Christa Kamleithner


„Nie vereinte Dinge rauschen plötzlich zusammen“ (S. 250). So könnte man die moderne Großstadt beschreiben, wie sie im 19. Jahr-hundert entstanden ist. Damit verbunden ist eine Neukoordination der Wahrnehmung: Das Auge verliert den Überblick, die Beobachter-perspektiven vervielfältigen sich und geraten ins Schwanken. Das Leben in der Großstadt – synonym mit der modernen Verfasstheit schlechthin – scheint geprägt vom Verlust des Gleichgewichts; es steht im Zeichen des Schwindels und der Lust am Thrill, Stadtkultur als „Kultur der Nervosität“. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, Koolhaas’ Delirious New York wiederzulesen, das die Entstehung der modernen Metropole aus dem Vergnügungspark am Beispiel Manhattan und Coney Island beschreibt.
Nicht nur als „Achterbahn“ lässt sich die Großstadt beschreiben, auch als „Schlaraffenland“: Im Zuge technischer Optimierung wird die Stadt zum Versorgungsparadies, die Mas-senproduktion an Lebensmitteln gewährleistet erstmals Versorgung für alle. Auch ein radikaler Wandel der Esskultur hat sich vollzogen: das Essen ist öffentlich geworden, der Stadtraum geprägt von gastronomischen Genüssen. Die Versorgung verbessert sich auch weiterhin: eine neue „Ausgehkultur“ macht das Besondere normal, das Festessen alltäglich. Die Stadt erscheint so als „große Küche“ (S. 112) und Ort des Überflusses – und dessen Ausstellung: auch zwischen der Entstehung von Weltausstellung und Großstadt lassen sich Vergleiche ziehen.
Die Stadt als Paradies: Dies ist eine relativ junge Wertschätzung. Das Glück wurde und wird üblicherweise im Grünen gesucht, das Paradies als Garten vorgestellt. Wurde lange Zeit die Natur in die Stadt hineingeholt, in Form des Schlossparks oder der öffentlichen Parks, Zoos und botanischen Gärten, und die Natur damit urbanisiert, hat die Großstadtkritik zu einem radikalen Antiurbanismus geführt, der versucht, die Stadt in die Natur hinauszuverlegen – wofür die Gartenstadtbewegung stehen kann. Ein relativ neuer und ganz anderer Zusammenhang zwischen Stadt und Natur könnte jener der Stadtbrache sein, in der die Vorstellung von Großstadtdschungel und natürlicher Wildnis zusammenfallen. Dies als positiv zu bewerten und – wie im Titel des Buches – die Stadt als Paradies zu betrachten, entspringt einer Umwertung der Werte: Hat die Moderne ihre Liebe zur Natur vor allem im Anorganischen, in kristallinen Kathedralen, gefunden, findet die Postmoderne sie im Zufälligen und Spontanen, im (natürlichen) Nebeneinander des Verschiedenen. Das Bild des Paradieses ist nicht mehr das „Himmlische Jerusalem“, sondern ein „Neues Babylon“, Sprachverwirrung statt geordnetem Kosmos – „spätmoderne Geographien der Differenz“ (S. 25).
Jenes nachmoderne Glück scheint jedoch gefährdet, neue Funktionalismen erscheinen auf der Bildfläche. Die Unterhaltungsarchitekturen, die mittlerweile die Stadtzentren prägen und die unser Bild von Urbanität einzulösen scheinen, machen den Taumel der Stadt kalkulierbar: ein „Funktionalismus nachindustrieller Art“, ein „Funktionalismus der Auffälligkeit“ (S. 225f) konstruiert die Stadt nach werbetechnischen Mustern. Was als neue Stadtlust erscheint, entpuppt sich als bloße Lebensstilfigur: die „Stadt auf/nach Wunsch“ (S. 267) reduziert die urbane Gefährlichkeit auf eine wohltemperierte Reizung. Las Vegas, Ende und Ausblick der Urbanen Paradiese, kann sowohl als Verkörperung des Gegenstandes konservativer Großstadtkritik gelten wie auch als Ikone einer anderen „Nacht-Öffentlichkeit“, die die bürgerlichen Öffentlichkeiten abgelöst hat. In ihr könnte man noch einmal das katalytische Potential des „Festivals“ erblicken (S. 245f), das aber gerade auch in Las Vegas, spätestens seit Jerde’s Domestizierung der Fremont Street, warm, unterhaltend und harmonisch geworden ist. Damit ist Las Vegas auch eine Ikone für das letzte Aufleben und Verschwinden der Stadt, für eine letzte Öffentlichkeit: »‘Wir haben das Glück erfunden’ – sagen die letzten Menschen und blinzeln« (Nietzsche).

Urbane Paradiese ist eine Sammlung von Aufsätzen, die anläßlich der Ausstellung „Paradiese der Moderne“ 2001 im Bauhaus Dessau erschienen ist. AutorInnen der Text- und Bildbeiträge sind: Regina Bittner, Thomas Wrede, Torsten Blume, Christoph Asendorf, Joachim Radkau, Martin Parr, Ina Dietzsch, David Bell, Martin Wörner, Gernot Böhme, Sonja Braas, Nicolas Bancel / Pascal Blanchard / Sandrine Lemaire, Wolfgang Thöner, Georg Franck, Gerd Held, Franz Pröfener, Claudio Hils, Iain Chambers, Jörg Häntzschel.


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