Barbara Holub

Barbara Holub ist Künstlerin und Mitglied von transparadiso, einer Platform für Architektur, Urbanismus und Kunst.

Paul Rajakovics


In ihrem Insert für dérive zeigen die beiden KünstlerInnen ein neues noch offenes Projekt über die österreichische Architektin und Designerin Anna Lülja Praun.

Die Arbeiten von Anna-Lülja Praun (1906–2004) haben erst spät in ihrem langen Leben Anerkennung gefunden, teils weil sie nur als Mitarbeit bei Herbert Eichholzer und Clemens Holzmeister aufscheinen und der Großteil ihrer eigenen Möbel und Objekte erst ab 1952 nach der Trennung von Richard Praun entstanden ist, teils weil ihre Arbeiten kaum als Massenprodukte konzipiert waren (abgesehen von einem Sessel, der von Wiesner Hager produziert wurde). Bei einigen ihrer Arbeiten ist wegen ihrer unterschiedlichen Kooperationen nicht immer sofort eine klar erkennbare Autorenschaft erkennbar. Man könnte sogar sagen, dass Anna-Lülja Praun eine gewisse Vorreiterrolle bei partizipativen Arbeitsweisen einnimmt, was aber keineswegs die Qualität der Arbeiten selbst schmälert. Vielmehr bleiben dadurch manche ihrer Möbel, die oft auch Unikate geblieben sind, immer noch unentdeckt in privaten Räumen oder tauchen recht unprätentiös auf digitalen Verkaufsplattformen auf.
Die KünstlerInnen Nicole Six und Paul Petritsch setzen genau hier an. In ihren Fotoarbeiten bleiben die Designobjekte in ihrem gewohnten Ambiente und unter Einbindung alltäglicher Benutzung jenseits von Inszenierung. Die analoge Mittelformatkamera geht unter Anleitung des Künstlerduos quasi auf Spurensuche nach Objekten und Möbeln von Anna-Lülja Praun und deren Benutzung. Dabei entstehen eigene Erzählstränge in der Abwesenheit der eigentlichen BenutzerInnen, deren Identität nur erahnt werden kann. Ebenso lässt es die Kamera in der Ambivalenz der Standpunkte offen, wo nun eine echte Anna-Lülja Praun, bzw. wo sich ein anderer Alltagsgegenstand befindet.
Nicole Six und Paul Petritsch haben gerade in Un-Curating the Archive in der Camera Austria in Graz das Archiv aus dem Aktenschrank befreit. Tausende Seiten des Archivs wurden kopiert, sind nunmehr für das Publikum zugänglich und laden in den Ausstellungsräumen zum Blättern ein. Als Teil der Ausstellung führten die KünstlerInnen diverse räumliche Eingriffe – wie die Entfernung der Wand zur Bibliothek – als permanente Installation durch. 2012 haben Six/Petritsch bei Aussicht kann durch Ladung verstellt sein im Grazer Medienturm alle Gegenstände aus ihren Wohnungen und ihrem Atelier in den Ausstellungsraum des Grazer Medienturms transferiert. Damit wurden alle Besitzungen ihres Atelier und ihrer Wohnungen für den Ausstellungszeitraum quasi archiviert. Das Künstlerduo selbst hatte nichts mehr. Der Ausstellungsraum war aber nun überfüllt mit den Dingen ihres Lebens. In ihrer 2014 bei Revolver erschienenen Monografie Das Meer der Stille zeigen sie ihre performativen Ansätze, »in denen Gefährdung, Entzug und grundloses Aushalten zentrale Motive sind für Handlungen, die Daseinsgrundlagen und die Einheit von Raum und Zeit erkunden.«

Nicole Six (*1971) und Paul Petritsch (*1968) arbeiten seit 1997 gemeinsam an Performances, Filmen, Fotografien, Skulpturen, Displays und Projekten im öffentlichen Raum. Sie leben in Wien. Vom 24. Juni bis 30. Juni 2019 sind Six/Petritsch bei Yesterday Today Today im Kunstraum Buchberg/Schloss Buchberg zu sehen. Weiters wird ab November 2018 im Haus der Geschichte in Wien ihr Projekt Die Innere Grenze gezeigt werden. Von 18. September 2018 bis 6. Jänner 2019 ist das Künstlerduo Teil der Ausstellung The World to Come im Harn Museum of Art in Florida.

Die beiden für das Insert verwendeten Fotografien sind im Vorraum einer Wohnung (Garderobe) und in einem Atelier (Tischlampe) in Wien aufgenommen worden.


Heft kaufen