielt die Kunst im Stadtraum, wie wirken sich Kunst- und Kulturprojekte auf die Quartiersstruktur aus bzw. welche Impulse können sie zur Erneuerung des Stadtviertels geben? Unter welchen Bedingungen entwickeln sich solche Projekte gut? Diese Fragen werden von den AutorInnen Philipp Rode und Bettina Wandschura primär am Beispiel des Kunstfestivals Soho in Ottakring (die Großschreibung und Übernahme des Logos ins Schriftbild des Buches zeigt schon die prioritäre Präsenz des Projektes) analysiert, unter Einbeziehung zahlreicher weiterer Kunstprojekte in Wien wie z. B. Aktionsradius Augarten, cultural sidewalk und Wolke 7. Die Grundlage der Arbeit bildete ein umfangreiches Projekt, das aus ProjektpartnerInnen der Universität für Bodenkultur Wien und der Plansinn GmbH bestand und von der Gemeinde Wien beauftragt wurde (MA 18, MA 50, Kulturstadtrat).

Die allgemeine Ausgangslage derartiger Projekte ist bekannt und durch den Wunsch nach einer Aufwertung und Revitalisierung entwerteter Stadtgebiete bestimmt, aber auch zur Durchsetzung eines Konzeptes der unter nehmerischen Stadt geeignet. Eine Frage lässt sich bei solchen Projekten nicht vermeiden: Wird in Wien durch derartige Interventionen in den jeweiligen Stadtvierteln Gentrification hervorgerufen? Schließlich würde auf diese Weise eine Ansiedlung der so genannten Pioniere durch staatliche Förderung erfolgen, die das Terrain für die nachfolgenden Gentrifier vorbereiten. Man kann allerdings eine vorläufige Entwarnung geben: In Wien spielt sich keine von Kunst hervorgerufene Gentrification im größeren Maßstab ab, wenngleich dieses Risiko eher durch zufällige Konstellationen vermindert wird.

Neben Soho in Ottakring müssen zur Erschließung des Gesamtzusammenhanges auch die Sanierungsaktivitäten im Rahmen des EU-Projektes URBAN plus am Gürtel und der Aufwertungsprozess Brunnenviertel und Yppenplatz erwähnt werden, da sie eine Neugestaltung des öffentlichen Raumes und neue Nutzungsmöglichkeiten zeitigen, die den Interpretationsrahmen des Raumes verändern. Eines wird deutlich: Die mit der Kunstbespielung einhergehenden Erneuerungsprojekte im Brunnenviertel weisen auf eine starke Entwicklungsdynamik hin. Seit den 1990er Jahren wird in das Viertel investiert, und das Investitionsvolumen erreicht beachtliche Dimensionen. Wie groß der Einfluss der Kunstprojekte in diesem Zusammenhang ist, lässt sich quantitativ nicht eindeutig nachweisen, kann aber aufgrund qualitativer Kriterien näher beschrieben werden. Vor allem die Medienpräsenz trägt zu einem Imagewechsel bei, der nun auch InvestorInnen dazu ermutigt, Neubauten für ein junges, zahlungskräftiges Publikum zu errichten.

Die allgemeine Aufwertung scheint sich auch auf die Ökonomie des Viertels auszuwirken. In den Hauptstraßen gibt es kaum Leerstände, die Gastronomie floriert, und auch die ethnische Ökonomie, die vor allem im engeren Bereich des Brunnenmarktes angesiedelt ist, dürfte von der Entwicklung profitieren. Eine Analyse der Mietpreise ergab für den Untersuchungszeitraum von 2004 bis 2007 keine gravierenden Veränderungen, allenfalls Verschiebungen innerhalb der Geschäftsstraßen. Die Leitbetriebe der Creative Industries tragen zu einer Veränderung des Angebots bei, die einen neuen Branchenmix nach sich zieht, weil eine Mischung der Waren und Leistungen für sehr unterschiedliche Publika angeboten wird. Billigläden bestehen neben teuren Feinkostgeschäften, Wettcafés neben Kunstausstellungen. Urbane Vielfältigkeit erzeugt auch größere Sichtbarkeit der unterschiedlichen Lebenswelten, der migrantisch-proletarische Alltag wird durch hedonistisch-intellektuellen Lebensstil kontrastiert.

Nun zur Frage der Gentrification: Bei der Analyse der Raumblöcke stellte sich heraus, dass in den Baublöcken mit starker Sanierungstätigkeit die Zahl der MigrantInnen, aber auch der bis dato dort wohnenden ÖsterreicherInnen deutlich abnimmt, die durch neue MieterInnen mit höherem Einkommen ersetzt werden. Meist ziehen die migrantischen MieterInnen aber nur einige Häuserblocks stadtauswärts in billigere Wohnungen weiter. Gleichzeitig vollzieht sich im Viertel auch eine weitere Zuwanderung migrantischer – vor allem türkischer – BewohnerInnen. In Summe ist also die Herausbildung eines so genannten Inselurbanismus zu beobachten, der eine punktuelle Urbanisierung nach sich zieht. Insgesamt ist in dieser Ottakringer Gegend eine merkwürdige Dialektik zu konstatieren. Sanfte Stadterneuerung mit ihrer Überlagerung durch Kunstprojekte wird durch die starke Dynamik der ethnischen Lebenswelt und Wirtschaft gewissermaßen gebremst und verläuft beinahe in harmonischen Bahnen nebeneinander.

Resümierend lässt sich festhalten, dass der Beitrag der Kunstprojekte primär in der Erhöhung des Kapitals des Quartiers liegt, was sich in der verstärkten anschließenden oder überlappenden Investitionstätigkeit manifestiert. Die im Zuge dieser Aufwertung erfolgte Sanierung der Gebäude kann wiederum Auswirkungen auf Austauschprozesse der Wohnbevölkerung haben. So die etwas beschönigende Argumentation der Autoren.

Das Invasions-Sukzessionsmodell, wonach die PionierInnen der ersten Phase durch die nachfolgenden Gentrifier verdrängt werden, bestätigt sich in Wien nicht, sondern wird durch eine Wiener Melange, ein gleichzeitiges Einströmen von besser verdienenden ÖsterreicherInnen als auch – zumindest teilweise – besserverdienenden MigrantInnen ersetzt. Das Wiener Mietrecht mit seinen Zinsobergrenzen mag hier eine Rolle spielen. Der größte Widerstandsfaktor dürfte aber in der wachsenden Autonomie der ethnischen Gruppen liegen, die durch interne Netzwerke abgestützt wird. Kunstprojekte wirken auf die Herstellung von sozialem Kapital ein, besonders auch auf die Herausbildung widerständischer Praktiken – sie können Beteiligungsprozesse in den Quartieren initiieren, jedoch keine Integrationsarbeit leisten, vor allem nicht bei migrantischen Gruppen.

Eine saubere Analyse der AutorInnen, die den erfolgreichen Weg der Wiener Kunstprojektförderung belegt. Möglicherweise bestehen aufgrund der Auftragsverhältnisse leichte Beißhemmungen beim Aussprechen gewisser Problematiken. Dennoch: Inhaltlich klar und präzise, ergänzt durch Kartenmaterial und Grafiken, wird ein ausgezeichneter Überblick über den Stand der Kunstprojekte in Wien und ihre Auswirkung auf die Stadt gegeben. Die These, wonach Kunst Stadt macht, wird nachhaltig bestätigt, wenngleich in der Frage, ob es sich um direkte oder indirekte Wirkungen handelt, der letzte Satz noch nicht gesprochen ist.


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