Elke Rauth

Elke Rauth ist Mitglied des Vorstands von dérive - Verein für Stadtforschung.


Am Anfang war der Bus. Knallrot. Ein bisschen altmodisch mit seinen runden Formen, ein bisschen rotzig mit seiner signalroten Lackierung. Unübersehbar in großen, weißen Lettern aufgesprüht das titelgebende Motto: RebellInnen!

Zum Geschichten erfahren mit dem Omnibus laden die Kunstvermittlerinnen von trafo K. gemeinsam mit zahlreichen lokalen Ko­operationspartnerInnen, KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen im Rahmen des europäischen Kulturhauptstadtjahres Linz 09. Mit drei thematischen Bustouren knüpfen sie ein dichtes Netz aus Linzer Geschichte und Geschichten, die jenseits des Alltäglichen auf prekäre Alltagssituationen im Gestern und Heute verweisen. Stadt als primär sozialer Raum, Stadt als fein gesponnenes Netz menschlicher Daseinsformen zwischen Existenz- und Arbeitskampf, zwischen feministischem Aufbegehren und Einforderung sozialer Rechte. Schicht für Schicht legen die Stadterkundungen mittels Texten, Tonaufnahmen, künstlerischen Interventionen, Musik, Performances und geführten Zwischenstopps Wissen frei, verweisen auf die lange Geschichte von sozialen Kämpfen in der von Industrie geprägten ehemaligen „Lieblingsstadt des Führers“ und knüpfen fließend Verbindungen von lokal zu global und von damals zu heute.

Demonstration, Streik, Rebellion

Von einem Kampf zum Anderen lautet der Titel jener Tour, die sich den unterschiedlichen Formen von Protest widmet. Gemeinsam mit einer Gruppe der Gewerkschaftsjugend Oberösterreich wurde eine Auseinandersetzung mit Fragen rund um Arbeitskämpfe aus Vergangenheit und Gegenwart gestartet. Mit Unterstützung der Kulturwissenschaftlerin Vida Bakondy, der Künstlerin Eva Egermann und der Dramaturgin Marty Huber förderte die Recherche der Jugendlichen „Songs, Gedenktafeln und mediale Repräsentationen“ zu Tage, die in eine „experimentelle Bustour“ mündeten, die sich „Formen des Protests, Ausschlüsse und Marginalisierungen“ zum Thema macht.

Station eins der Tour bildet die Linzer Tabakfabrik, ein „traditionell feminisierter Arbeitsort“, deren 1935 errichtetes Hauptgebäude eines der bedeutendsten Industriedenkmäler Österreichs darstellt. Ihre Schließung Ende 2009 beendet übrigens das Kapitel der Tabakerzeugung in Linz. Das 38.000 m2 große Areal sicherte sich jüngst die Stadt selbst um 20,4 Millionen Euro, um „Spielraum für die Stadtentwicklung zu gewinnen.“ Nach der Arbeiterkammer, wo Formen legaler und illegaler – sprich: außerhalb des gewerkschaftlichen Rahmens durchgeführter – Proteste thematisiert werden, führt die Route zu ehemaligen Arbeiterheimen der VOEST, ab 1990 zur Flüchtlingsunterbringung genutzt, wo das Recht auf Arbeit, Recht auf Aufenthalt und die große Frage, wer eigentlich Zugriff auf diese Rechte besitzt, zur Sprache kommen. Den Abschluss bildet ein Schwenk hin zur Frauenbewegung der 1970er-Jahre und ihrem Kampf um Sichtbarkeit im öffentlichen Raum.

Hast Du Papiere?

„Arbeit und Migration, staatliche Regulierung und Formen der Selbstermächtigung“ standen im Zentrum der (leider!) bereits abgeschlossenen Bustour Papiere, Arbeit, Aufenthalte, die StudentInnen der Kunstuni Linz gemeinsam mit Radio FRO, den KünstlerInnen Alexander Jöchl, Stefanie Seibold und Marty Huber entwickelten. Nachgegangen wurde den Feldern „Migrantinnen in der Sexarbeit“ und dem generellen Zusam­menhang von „Frauen.Arbeit.Migration“. Auf der „Route der Regulierungen“ bekamen die TeilnehmerInnen Einblicke in „strukturelle Rassismen, Normierungen und Ausschlüsse in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern“. Denn – so hoffentlich auch der Erkenntnisgewinn der Tour-Gäste – „Linz ist nicht gleich Linz, je nachdem ob jemand das Recht auf Rechte hat, oder eben nicht.“

Her mit dem ganzen Leben!

„Unsichtbare feminisierte Arbeitsfelder entlang der Geschichte der Textilindustrie“ bilden den Ausgangspunkt der dritten Spurensuche Kämpfen, sticken und Rosen, die sich „feministischen Kampfgeschichten und alternativen Produktionsformen in Linz“ widmet. Entwickelt von der Künstlerin Dagmar Höss, der Wissenschaftlerin Elke Gaugele, Marty Huber und Studentinnen der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz entstand eine Tour, die mittels tiefer Einblicke in Arbeitsbedingungen und die Entwicklung der Arbeiterinnen-Bewegung einen Bogen zum Gender-Pay-Gap und den so genannten „Frauenberufen“ über die Auslagerung der Arbeit in „Billiglohnländer“ und Ausbeutung in Sweatshops bis hin zur Entwicklung alternativer Produktionsformen spannt. Allen Touren eigen ist die facettenreiche Aufarbeitung und mannigfaltige Präsentation (echt WOW z. B. Mieze Medusas live Poetry Slam-Einlagen im Bus), die zum Lachen anregt und nachdenklich macht, ohne Zeigefinger auskommt und vielleicht gerade deshalb nachhaltige Wirkung zu entfalten vermag. Mit RebellInnen! gelingt trafo K. Kulturvermittlung, die weit über die übliche Kulturszene hinausreicht. Eine Empfehlung.

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RebellInnen!
Geschichten erfahren mit dem Omnibus
Bis 3. Oktober 2009, Sa von 14 bis 18 Uhr
Info und Tickets: http://www.linz09.at


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