Anita Lischka

Ute Schremmer


Bratislava und Petržalka sind sowohl vom Erscheinungsbild als auch funktionell zwei völlig unterschiedliche Stadtteile. Wir haben uns als Themenschwerpunkt unseres Projektes die Verbindungen, Verknüpfungen und Überlagerungen der beiden „getrennten“ Stadtteile Petržalka und Bratislava gesetzt, um eine interaktive Kommunikation trotz örtlicher Trennung herzustellen. Wir wollten Anziehungspunkte schaffen, von denen das gesamte Gebiet profitiert. Die Charakteristika der einzelnen Gebiete sollten dabei nicht vernachlässigt, sondern bewusst aufgezeigt werden. Diese Verbindung basiert auf audiovisuellen, direkten Übertragungen in Form von Projektionen und Geräuschkulissen. Es entsteht eine virtuelle Brücke, welche die Kommunikation zwischen den BewohnerInnen fördert. Sie können aktiv in das Geschehen eingreifen.
Projektionen publizieren das Geschehen des einen Stadtteils im jeweils anderen mit Bild und Ton. Man befindet sich virtuell in dem anderen Stadtteil und ein aktives Kommunizieren mit den dort anwesenden Personen ist möglich. Realisiert könnte dies zum Beispiel in einem Café werden, das aus zwei Teilen besteht. Ein Teil ist in Petržalka, der andere in der Altstadt. Beim Betreten des Raumes werden die BesucherInnen gefilmt und im anderen Teil in Echtzeit projiziert. Überlagerungen in Form von Diaprojektionen, bei denen Fassaden der Altstadt auf Plattenbauten projiziert werden, machen auf das differenzierte Erscheinungsbild der Architektur in den beiden Stadtteilen aufmerksam.
Geräusche schwächen die Polarität der Stadt. Stationen, in denen akustische Bilder aus dem anderen Stadtteil zu hören sind, bilden einen Weg, sozusagen einen akustischen Spaziergang, ab. Wir haben verschiedene Eindrücke in Bratislava aufgezeichnet und die städtische Analyse anhand dieser akustischen und visuellen Bruchstücke erarbeitet, die zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten - öffentlichen Plätzen - aufgenommen wurden, um ein Abbild der Stadt zu erhalten. Sozusagen eine Analyse der Klanglandschaft der Stadt, wobei der Unterschied zwischen den beiden Stadtteilen deutlich spürbar, hörbar und erfahrbar wurde. Daraus ergab sich die Idee, ein Netzwerk zu schaffen, das dem Austausch von Informationen, Erfahrungen und Eindrücken dient. Vergleichbar mit unserem akustischen Spaziergang durch die Stadt, der unsere ganz persönlichen Eindrücke widerspiegelt, soll ein Medium entstehen, das allen ermöglicht, ihre persönlichen Sichtweisen zu vermitteln. Medien wie Fernsehen, Internet und Radio können als Werkzeug fungieren, um Gefühle, Wünsche, Anregungen oder Erfahrungen über die ganze Stadt zu transportieren.
Vom taktischen Standpunkt aus ist Radio das praktischste, flexibelste und billigste Massenmedium. Aber auch Radio ist durch Gesetzgebung, Urheberrechte und wirtschaftliches Profitdenken stark in der Gestaltung des Programms eingeschränkt. PiratInnensender allerdings, die sich über die Gesetzgebung hinwegsetzen, können spielerischer an die Programmgestaltung herangehen. Dadurch eröffnen sich verschiedenste Möglichkeiten, direkter an die HörerInnen heranzutreten. Wir haben versucht, diese Vorstellungen des freien Radios umzusetzen und vier Konzeptansätze erarbeitet, die individuell oder additiv einsetzbar sind.
Das öffentliche Radio ist eine legale und kontrollierbare Möglichkeit. Sie stellt nur Platz und Material zur Verfügung und ist für alle jederzeit zugänglich. Weiters werden so genannte Radiozellen, wie Telefonzellen, über die gesamte Stadt verteilt. Durch einen kleinen Unkostenbeitrag erhält man die Möglichkeit, einige Minuten im Radio zu sprechen. Dadurch entsteht eine starke Vernetzung und zum Teil auch Überlagerungen, da alle Zellen auf der selben Frequenz senden. Was aber passiert, wenn sich diese Art des Radios durchsetzt? Das könnte in völligem Chaos und ständiger Möglichkeit der Kontrolle durch andere enden.
Um das Radio noch flexibler zu machen, haben wir das selfmade-Radio entwickelt. Ein Sender wird in Ikea-Manier selbst zusammengebastelt. Es ist noch persönlicher und es gibt keine Überlagerungen, da alle ihre eigene Frequenz benützen. Wir möchten allerdings darauf hinweisen, dass eine weite Verbreitung zu einer Überlastung des Äthers und möglicherweise zur Lahmlegung des Funkverkehrs der Luftaufsicht führen könnte. Der PiratInnensender stellt in seiner illegalen und unkontrollierbaren Beschaffenheit das ideale Medium für eine freie Programmgestaltung dar. Eine getarnte mobile Einheit ist in der Stadt unterwegs und taucht nur vereinzelt auf. Hier kommt der Faktor des Unvorhersehbaren hinzu.

Ein Projekt von Anita Lischka und Ute Schremmer im Rahmen des Entwerfens „Handlungsräume Bratislava“ bei Paul Rajakovics im Sommersemester 2000 am Institut für Wohnbau und Entwerfen an der TU Wien


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