» Texte / Individuelle Adaption als natürliche Form des Stadtwachstums

Silvester Kreil

Student an der Akademie der bildenden Künste Wien - Institut für Kunst und Architektur. Beschäftigt sich mit den Themen Raum, Grenzen und Territorien in urbanen Feldern und Stadträumen.


Das Jahr 1963 schreibt sich mit Brutalität in die Stadtgeschichte Skopjes ein, beinahe 80 Prozent der bestehenden Bausubstanz werden durch ein Erdbeben zerstört. Eine Katastrophe, die internationale Solidarität und den Bau von vorgefertigten Häusern rund um die zerstörte Stadt nach sich zog. Etliche Länder errichten in diesem solidarischen Prozess des Wiederaufbaus Unterkünfte nach eigenen Designprinzipien und exponieren so auch die Identität der eigenen Baukultur in Skopjes zukünftigem Stadtbild. Die damals neu entstandenen Siedlungen, unter anderem mit Beteiligung von West- und Ostblock, sind auch der Ausgangspunkt des Buches. Dabei wird allerdings weniger die historische Betrachtung dieser Versuchsanordnung betrieben, sondern die nachfolgenden Adaptionen der Häuser durch die BewohnerInnen, in den Mittelpunkt gerückt.
Zweifelsohne entstand in den Jahren zwischen 1963-65 und den über 50 nachfolgenden, wenn wohl auch eher zufällig, eine einzigartige urbane Exemplarsituation, bei der viele Faktoren relevant waren. Ob nun die seinerzeit großzügig angelegten Grundstücke, die Duldung der informellen An- und Umbauten oder die Möglichkeit für die BewohnerInnen die Häuser in den 1970er Jahren günstig zu erwerben. Das Buch von Katharina Urbanek und Milan Mijalkovic kann als Spurensuche verstanden werden, die in ein bisher wenig untersuchtes Kapitel der Mazedonischen Hauptstadt eintaucht.
In den 55 Jahren seit dem Unglück sind die Häuser mit den Bedürfnissen ihrer BewohnerInnen und den gesellschaftlichen Maßstäben mitgewachsen. Die AutorInnen beleuchten in ihrem Buch eine Auswahl der damals gebauten ausländischen Beiträge, wie die genormte Ursprungsarchitektur angepasst wurde und vor allem auch die Geschichten der BewohnerInnen selbst. Ein Katalog von selbstgemachten Transformationen die aus ehemals temporären Notunterkünften individualisierte Eigenheime werden ließen. Exemplarisch werden sechs Häuser und ihre Biographien herangezogen.
Die gezeigten Beispiele sind ein Querschnitt durch die vielfältigen Herangehensweisen der BewohnerInnen, die verschiedenen Umstände und jetzt-Zustände. Persönlich und ungeschönt zeigt uns das Buch die positiven Erfahrungen wie auch die zahlreichen Unzulänglichkeiten und Probleme, die mit der oftmals schlechten Bausubstanz einhergehen. Die Publikation kann auch als Analyse des modernistischen Optimismus der 1960er Jahre gesehen werden, Fragen zur individualistischen Adaption universeller Planungsstrategien beantworten uns dabei die tatsächlichen NutzerInnen.
Den AutorInnen gelingt eine sehr präzise Darstellung einer gewachsenen städtischen Sondersituation. Vor allem sind es aber die persönlichen, ja oftmals intimen Porträts der BewohnerInnen, die gleichzeitig auch die AutorInnen ihres eigene Umfelds sind, die dieses Buch besonders machen. Mit ergänzendem Planmaterial wird eine informative und reduzierte Ebene hinzugefügt, ein dadurch drohender Überhang zum Pragmatischen jedoch umgehend durch die sorgfältig beschreibenden Bilder abgewandt. Die Ablichtungen der umgestalteten Innen- und Außenräumen zeigen, dass architektonische Planung auch immer nur ein Anbieten von Möglichkeiten sein kann. Angenehm fällt auch die grafische Gestaltung des Buches auf. Wenn man nach Lektüre sucht, die ein wissenschaftliches Thema lesefreundlich und persönlich verpackt, wird man bei Pre / Fabric fündig.

Milan Mijalkovic und Katharina Urbanek
Pre / Fabric – The Growing Houses of Skopje
Klagenfurt: Wieser Verlag,, 2018
175 Seiten, ca. 30,- Euro


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