Nicole Kirchberger


Public Space Unbound: Urban Emancipation and the post-political Condition, ein von Sabine Knierbein und Tihomir Viderman vom an der Wiener TU angesiedelten Arbeitsbereich SKuOR (Stadtkultur und öffentlicher Raum) herausgegebener Sammelband, bringt eine Vielzahl von WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Disziplinen mit dem Ziel zusammen, Urbanisierungsprozesse im Kapitalismus und spezifische emanzipatorische Praktiken aufzuzeigen und zu reflektieren. Der Sammelband fragt in diesem Kontext nach emanzipatorischen Praktiken in Zeiten des Postpolitischen – der zunehmenden Entpolitisierung und Erosion der Demokratie und folglich einer geschwächten öffentlichen Sphäre. Ausgehend von der marxistischen Unterscheidung zwischen politischer Emanzipation (z. B. Wahlrecht) und sozialer Emanzipation (z. B. mehr Verteilungsgerechtigkeit) beschreiben die Texte dieser Anthologie gelebte Räume auf der Grundlage von Henri Lefebvres Theorie der räumlichen Produktion und fragen dabei nach realer und im alltäglichen (urbanen) Leben praktizierbarer Emanzipation. Städte und Siedlungsräume werden in diesem Zusammenhang aufgrund ihrer hohen Dichte an sozialen Interaktionen als besonders relevant für emanzipatorische Praktiken eingestuft. Die Vielzahl der diskutierten emanzipatorischen Praktiken verdeutlicht, dass die einfache Gegenüberstellung eines hegemonialen Staates und einer ungehorsamen Öffentlichkeit nicht immer hält.
Zusammen mit einer Einführung und einer Schlussfolgerung umfasst die Anthologie sechzehn Beiträge und zeigt empirische, konzeptionelle und methodologische Ansätze an einer Vielzahl von Orten. Im ersten von vier Teilen des Buches, Everyday Emancipation, beschreibt Gabriella Esposito de Vita in ihrem Beitrag etwa, wie staatliche Verordnungen die Wiederverwendung von enteigneten Besitztümern in mafiakontrollierten Gebieten in Süditalien unterstützen können. So ein Vorgehen fördert die Wiederbelebung von Nachbarschaften durch emanzipatorische Zusammenarbeit zwischen privaten, öffentlichen und zivilgesellschaftlichen AkteurInnen.
Im Abschnitt Practical Emancipation untersuchen AutorInnen die Verbindung zwischen Emanzipation und räumlicher Praxis und beschreiben konkrete Werkzeuge und Wege der Emanzipation. Anhand städtischer Governance-Projekte in Helsinki werden Beispiele für Partizipation in Nachbarschaften aufgezeigt und die Rollen von Horizontalität – Schaffen von horizontalen Beziehungen – und Vertikalität – Artikulieren von Forderungen – innerhalb dieser Prozesse beschrieben.
Im dritten Abschnitt, Critical Emancipation, wird Emanzipation als Möglichkeit verstanden, Raumplanungs- und Urban-Design-Prozesse zu kritisieren, um zu einer angemesseneren Auseinandersetzung mit betroffenen Gruppen und Öffentlichkeiten zu gelangen. Angelika Gabauer formuliert etwa eine Kritik an kommunikativen Planungspraktiken, die betont, dass Konflikt und soziale Spaltung wesentliche Merkmale von Planungsprozessen in pluralistischen Gesellschaften sind. Sie betont, dass es wichtig ist, Machtverhältnisse innerhalb von Planungsprozessen anzuerkennen und nicht zu verschleiern.
Der letzte Abschnitt untersucht unter dem Titel Active Emancipation das Spannungsfeld aus aktiver Emanzipation und strukturellen Zwängen. Im Zusammenhang mit der Krise in Griechenland analysieren die AutorInnen Evangelia Athanassiou, Charis Christodoulou, Matina Kapsali und Maria Karagianni positive, aber auch negative Aspekte neuer Formen der Verwaltung, Entwicklung und Nutzung des öffentlichen Raums. Das Buch schließt mit dem Slogan: Emanzipation ist real, Emanzipation wird praktiziert, Emanzipation ist wichtig, Emanzipation wird gelebt.
Der Sammelband eignet sich sehr gut als Lektüre für UrbanistInnen, StadtentwicklerInnen und PlanerInnen, aber auch für alle anderen AkteurInnen emanzipatorischer Praxis, weil er die Prozesse räumlicher Veränderung widerspiegelt. Der Text bietet Anregungen für mögliche emanzipatorische Praktiken sowohl in der Planung als auch in der akademischen Praxis. Das kann eine kritische (Entwurfs)Praxis inspirieren, die emanzipatorisches Potenzial bei der Produktion von öffentlichen Räumen fördert. Der Überblick über die akademischen Diskussionen der Themen Emanzipation und postpolitische Bedingungen in der Planung wird empirisch mit detaillierten Fallbeispielen und profundem Verständnis lokaler Kontexte unterstützt.
Der Schreibstil könnte zuweilen zugänglicher und klarer strukturiert sein, um auch LeserInnenschaften jenseits des akademischen Umfelds anzusprechen. Das Hauptdilemma, dass diejenigen, die um Emanzipation ringen, zu den Objekten der Emanzipationsforschung werden, sollte in den meisten Texten des Buches klarer thematisiert werden. Die LeserInnen erhalten Einblick in die Dilemmata und die facettenreiche Natur emanzipatorischer Kämpfe in der räumlichen Produktion. Dass die Produktion von Wissen auch hier neue Machtgefälle erzeugen kann, wird in einigen Fällen positiv gewendet – wenn die WissenschaftlerInnen beispielsweise »Action Research« betreiben und sich aktiv in emanzipatorische Kämpfe einbringen oder WissenschaftlerInnen den Nutzen ihres Forschungsprojekts für den untersuchten emanzipatorischen Kampf erklären. Bei diesen Beiträgen wäre es interessant, noch mehr über das Verhältnis der AutorInnen zu den AkteurInnen in ihren Texten zu erfahren und über den konkreten Nutzen dieser Texte im jeweiligen Kampf um Emanzipation. Bei anderen Beiträgen drängt sich die Frage auf, ob die akademische Wissensproduktion sich nicht gerade in diesem Themenfeld noch deutlicher von vorgegebenen Formaten der Wissensproduktion emanzipieren sollte, um sich aktiver und intensiver in die Kämpfe um den öffentlichen Raum einzubringen. In diesem Sinn, so heißt es auch im Schlusskapitel des Buches: Urban Emancipation Now!

Knierbein, Sabine & Viderman, Tihomir (Hg.): Public space unbound:
urban emancipation and the post-political condition
New York / London: Routledge, 2018 
292 Seiten, englisch, 113,– EUR (Print), 27,– EUR (eBook)


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