» Texte / Experimentierort oder Kultur-Stempel für Linz?

Christin Bolte

Iver Ohm


Hybrid Playground, Foto: Iver Ohm
Hybrid Playground, Foto: Iver Ohm

Im Himmel über der ehemaligen Stahlstadt schwebt ein performatives Farbeninferno. Wellen der Entzückung erfassen die Menschenmassen, während Donnerschläge die Straßen und Brücken der Stadt zum Beben bringen. Alle starren in die Nacht, recken die Hälse und warten auf den Höhepunkt. Die Klangwolke geht als zentrales Spektakel des Festivals und als eines der größten Feuerwerke Europas über der Donau nieder. Es entwickelt sich der schleichende Gedanke, dass dadurch irgendwie thematisch-inhaltliche Paradoxien produziert werden, aber beeindruckend ist es allemal. Wie passt diese Masseninszenierung in den Festivalkontext Kunst, Technologie und Gesellschaft? Ist sie ein Event-strategisches Zugeständnis oder der etwas naive Versuch, das diesjährige Hauptthema Origin (engl. Ursprung: Urknall) durch die Traditionspraxis narrativ zugänglicher zu machen?
Historisch gesehen ist das Ars Electronica Festival als eine elektronisch-technologisch fokussierte Erweiterung der Bruckner Festspiele in den auslaufenden 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden. Die heraufziehende digitale Revolution bot technologische, künstlerische und musikalische Möglichkeiten, die erforscht, ausgetauscht und weiterentwickelt werden sollten. Aus dieser Situation heraus ist die Idee für ein Festival in Form einer offenen, multiperspektivischen Partizipationsplattform entstanden.
1996 wurde zusätzlich das Ars Electronica Center (AEC) als ständiges, institutionelles Ausstellungshaus an den Donauufern errichtet. Aber ist die damalige Notwendigkeit der 1970er Jahre heute noch aktuell? Und wenn ja, in welchem Rahmen? In der Hoffnung auf eine inhaltliche Klärung folgen wir dem Festivalprogramm durch die Stadt. Insgesamt rund 300 Filme, Vorträge, interaktive Installationen, Open Labs und Führungen, Präsentationen und Diskussionen, Konzerte, Performances, Workshops und stadträumliche Interventionen umfasst das Festival dieses Jahr.
Im Mittelpunkt des Spektakels steht als Gastgeber und Anlaufpunkt für die allabendlichen Musikdarbietungen das AEC. Dazu Kunstausstellung und der Höhenrausch im OK Kulturhaus (großartig!), Workshops für Kids in einer Zeltstadt am Donauufer (u19 – »Create Your World«.) und eine Masse an Vorträgen, die leider recht abgekapselt hinter den schweren Konzerttüren des Brucknerhauses und dem Architekturforum versteckt wurden. Dazu gesellen sich die Kunstuniversität, das Lentos Kunstmuseum und der Mariendom als räumliche Erweiterung. Eine Perlenkette der städtischen Kunst- und Kulturinstitutionen.
Im Architekturforum fanden wir dann nach einigem Suchen das Symposium zu Medienkunst und Stadtforschung (Sensing Place / Placing Sense) des Festivals. In einem überhitzten Seminarraum sollte die Neudefinition von öffentlichen Räumen in der Echt-Zeit-Stadt zur Debatte stehen und über urbane Informationsdaten als integralem Bestandteil dieser diskutiert werden. Die sensorische Rezeption, technologische Systeme im öffentlichen und institutionalisierten Raum, sowie die daraus entstehenden, neuen Raumüberlagerungen und Verhandlungsorte bildeten die Grundthemen der drei Panels. Der diesjährige Featured Artist und Stadtklangkünstler Sam Auinger gab Einblicke in die auditive Sinnesverarbeitung, die akustische Gestaltung des Stadtraumes und die Praxis des Nicht-Hörens. Der Architekturwissenschaftler Malcolm McCullough (Ambient Commons) referierte über den Einfluss der Informationsmedien auf die urbane Umgebung und das Individuum im öffentlichen Raum, sowie über Architektur und Stadtplanung in ihrem Verhältnis zu unserem Hörsinn und der lärmbelasteten Welt.
Im zweiten Teil bilden ortsbezogene digitale Daten (Stichwort GPS und Geo-Mapping) und virtuelle Infrastrukturen im öffentlichen Raum die Präsentationsbasis. Hyperlokalität schwebt aktuell über den meisten anwendungsorientierten Gedanken zu Urbanität und Technologie, so auch über den meisten Beiträgen. Als Beispiel referierte Joi Ito, der Direktor des MIT Media Lab, über ein Map-App für Strahlungswerte in Japan. MIT-Designerin Susanne Seitinger dagegen befasste sich mit dem Potenzial von Beleuchtung in den Städten der Zukunft und gesetzlichen Regulationsmaßnahmen sowie den Menschen, die davon betroffen sind. Auch Sandrine von Klot, Forschungsleiterin von Public Space 2.0, sprach über die stadtplanerische Anpassung des öffentlichen Raumes an die digitalen An-forderungen der Stadtmenschen und über die Auswirkungen von urbaner Lichtverschmutzung. Grundlegend handelte es sich um ein sehr vielversprechendes Symposium, das aber leider bei dem Design angewandter Technologien und dessen verwertungskonformen Utopien für Architektur und Stadtplanung steckenblieb. Es bleibt daher offen, ob es sich am Ende mehr gelohnt hätte mit Mark Shepard bei einem Stadtspaziergang mit Medienkunst in der kühlen Abendluft die Stadt zu erforschen (http://serendipitor.net/site/).
Insgesamt bleibt es auch unklar, in welche Richtung sich das Festival gerade bewegt, da sich die einzelnen Programmpunkte in ihrem Verhältnis zum Festivalthema Origin, ihrer räumlichen Aufteilung und ihrer Präsentation selten schlüssig und überzeugend zeigten. Die Ars scheint zwischen Institutionalisierung und kritisch-utopischem Anspruch gestrandet zu sein. Schade, denn im letzten Jahr (Thema: »Repair – Sind wir noch zu retten?«, Ort: eine großartige alte leerstehende Tabakfabrik) bildete sich auch auf Grund der Örtlichkeit ein leiser Hoffnungsschimmer, dass sich das Festival zu dem neu entwickelt, was es früher vielleicht einmal gewesen war: ein offenes Organ der Begegnung und des kreativen, spontanen Forschens. Daher bleibt eine Frage bestehen: Geht es der Ars im Kern um Inhalt, Experiment und Utopie, oder darum, ein halb verschleierter Touristenmagnet für eine jährliche Kulturkur der Stadt und ihrer Museumsinstitutionen zu sein?


Festival Ars Electronica
Linz
31. August bis 6. September \ http://www.aec.at/news/


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