Axel Laimer


Vergnügungsparks um die Jahrhundertwende und deren Auswirkung auf die Entwicklung der Stadt im 20. Jahrhundert. Eine Buchempfehlung: „Delirous New York” von Rem Koolhaas.
Ende des 19. Jahrhunderts entstanden am Rande der Metropolen Europas und der Vereinigten Staaten Vergnügungsparks mit teilweise immensen Ausmaßen. Schein- und Traumwelten wurden erdacht und umgesetzt, dabei griffen die DeveloperInnen und ArchitektenInnen auf neueste technische Errungenschaften zurück, je spektakulärer desto besser.
Coney Island (New York) stand dabei an erster Stelle. Eine Flugsimulation über Manhattan nahm das Fliegen selbst vorweg, ein Vulkanausbruch und ein Erdbeben wurden simuliert.
Das elektrische Licht wurde so eingesetzt, daß es den Tag verlängerte und die Schein- und Traumwelt noch stärker zur Geltung brachte. Die große Attraktion war das „Electric Bathing” (Baden bei Nacht mit elektrischem Licht). In Dreamland, so nannte sich der „Traumweltenparkur”, wurden rund eine Million Glühbirnen eingesetzt. Hier konnten sich die BesucherInnen im Ballroom, Liliputia, Fall of Pompeij, Ride in a Submarine, End of the World, Flight over Manhattan, Canal of Venice usw. amüsieren.
Ein Motiv, das sich durch sämtliche Vergnügungsparks des 19. Jahrhunderts zieht, ist Venedig. Waren die Kanäle von Venedig in Coney Island nur ein Teil des Ganzen, so gab es in Europa Vergnügungsparks, die sich ausschließlich diesem Thema widmeten. Der wahrscheinlich größte war „Venedig in Wien” im Prater, geplant von Oskar Marmorek und projektiert von Garbor Steiner. 1895 öffnete dieser Vergnügungspark seine Pforten. Täglich kamen in den ersten Wochen bis zu 20.000 BesucherInnen. Die Idee, Venedig ums Eck zu haben, begeisterte die Menschen.[1]
In Coney Island war „Venedig” nur ein Teil der gesamten Anlage. Das „Coney Island Amusment Center” bestand aus „Steeplechase”, „Luna Park” und „Dreamland”. Um einen guten Überblick über das Gebiet zu haben, wurden unzählige Türme gebaut. Die Erfindung des Aufzugs war fast eine logische Konsequenz und wurde als Sensation gefeiert. Um sich wieder einmal selbst zu übertreffen, wurde der „Globe Tower” geplant. Ein Projekt, das nur durch die bisherigen bautechnischen Entwicklungen und Erfindungen, umsetzbar gewesen wäre. Der kugelförmige Bau hätte einen Dachgarten, Restaurants, Theater usw. beinhalten sollen. Direkt unter der Kugel war eine U-Bahn-Station geplant. Das Projekt wurde nie fertig gestellt und wenig später setzte ein Feuer dem gesamten Vergnügungspark ein Ende.
Rem Koolhaas beschreibt im zweiten Teil seines Buches „Delirous New York” an Hand von Manhattan die Auswirkungen dieser Traumwelten auf die Entwicklung der Großstadt des 20 Jahrhunderts. Coney Island war für die ArchitektInnen eine Spielwiese In Manhattan konnten sie die urbanen Träume in die „Wirklichkeit” umsetzen. Die Möglichkeiten, die die Aussichtstürme von Coney Island boten, waren Vorbild für die Entwicklung der Wolkenkratzer. Am Anfang stand bei den Hochhäusern die Frage der Form im Vordergrund. Hugh Ferriss malte obiliskartige Bilder von Hochhäusern, die den Gesetzen des 1916 in Kraft getretene Zonen Low, das die maximale Hülle für einen Bauplatz vorschreibt, entsprachen. Später übernahmen die DeveloperInnen und ArchitektInnen die Idee der Themen- oder Scheinwelten der Vergnügungsparks für ihre Gebäude. 1931 wurde der Fitneßtempel „Downtown Athlethic Club” gebaut, ein Hochhaus, das ausschließlich der körperlichen Ertüchtigung gewidmet war.
Immer wieder tauchte die „Globe Tower”-Idee auf und es entstanden spektakuläre Theaterhäuser („Radio City Music Hall” oder „Cutaway of Trylon and Pherisphere”). Eine Kombination von unterschiedlichen Attraktionen und Einrichtungen, wie wir sie heute von Mulitiplexcentren her kennen.
Koolhaas zeichnete 1978, als das Buch „Delirous New York” veröffentlicht wurde, eine urbane Entwicklung nach, die sich später zu wiederholen scheint. Auf der ganzen Welt entstehen kombinierte Kino- Theater und Einkaufscenter, die auf einem ähnlichen Prinzip wie das „Coney Island Amusement Center” beruhen. Das heute, ca. 100 Jahr später, wieder unzählige Themenparks und Kugelsphäre-Projekte entstehen, zeigt die Bedeutung dieser Entwicklung sehr schön. Koolhaas hat diese Entwicklung der Stadt nicht nur erkannt und in diesem Buch weitergegeben, sondern auch auf einer architektonischen Ebene vorangetrieben. Er nimmt bei seinen Großprojekten, wie z. B. dem TGV-Bahnhofsviertel in Lille den Bahnhof als Ausgangspunkt für eine Stadtteilentwicklung. Die StadtplanerInnen von Las Vegas hingegen, setzen weiterhin auf Entertainment und dies mit gigantischem Aufwand. Schließlich ist Las Vegas die Stadt, in der Unterhaltungsideen bisher am erfolgreichsten umgesetzt wurden. Las Vegas ist wie ein riesiger Vergnügungspark verpackt in eine Stadt. Die direkteste Umsetzung der Coney Island Idee auf eine Stadt von heute. Jedes Hotel bekommt ein Thema übergestülpt, das sich bis ins kleinste Detail zeigt. An jeder Ecke wird man mit neuen Attraktion konfrontiert, ob es sich um ein plötzliches Gewitter handelt oder die größte Hochschaubahn der Welt. Natürlich darf Venedig hier nicht fehlen. War die Stadt zu Beginn fest in der Hand des Glücksspiels, hat sie sich in den letzten Jahren hin zu einer „Familyentertainmentstadt” verändert. Der Umsatz mit Glücksspielen macht nur mehr 40 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Rem Koolhaas arbeitet an der nächsten Imagekorrektur für Las Vegas. Er wurde mit der Planung, eines Guggenheim-Museums beauftragt. Womit die Entertainment-Industrie eine weitere Bastion erobert hat.

Fußnoten


  1. Das empfehlenswerte Buch „Venedig in Wien“, herausgegeben von N.Rubey und P. Schoenwald, ist gelegentlich als Abverkaufsexemplar in Diskontbuchhandlungen zu finden. ↩︎


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