» Texte / Unterwegs mit Schildkröte und Kamera

Michael Klein

Michael Klein lebt und arbeitet in Wien. Er hat in Wien und Paris Architektur studiert und arbeitet als Lehr- und Forschungsbeauftragter an der TU Wien.


Mit Liebe zur Stadt beschrieb der Historiker Jacques Le Goff einmal die aktive Teilhabe im Verhandlungsprozess zwischen den vielfachen Widersprüchlichkeiten und Differenzen, die das städtische Zusammenleben ausmachen. Ich weiß nicht, ob Le Goff Pate stand bei der Titelgebung dieses Buches, das sich vorgenommen hat, einen Teil dieser Widersprüchlichkeiten sichtbar zu machen. Vermessung einer Liebe zur Stadt trifft es aber gut, als dass das Buch anhand einer Untersuchung der Bilder von der Stadt den städtischen Wandel Wiens auslotet und die ihm zugrundeliegenden Prozesse – die von den sozialen und wirtschaftlichen Differenzen des städtischen Alltags zeugen – deutlich macht.
Sechs kurze Essays behandeln das Bild von Wien. Es sind Texte, die sich eingehend der eigenen Stadtwahrnehmung und ihrem Werden widmen, von einem Urbanisten, der auf diese Weise die letzten sieben Dekaden Wiens in eigenen Worten nachzeichnet, Texte über das Fotografieren in und von Städten. An Paris geschult und einer französischen Theorietradition der Stadtbeschreibung, nicht zuletzt auch Walter Benjamin verpflichtet, durchstreift Rudolf Kohoutek Wien und verhandelt Bilder der Stadt jenseits der gängigen touristischen Klischees, die Aufschluss geben über die Räume des Zentrums, der Vorstadt und der Peripherie, von Hoch-, Sub- und Gegenkultur.
Der weitaus größere Teil des Buches aber zeigt Fotografien von Wien: alte Portale, Erdgeschoßlokale, die leer stehen, Hausfassaden, von denen der Putz abfällt, bemalte Schaltkästen und Leitungen, verwaiste Hinterhöfe und halb fertig gestellte Miniaturarchitekturen, die fast kleinen Skulpturen glichen, wären sie welche – Bilder von einer Stadt, die immer ein wenig kaputt, ein wenig adaptiert und hergerichtet, im ständigen Umbau erscheint, Bilder vom »ästhetischen Mehrwert des Verfalls«. Dem Buch deshalb eine romantisch verklärte Sehnsucht nach dem Gestern zuzuschreiben, wäre aber mehr als fehl am Platz: Denn Kohouteks Bilder zeigen Ausschnitte von Wien, die ab 2008 aufgenommen wurden, also kurz bevor und während eine Investitionswelle über die Stadt rollte, die scheinbar aus jedem noch so erbärmlichen baulichen Überbleibsel der Gründerzeit lukrative Mieten zu schlagen trachtete, nachdem dieses modernisiert und sein zerbröselndes Antlitz geglättet wurde; oder dort, wo das nicht mehr möglich war, durch neue Gebäude ersetzte. Seine Kritik an den Verhältnissen wird deutlich in der Wiederholung von Variationen, an denen sie sich abarbeitet, sie wird dabei aber nie laut, schreierisch, sondern bleibt in ihrem Vorgehen vielmehr klar und präzise. Kohoutek setzt seine Bilder nur selten und gezielt dynamisch in Szene, ansonsten ist sein Blick eher der eines Vermessers: Die Fotos sind Frontalperspektiven, die, oft parallel zur Fassade aufgenommen, analytisch abbilden, wie Haus oder privater Raum der Stadt gegenüberstehen, in Konflikt treten, bisweilen versuchen, sich gegenseitig einzuverleiben. Menschen selbst sind nur selten zu sehen, vielmehr sind es die Spuren von Besitzverhältnissen, von Zuständigkeiten und Nichtzuständigkeiten, die sie im genauen Blick in den Oberflächen und Architekturen abbilden. Im Buch treten sie, geordnet in die fünf Kategorien Erdgeschoße, Historismen, Surrealismen, Heterotopien und Materialien, auf. Eine solche Einteilung könnte trocken und zwanghaft wirken, tatsächlich folgt sie im Buch jedoch einer Unordentlichkeit, die nur die Stadt bieten kann und aus der das Buch auch seinen Reiz zieht.
In den 1840er Jahren, schrieb Walter Benjamin in seiner Schilderung des Flaneurs im Passagenwerk, sei es vornehm gewesen, eine Schildkröte mit sich zu führen, »das gebe einen Begriff vom Tempo des Flanierens in den Passagen«. In der Schildkröte zeichnet sich allerdings nicht nur die Notwendigkeit des Langsamen ab: Für den Flaneur, der bei Benjamin immer mehr ist als ein dandyhafter Großstadtspaziergänger, einer, der dank seiner Wahrnehmung in der Lage ist, den städtischen Alltag zu lesen und zu entschlüsseln, markiert die Schildkröte einen regelrechten Perspektivenwechsel. Denn Erkenntnis über die Stadt ist nicht länger den Herrschenden vorbehalten, jenen, die über den gottgleichen Blick von oben verfügten, auf dem auch der Plan aufbaut, sondern im Blick von unten zu suchen, in den Niederungen des Alltags. Dieser Perspektivenwechsel sollte zentral bleiben für sämtliche Formen des situativen Herumstreifens, von den Dérives der S.I. bis hin zu den Wanderungen von Stalker/Osservatorio Nomade und anderen Stadtstreunerinnen, in deren Tradition gewissermaßen auch die Arbeit Kohouteks steht. Auch Wiener Grund folgt dieser Haltung: es bietet keine pittoreske Aussicht, keinen Überblick über Wien, sondern bleibt am Boden – und zwar in jener Realität, die notwendig ist, eine Kritik der politischen Ökonomie der Stadt entlang ihrer Häuserkanten und Fassaden zu entwerfen. Rudi Kohouteks Schildkröte und wichtigstes Instrument ist hier seine Kamera: gehen, warten, schauen, den Kopf hervorstrecken, denken – und weitergehen.


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