Iris Meder


Mihajlo Mitrović, Genex Center, 1970 — 80, Foto: S. Ralić
Mihajlo Mitrović, Genex Center, 1970 — 80, Foto: S. Ralić

Mit ihrer Ausstellungsreihe »Architektur im Ringturm« macht sich die Wiener Städtische, seit einiger Zeit Vienna Insurance Group genannt, seit Jahren um die Dokumentation moderner Architektur in Mittel- und Osteuropa verdient. Der programmatische Schwerpunkt ist dem Engagement der Versicherung in den neuen und künftigen EU-Mitgliedsstaaten zu verdanken. Unter der kuratorischen Leitung von Adolph Stiller entsteht hierbei eine Ausstellungs- und vor allem auch Publikationsreihe zu Einzelpersönlichkeiten (etwa Bohuslav Fuchs oder Iwan Leonidow) bzw. der Entwicklung der architektonischen Moderne in historischen Gebieten, Staaten oder schwerpunktmäßig deren Hauptstädten, wie mit Rumänien, Kroatien, Slowenien, Polen, Bulgarien, Tirana oder jetzt Belgrad. Stets in Zusammenarbeit mit kompetenten Kuratoren und Kuratorinnen aus den jeweiligen Ländern erarbeitet, schließen die Projekte teilweise nicht nur Lücken in der deutschsprachigen bzw. internationalen Literatur, sondern auch in der Aufarbeitung im Land selbst. Einige der begleitenden Publikationen sind daher sinnvollerweise zweisprachig.
Auch zu jugoslawischer bzw. serbischer Architektur des 20. Jahrhunderts ist die hierzulande verfügbare Literatur überschaubar. Neben Mihajlo Mitrovićs in den 1980er Jahren erschienenem kleinem Führer Modern Belgrade Architecture ist vor allem Ljiljana Blagojevićs 2003 erschienenes Standardwerk Modernism in Serbia zu erwähnen, nicht zu vergessen die Publikationen Udo Kultermanns wie der 1985 erschienene Band Zeitgenössische Architektur in Osteuropa.
Der Blick auf den geografischen Fokus Belgrad ist in jedem Fall lohnend, zum Beispiel auf den nach dem Zweiten Weltkrieg als ambitioniertes städtebauliches Projekt ähnlich wie Novi Zagreb und Bratislava-Petržalka neu angelegten Stadtteil Novi Beograd. Weitgehend unbekannt sind hierzulande auch noch die Werke von Ivo Antić aus den sechziger Jahren, etwa das Museum zeitgenössischer Kunst und das dreieckige Café des Sportzentrum 25. Mai am Zusammenfluss von Donau und Save, das vor kurzem vom jungen Büro 4of7 zu einem Fitness-Center umgebaut wurde.
Aufschlussreich ist die Ausstellung gerade im Vergleich mit denen zu Slowenien und Kroatien. Überschneidungen zwischen dem gebauten Erbe der Moderne in den neuen Staaten Ex-Jugoslawiens verstehen sich von selbst. Wenig überraschend liegen gemeinsame Quellen um die Jahrhundertwende in den Ateliers und Hochschulen von Prag und Wien. Noch in den zwanziger und dreißiger Jahren bauten in Belgrad auch Wiener Architekten der Moderne, zahlreiche Aufträge hatte auch der Wiener Gartenarchitekt Albert Esch. Einflüsse der Loos-Schule kamen von den Kroaten Hugo Ehrlich, Anton Ulrich und Zlatko Neumann, die in der neuen Hauptstadt bedeutende Projekte wie die Union-Bank und das jugoslawische Regierungsgebäude realisierten. Beide sind in der Ausstellung mit Plänen und Fotografien gut dokumentiert. Bauten wie Jože Plečniks Antoniuskirche blieben indes Episode.
Bezeichnend ist das Werk von Milan Zloković, der, geboren in Triest, Einflüsse der italienischen Moderne nach Serbien brachte, etwa mit der 1935 — 40 entstandenen Belgrader Kinderklinik. Ein anderes Beispiel wäre Nikola Dobrović, auch er sowohl serbischer Architekt wie auch Repräsentant des kroatischen Funktionalismus. Geboren in Pécs, wo sein Bruder während der kurzen ungarischen Räterepublik nach dem Ersten Weltkrieg Bürgermeister war, und ausgebildet in Prag, zog Dobrović in den dreißiger Jahren nach Dubrovnik, wo seine von Le Corbusier beeinflussten Hauptwerke entstanden, neben einigen glamourösen Villen vor allem das heute leerstehende und verfallende Grand Hotel auf der Insel Lopud. In Prag realisierte er das Masaryk-Krankenhauszentrum und ein elegantes Wohn- und Geschäftshaus am Wenzelsplatz. Ein beeindruckendes Belgrader Spätwerk ist das 1963 entstandene Generalštab -Gebäude, das die Ausstellung mitsamt seiner durch die Bombardements des Balkankrieges geschlagenen offenen Kriegswunden präsentiert.
Ähnliche Geschichten lassen sich natürlich auch über die aus Brünn, Troppau, Pirnitz, Preßburg und Walachisch-Klobouk stammende Wiener Architektur erzählen. Dennoch zeigt gerade der Blick auf die Belgrader Moderne exemplarisch die enge Verflechtung kulturgeschichtlicher Entwicklungen im Europa des 20. Jahrhunderts und ihre Fortführung bis in die Gegenwart, deren politischer status quo eine Trennung in serbisch, kroatisch, slowenisch etc. verlangt.
Noch heute zeigt die heterogene Bausubstanz der Stadt, die auch Persönlichkeiten wie Ivo Andrić, Ivan Ivanji und Bogdan Bogdanović hervorgebracht hat, als Teil ihrer Geschichte und Gegenwart Wunden der Bombardements aus dem Jugoslawien-Krieg, gerade an Militär- und Regierungsgebäuden wie dem Generalštab. 1989 hatte die Rezensentin Gelegenheit, den 1999 durch NATO-Bombardements schwer beschädigten Art-Déco-Bau des Luftwaffen-Oberkommandos von Dragiša Brašovan von innen zu sehen, als sie nach dem verbotenen Fotografieren des Komplexes vorübergehend festgenommen und im Gebäude verhört wurde. Aber das ist eine andere Geschichte. Eigentlich: nein, es ist ein und dieselbe Geschichte.


Ausstellung
Belgrad
Momente der Architektur
Kurator: Adolph Stiller
Ausstellungszentrum im Ringturm
19. Juli 2011 bis 11. November 2011


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