» Texte / Vom elitären Amusement zum urbanen Lebensstil

Bernhard Hachleitner

Bernhard Hachleitner lebt als Historiker und Kurator in Wien.

Matthias Marschik

Matthias Marschik ist Kulturwissenschaftler und Historiker und Lehrbeauftragter in Wien, Klagenfurt, Salzburg und Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sport und Bewegungskultur, individuelle und kollektive Identitäten, Alltagskulturen.

Michael Zappe

Rudolf Müllner


In den letzten Jahrzehnten setzte ein Imagewandel des Fahrrades und ein Umdenken in der Verkehrspolitik vieler europäischer Städte ein – auch im nicht unbedingt als Fahrradstadt bekannten Wien. Wurde das Fahrrad lange Zeit keineswegs als alltägliches Verkehrsmittel gesehen, so werden gegenwärtig vonseiten der Stadt Wien gezielte Maßnahmen zur Radverkehrsförderung gesetzt. Das Jahr 2013 wurde zum Radjahr erklärt, von 11. bis 14. Juni tagt die internationale Velo-City Konferenz in Wien. Die Zahl an RadfahrerInnen steigt – getragen vom Image des Fahrrads als Symbol eines urbanen Lebensstils, von einem neuen Bewusstsein für innerstädtische Mobilität und nachhaltiges Handeln. Erklärtes Ziel ist ein 10-Prozent-Anteil des Radverkehrs am Gesamtverkehrsaufkommen bis 2015. Bereits um 1900 erfasste die WienerInnen kurzzeitig eine regelrechte Rad-Euphorie, dem Fahrrad wurde damals auch in Bezug auf die Zukunft des Stadtverkehrs große Bedeutung zugesprochen. So schreibt Theodor Herzl 1896 in der Neuen Freien Presse: »Schon ist klar, wie das Fahrrad gewaltig auf die Zustände der Menschen einwirken, wie es das Aussehen der Städte und viele Bedingungen unseres Lebens verändern muss.« (Zit. nach Sándor Békési, S. 16). Bis heute leistet das Fahrrad in Wien zwar noch keinen derart »wesentlichen Beitrag zur Stadtikonographie« (Bernhard Hachleitner) wie etwa in Amsterdam oder Kopenhagen, dennoch hat das Rad und haben insbesondere auch dessen NutzerInnen, die FahrradfahrerInnen, das Bild der Stadt nicht erst in den letzten Jahrzehnten geprägt und mitgestaltet. Einen Blick auf die knapp 200-jährige Geschichte des Radfahrens in Wien präsentieren nun die Wienbibliothek im Rathaus und der Metro-Verlag mit dem Buch Motor bin ich selbst. 200 Jahre Radfahren in Wien. Zielsetzung ist, wie die Direktorin der Wienbibliothek im Rathaus Sylvia Mattl-Wurm schreibt, das Aufzeigen des »vielfältigen Zusammenhangs des Radfahrens mit städtischer Kultur über den Aspekt der Verkehrspolitik hinaus.« Die Herausgeber Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik, Rudolf Müllner und Michael Zappe zeichnen gemeinsam mit 17 AutorInnen – verschiedenster Disziplinen – ein vielstimmiges Bild der Geschichte und Kultur des Fahrradfahrens in Wien: Von den ersten Draisinen, den Hochradfahrern und Velocipedisten, der Erfindung der hierzulande so genannten »Safeties« (Niederräder mit Luft-Gummireifen) und der darauf folgenden Radeuphorie, zu den Gegebenheiten der Zwischenkriegszeit und während des Nationalsozialismus, bis hin zum Verschwinden des Fahrrades in den 1960er und 1970er Jahren und der gegenwärtigen heterogenen Fahrradkultur in Wien. Die kurz gehaltenen Beiträge geben Einblicke in verschiedene Themenfelder und disziplinäre Forschungsgebiete rund um Geschichte und Geschichten des Fahrradfahrens in Wien und deren ProtagonistInnen und streifen immer wieder auch aktuelle Diskurse. Quellen- und Literaturangaben ermöglichen eine Vertiefung der einzelnen, kurz umrissenen Themengebiete. Zudem versammelt die Publikation eine Vielzahl an historischen Bilddokumenten, Fotografien, Illustrationen, Werbegrafiken, Postkarten und Plakaten aus öffentlichen und privaten Sammlungen. Bei der Lektüre der Beiträge zeigt sich, dass das Ansehen und der Stellenwert des Fahrrades bzw. dessen NutzerInnen einem ständigen Wandel unterlag und unterliegt, aber auch, dass dessen Bedeutung über die eines einfachen Fortbewegungsmittels, Sportgeräts oder Freizeitaccessoires hinausreicht. Das Fahrrad gilt bereits seit den 1890er Jahren als Symbol von Freiheit und Unabhängigkeit. Die AutorInnen thematisieren die politische Dimension und das kritische Potenzial des Fahrradfahrens sowie dessen Einsatz als Mittel politischer Agitation und beleuchten u.a. die Geschichte vermeintlich junger Phänomene wie etwa dem Ruf nach strengeren gesetzlichen Bestimmungen für RadfahrerInnen oder Streitigkeiten um die Nutzung des Straßenraumes bis hin zur urbanen Radfahrermode. Keineswegs neu ist beispielsweise die Forderung nach einem Ausbau des Radwegenetzes. Bereits in den 1890er Jahren gab es Radwege in Wien und schon damals beklagte man ihre geringe Zahl aber insbesondere ihre mangelnde Qualität. Ebenso hat die Radwegenutzungspflicht eine mehr als 100-jährige Geschichte. Bis heute wird das Prinzip der getrennten Verkehrsströme und auch der Fahrradwege diskutiert, die Forderung nach mehr Raum für RadfahrerInnen im Straßenverkehr und einem qualitativ hochwertigen Wegenetz bleibt auch gegenwärtig bestehen. Wie bereits angesprochen beschränkt sich der Band jedoch nicht ausschließlich auf die historische Dokumentation und Untersuchung des Radfahrens in Wien, auch gegenwärtige Entwicklungen, Problem- und Fragestellungen finden Eingang. Einige AutorInnen unternehmen den Versuch einer Momentaufnahme der Fahrradkultur und der gegenwärtig herrschenden Diskussionen rund um das Fahrradfahren in Wien: So werden etwa die »neue Radkultur« (Alec Hager) und ihre AkteurInnen skizzenhaft beschrieben, (verkehrs-)politische und planerische Aspekte angesprochen und Vergleiche mit anderen europäischen Städten angestellt. Durch das breite Spektrum an Beiträgen wird das Buch Motor bin ich selbst zu einer vielschichtigen Darstellung der Geschichte der städtischen Fahrradkultur und ihrer AkteurInnen. Die fundierte Auseinandersetzung mit den Hintergründen der Kultur und dem Kult des Fahrradfahrens reicht über die derzeit allgegenwärtige Fashion- und Lifestyle-Debatte rund ums Fahrradfahren hinaus und bildet so eine durchaus willkommene Abwechslung zu Retro-Design-Fahrrädern und funkelnden Single-Speed-Bikes.


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