Elke Rauth

Elke Rauth ist Mitglied des Vorstands von dérive - Verein für Stadtforschung.


Teppichhandel, um 1970; © Privat.
Teppichhandel, um 1970; © Privat.

Schon der Titel stemmt sich gegen nach wie vor geläufige Stereotype vom fahrenden Volk: Romane ThanaOrte der Roma und Sinti nennt sich die aktuelle Ausstellung des Wien Museums zur weit zurück reichenden Geschichte der Roma in Österreich, im Speziellen jener in Wien und dem Burgenland. 20 Jahre nach dem verheerendem Bombenanschlag gegen die Volksgruppe der Roma im burgenländischen Oberwart, öffnet sich das Wien Museum dieser »überfälligen Ausstellung« wie Direktor Wolfgang Kos im Vorwort zum Katalog anmerkt. In Kooperation mit dem Landesmuseum Burgenland, der Initiative Minderheiten und dem Romano Centro sucht die Kuratierung Wege, nicht über, sondern von Roma zu erzählen und damit die AutorInnenschaft an die im Mittelpunkt stehenden Angehörigen der heterogenen und vielfältigen Gemeinschaft der Roma und Sinti zu übergeben.
Ein Weg dazu führt in der Ausstellung über elf zentrale Beiträge von AutorInnen unterschiedlicher Roma-Communities. Die als Inseln im Raum platzierten Thementische behandeln bekannte und unbekanntere Lebensorte in sehr persönlichen Auseinandersetzungen: Die Oberwarter Roma-Siedlung, durch den Bombenanschlag von 1995 als erschütterndes Symbol für die tödlichen Auswüchse eines weit verbreiteten Antiziganismus im kollektiven Gedächtnis Österreichs verankert, steht zweimal im Mittelpunkt. Stefan Horvath portraitiert entlang seiner 2013 erschienenen Publikation Atsinganos BewohnerInnen und ihr Leben als Oberwarter Roma, Manuela Horvath thematisiert anhand von Video-Interviews, Fotos und einer Erzählung das Attentat selbst.
Mit Floridsdorf als Romano Than der Wiener Lovara, die sich in den 1920er Jahren als Pferdehändler aus Ungarn entlang der Alten Donau niederließen, präsentiert Willi S. Horvath die Geschichte seiner Familie. Eine Erzählung der großen Höfe für die Pferdezucht, des Wohlstands der angesehenen Pferdehändler, der Ausgelassenheit beim Feiern im nach wie vor bestehenden Traditionsgasthaus Birner, der Verfolgung und Ermordung im Nationalsozialismus, des automobilgetriebenen Strukturwandels vom Pferde- zum Teppichhandel sowie der tiefen Verwurzelung in Floridsdorf und den angrenzenden Wiener Stadtteilen. Und er erzählt die Geschichte einer rasanten Stadtentwicklung, die den naturwüchsigen Bezirk jenseits der Donau aus den Kindertagen von Willi S. Horvath, ebenso wie das Leben der Lovara deutlich verändert hat.
Rabie Peric´ und Zˇaklina Radosavljevic´ rücken die Arbeitsmigration aus Ex-Jugoslawien ins Rampenlicht, mit der zahlreiche Angehörige der Roma nach Österreich gekommen sind. Die Wiener Krankenhäuser, wo viele Roma als Reinigungskräfte ihre erste Anstellung fanden, und oft als VermittlerInnen und ÜbersetzerInnen zwischen medizinischem Personal und Patientenschaft fungierten, ebenso wie die Hausmeisterwohnung, als klassische Verschränkung von Arbeit und Wohnen, werden so zu Romane Thana. Barka Emini schließt mit der Geschichte ihrer Familie an die Migrationsgeschichten an und thematisiert sowohl den unterschiedlichen Stellenwert der kulturellen Zugehörigkeit wie auch verschiedene Integrationsstrategien, die familiär nicht immer konfliktfrei einhergehen.
Jenseits einer Verortung im realen Raum finden sich die Romane Thana von Tamara und Manuel Weinrich sowie Gilda-Nancy Horvath: Erstere spüren der Geschichte einer Komposition ihres Vaters Robert Weinrich nach, dessen Liebeslied Gawa Diwis eine erstaunliche Reise als Kirchenlied eines christlichen Missionswerks nach Frankreich machte und es in einer weiteren Version bis in die USA schaffte. Gilda-Nancy Horvath beschäftigt sich mit dem virtuellen Raum des Internets als Ort der Selbstdarstellung und Selbstorganisation der heterogenen Communities – und damit als Ort der Selbstermächtigung jenseits bestehender Fremdzuschreibungen.
Berührend zeigen sich zwei künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Trauma der NS-Zeit und der Geschichte der Diskriminierung: Mit Der Rock meiner Mutter setzt sich Lilly Habelsberger mit den Ängsten und Traumata ihrer Mutter, einer KZ-Überlebenden, und den daraus resultierenden Prägungen in der Beziehung zwischen Mutter und Tochter auseinander. Robert Gabris macht die Tätowierungen auf der Haut seines Vaters zum Ausgangspunkt einer Bilderserie, die von Verletzungen, Sehnsüchten und Verzweiflung erzählt. Gerahmt werden diese und noch einige andere Beiträge aus der Roma-Community mit historischem Material, das einerseits die lange Verwurzelung in Österreich deutlich macht, andererseits eine ebenso lange Geschichte der Diskriminierung ins Bewusstsein ruft. Die Forschungs- und Materiallage scheint mehr als dürftig und ist in weiten Strecken von einschlägigen Fremdbildern bestimmt. Selbst die vergleichsweise noch relativ gut erforschte Geschichte des NS-Genozids an den österreichischen Roma und Sinti sei in vielen Teilen noch nicht geschrieben, merkt auch die Ethnologin und Geschäftsführerin des Vereins Romano Centro, Andrea Härle, in ihrem Katalogbeitrag an.
Der stigmatisierende Blick von außen bleibt übermächtig, wenn Zeugnisse des Lebens von Roma und Sinti zu einem großen Teil aus Polizeifotos und -protokollen, Amtsbriefen, Gesetzeserlässen, rassenhygienischen Dokumentationen oder auch Fotoserien bestehen, die mit exotisierendem Gestus das vermeintlich andere Leben der Zigeuner dokumentieren. Das macht die Präsentation im Wien Museum mehr als deutlich und leistet damit einen ersten Anstoß für notwendige Forschung und weitere museale Beschäftigung.
Insgesamt macht die Ausstellung neugierig auf mehr, denn sie eröffnet zahlreiche Blickwinkel. Sie hinterlässt aber auch viele Fragen, insbesondere was aktuelle Debatten in den österreichischen Communities und internationale Entwicklungen angeht. Nach wie vor belegen Arbeitsmarkt- und Bildungsdaten aus Österreich die eklatant schlechtere Situation von Angehörigen der Roma-Minderheit im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung. Europaweit befindet sich die Diskriminierung von Roma und Sinti unter dem Schlagwort Antiziganismus auf einem konstant hohen Niveau und erhält speziell seit der Finanzkrise über die mediale Debatte zur Armutsmigration neue Nahrung. Einige dieser Entwicklungen werden im Katalog thematisiert, der als inhaltliche Ergänzung und zur Vertiefung zu empfehlen ist. Führungen und zwei Stadtexpeditionen nach Floridsdorf auf den Spuren der Lovara ergänzen das Programm. Der Anfang wäre gemacht.


Ausstellung
Romane Thana
Orte der Roma und Sinti
Wien Museum Karlsplatz
Bis 17. Mai 2015, Di - So, 10-18 Uhr


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