Manfred Russo

Manfred Russo ist Kultursoziologe und Sozialforscher an der Universität Wien und ist Professor an der Bauhaus Universität Weimar.


Der Berliner Soziologe Hartmut Häußermann, einer der profiliertesten Stadtforscher in Deutschland, ist tot. Der 1943 in Waiblingen bei Stuttgart geborene Wissenschaftler starb am 31. Oktober 2011 mit 68 Jahren in Berlin.
Nach dem Studium an der Freien Universität Berlin und seiner Zeit als Assistent am Soziologischen Institut ging Häußermann 1976 an die Gesamthochschule Kassel, um zwei Jahre später an die Universität Bremen überzuwechseln. Von 1993 bis zu seiner Emeritierung 2008 lehrte er als Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an der Humboldt-Universität.
Häußermann, der sicherlich an einer stilistischen Prägung der deutschen Stadtsoziologie Anteil hatte, zählte nicht zum Typus des postmodernen Theoretikers, dessen Bücherfundus von französischen Dekonstruktivisten über Foucault bis hin zu den Vertretern der amerikanischen Radical Geography gespeist war, sondern galt als ein pragmatisch ausgerichteter Planer mit Augenmaß für das Mögliche.
Als Teil der Studentenbewegung der 68er auch mit führenden Agenden in der AStA (dem deutschen Pendant zur österreichischen Hochschülerschaft) betraut, hatte er wohl zunächst noch die Utopie vor Augen – man denke an Personen wie Rudi Dutschke –, sich aber anschließend für eine Universitätskarriere entschlossen und damit, wie es so schön heißt, »den Weg durch die Institutionen« angetreten. Dieser Weg verlief für ihn erfolgreich und brachte auch der deutschen Stadtsoziologie und Stadtplanung zahlreiche fruchtbare Impulse. Durch jahrelange Kooperation mit zahlreichen Kommunen sammelte er großes empirisches Wissen und verband es mit einer handwerklich soliden soziologischen Theorie, die sich in zahlreichen, zumeist in Kooperation mit Walter Siebel edierten Publikationen manifestierte. Das Lehrbuch Großstadt – Soziologische Stichworte wird nach wie vor gerne zur Hand genommen, die zahlreichen Bände der Edition Suhrkamp wie auch anderer Verlagen zu verschiedenen urbanistischen Fragen stellten so etwas wie den deutschen Kommentar zu internationalen Fragen der Stadt dar. Immer waren die wesentlichen Stimmen der deutschen Stadtsoziologie vertreten. Aufgrund eines soliden, auch marxistisch inspirierten Basiswissens räumte er stets den ökonomischen Verhältnissen eine wichtige Rolle ein und hatte damit auch Verständnis für die Stadtproduktion als einem Motor urbaner und sozialer Entwicklung. Dies motivierte ihn auch zu einer gewissen Vorsicht gegenüber dem Kampfbegriff der Gentrifizierung in Deutschland, weil hier vielleicht etwas voreilig Paradigmen der amerikanischen Raumökonomie auf heimische Verhältnisse übertragen wurden. Das hinderte ihn aber niemals daran, seinen soziologischen Standpunkt zu vertreten , indem er alle Phänomene der sozialen Benachteiligung und der Exklusion kritisierte und damit ein unangenehmer Partner der Gemeinden sein konnte. Andererseits verhielt er sich gewissen Modeströmungen gegenüber eher reserviert. Henri Lefebvre und die Urbanisten der amerikanischen Postmoderne kamen kaum zu Wort, zu phantastisch und unrealistisch dürften ihm deren Schriften erschienen sein. Letztlich war bei ihm immer eine Tendenz des Fortschrittsglaubens erkennbar, dass historischer Wandel auch sozialen Fortschritt bedeuten müsse, geprägt durch die Perspektive der fordistischen Jahre der Bundesrepublik, sodass ihn die Entwicklung des Neoliberalismus auch innerlich betroffen gemacht haben dürfte.
Seine Analysen der Stadt nach sozialen Kriterien wie Arbeitslosigkeit, Schulbildung, Sozialhilfe wurden daher immer wichtiger. Auch war er maßgeblich an der Einführung des Quartiersmanagements in Berlin beteiligt. In einer Studie für den Senat wies er 1998 die Entstehung sozialer Brennpunkte in der Stadt nach und schlug den Einsatz von SozialarbeiterInnen und Beratungsbüros in Stadtteilen wie Wedding und Kreuzberg vor. Eine Empfehlung, die der Senat befolgte. Ein erster Schritt zum Aufbau eines Frühwarnsystems für städtische Fehlentwicklungen war getan, als Häußermann den Plan »Monitoring für soziale Stadtentwicklung« vorlegte. Häußermann war auch in Wien als Berater tätig, eine Studie über Urbanität erinnert daran. Für dérive stellte er sich dankenswerterweise als Testimonial zur Verfügung und verfasste einen Artikel über postmoderne Stadterneuerung für den Schwerpunkt Stadterneuerung in Heft 17.
Häußermann galt als ein angenehmer Mensch und Kollege, dem professorale Allüren und der Hochmut des Experten fremd waren, als jemand auf den man sich verlassen konnte und auf dessen Hilfsbereitschaft man zählen konnte. Er war jemand mit Bewusstsein für gesellschaftliche Solidarität, und die Hoffnung bleibt, dass er einer neuen Generation von StadtsoziologInnen und –planerInnen diese unbeugsame und verantwortungsbewusste Haltung vererbt hat.


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