Elke Rauth

Elke Rauth ist Mitglied des Vorstands von dérive - Verein für Stadtforschung.


3 Jahre, 23 Bezirke, 2500 Fotos lautet die eindrucksvolle Bilanz von Martin Ulrich Kehrers Stadterkundungen zu Fuß. „Von Stammersdorf bis Rodaun, von Hütteldorf bis Stadlau“ führten ihn seine Wege, immer auf der Jagd nach ungewöhnlichen und bewahrenswerten „Fassadenbeschriftungen und Aushängeschildern kleiner Geschäfte und Gewerbetreibender“. Ausgerüstet mit Kamer­a und Stadtplan, in dem nach jedem Expeditionstag die genaue Route festgehalten wurde, entstand so eine faszinierende Sammlung einer unter den Bedingungen der globalisierten Märkte und internationalen Warenhandelsketten beinahe untergehenden Kultur: Die der Schilder und Neonschriftzüge, der Metalllettern und Fassadenbeschriftungen, die mit oft frei erfundener Typo, charmantem Schwung und unverwechselbarem Äußeren nicht nur als deutlicher Hinweis auf die Geschäftsgebahrung des dazu gehörenden Ladens fungier(t)en, sondern auch als wichtige Anhaltspunkte und Wegweiser zur Navigation durch den Dschungel der Stadt.

„Mit dem immer größer werdenden Bildarchiv wuchs meine Begierde noch mehr zu fotografieren – aber auch die Angst besonder­e Beispiele zu verpassen entweder weil ich an einer Straßenecke die falsche Richtung einschlug oder weil ein Schild abmontiert wurd­e“ beschreibt Martin Ulrich Kehrer den Sog der Sammelleidenschaft, die den an der Kunstuniversität Linz promovierten Designer auf seinen Stadtspaziergängen befiel. Aus der Masse extrahiert haben über 200 Fotografien in den Bildband gefunden, die alphabetisch geordnet von Ä wie Ästhetik bis Z wie Zuckergoscherl ein farben- und formenfrohes Potpourri des Wiener Stadtraumes ergeben. Das Nachwort von Walter Pamminger, seines Zeichens preisgekrönter Buchgestalter, Autor und Kurator, setzt sich unter dem Titel Das Theater der BuchstabenManua­l für urbane Schriften mit dem besonderen Wechselspiel von Schrift und urbanem Raum auseinander: „Der lineare Zug dieser Lettern korrespondiert mit dem der Passanten. Die Buchstaben folgen: Sie machen sich auf und gehen kurz mit, bevor sie wieder zurückbleiben. Sie sind gleichsam unsere Mitläufer.“

Ursprünglich vom Autor mit typophilem Blick konzipiert, vermag der Band ganz eigen­dynamisch noch einiges mehr zu leisten: Stadtflaneure und Nostalgiker aller Couleur können mit ihm auf urbane Zeitreise gehen, Wien-KennerInnen ein heiteres Standort-Raten beginnen, Design-Aficionados werden sich mit Lust in die raumgreifenden Schriften vertiefen, und allen Wien-LiebhaberInnenn sei er als Sammlungsstück und nostalgisches Mitbringsel empfohlen.

Berliner Seelenverwandtschaft

Rund 760 km nördlich von Wien, in Berlin, widmen sich zwei leidenschaftliche Sammlerinnen „der Bewahrung und Dokumentatio­n von Buchstaben, unabhängig von Kultur, Sprache und Schriftsystem“. 2005 gründeten die Designerin Barbara Dechant und die Kulturmanagerin Anja Schulze dazu das Buchstabenmuseum, das sich noch in der Aufbauphase befindet. Da ihr Schaudepot, wo die mittlerweile riesige Sammlung an Original-3D-Fassadenbeschriftungen zuhause ist, langsam aus allen Nähten platzt, soll möglichst bald ein wirkliches Museum entstehen, das sich diesem Stück Alltagskultur in all seinen designerischen, soziologischen und kulturhistorischen Dimensionen widmet.

Davor aber haben sie sich der Rettung einer ganz besonderen Typo verschrieben: Die Zierfische, jahrelang farbenfrohes Aushängeschild der Monumentalwohnbauten am Frankfurter Tor im ehemaligen Ostberlin, sollen für die Öffentlichkeit erhalten werden. Für die noch fehlenden knapp 1000.– Euro werden weiterhin SpenderInnen gesucht, selbst Kleinstbeträge sind willkommen und können via Website flux übergeben werden. Die raren Besichtigungstermine fürs Schaudepot erfährt man dabei ganz nebenbei.

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Buchstabenmuseum Berlin
www.buchstabenmuseum.de


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