Elisabeth Haid


Der Berliner Schlossplatz ist geprägt durch zahlreiche Überlagerungen und Umwertungen, durch die sichtbare wie auch heute scheinbar unsichtbare Vergangenheit. Nicht zuletzt ist die Wahrnehmung dieses Ortes auch durch die sehr kontroversiell geführte, ideologisch aufgeladene Rekonstruktionsdebatte um das Berliner Schloss bestimmt. Voraussichtlich 2019 soll nun der Wiederaufbau des Stadtschlosses nach Plänen des italienischen Architekturbüros Francesco Stella, die die Nachbildung dreier barocker Fassaden und des Schlüterhofes beinhalten, abgeschlossen sein und das Humboldt-Forum als Ort der Kulturen und Wissenschaften eröffnet werden.

Um über den Entstehungsprozess und die Idee hinter dem Wiederaufbau des Schlosses sowie das Voranschreiten der Bauarbeiten zu informieren, einen Einblick in die zukünftige Nutzung des Humboldt-Forums zu geben, insbesondere aber auch um Aufmerksamkeit (und Spenden) für das Projekt zu generieren wurde bereits 2011 – zwei Jahre vor der Grundsteinlegung für das Humboldt-Forum – die Humboldt-Box als temporärer Informationspavillon auf dem Schlossplatz eröffnet. Die Gestaltung der Box geht auf einen Entwurf der Architekten KSV Krüger Schuberth Vandreike zurück und gab Anstoß zu heftiger Kritik.
z.B. Humboldt-Box, eine von Sabine Ammon, Eva Maria Froschauer, Julia Gill und Constanze A. Petrow und dem Netzwerk Architekturwissenschaft herausgegebenen Publikation, nimmt dieses umstrittene Bauwerk als Ausgangspunkt für Zwanzig architekturwissenschaftliche Essays über ein Berliner Provisorium. Der temporäre Info-Pavillon dient als Reibungsfläche für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit (zeitgenössischer) Architektur und deren Kontext und bildet den Ansatzpunkt einer vielstimmigen Beschäftigung mit Fragen, »die sich an diesem Ort als einem Exempel für die Theorie des städtischen Palimpsests entzünden« (Ammon et al.).
Der Intention des Netzwerks Architekturwissenschaft folgend, »unterschiedliche Disziplinen sowie deren Forschungspraktiken und -methoden in einen gemeinsamen Austausch« (ebd.) zu führen, vereint z.B. Humboldt-Box Texte von Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Feldern – der Architekturgeschichte und -theorie, der Landschaftsarchitektur, Architektur und Urbanistik sowie der Philosophie, Soziologie wie auch den Kultur-, Kunst- und Medienwissenschaften.
Den Einstieg bilden historische Bezüge, die Auseinandersetzung mit »Blickregimen« (Eva Maria Froschauer), mit dem umgebenden Stadtraum und mit Fragen zum Umgang mit Freiflächen, Leerstellen und Lücken. Die Landschaftsarchitektin Constanze A. Petrow lenkt den Blick auf den Freiraum und die vielschichtige und verschiedenartige Landschaftsarchitektur des Ortes. Die Architekturwissenschaftlerin Christa Kamleithner setzt die Humboldt-Box in den historischen Kontext von Informationspavillons auf Architektur- und Bauausstellungen und beschreibt die Humboldt-Box als Rückgriff auf etablierte Muster und Vorbilder – sie charakterisiert das temporäre Bauwerk allerdings weniger als Informationspavillon, vielmehr als »leeres Zeichen mit Signalcharakter«, dessen primäres Ziel es ist, Aufmerksamkeit zu erwecken.
Es folgen Beiträge, die sich mit dem Entstehungsprozessen und -bedingungen von (temporärer) Architektur, mit den diesen Bauwerken zugrundeliegenden Entwurfsprinzipien und Motiven, wie auch mit möglichen Bewertungskriterien auseinandersetzen, sowie Analysen der Bautypologie temporärer Bauwerke: der Kunst- und Medienwissenschafter Roland Meyer beispielsweise skizziert in seinem Beitrag verschiedene Formen von »Architektur-Avataren«, von »Scheinarchitekturen im städtischen Raum, die vorgeben, etwas anderes zu sein, als sie sind, und die zugleich eine konkrete Funktion als temporäre Stellvertreter und Platzhalter übernehmen«. Der Philosoph Christoph Baumberger setzt die Humboldt-Box und auch das entstehende Humboldt-Forum in Bezug zu Robert Venturis und Denise Scott Browns Überlegungen zu architektonischen Enten (duck) und dekorierten Schuppen (decorated shed) und zeigt auf, »wie eine architektonische Ente für einen dekorierten Schuppen wirbt«.
Die Wahrnehmung der Humboldt-Box aus der Perspektive verschiedener Akteurinnen und Akteure bildet einen weiteren Fokus. So nehmen uns die Autorinnen und Autoren mit auf einen Streifzug durch die »Kirmesarchitektur« der Humboldt-Box (Julia Gill) und teilen ihre Beobachtungen zum »Leben im Guckkasten«, »in der Box mit Aussicht« (Christine Neubert). Auch die Soundscapes, die Klanglandschaften des Schlossplatzes und der Box finden Eingang. Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive spürt die Romanistin Liliana Gomez Fragen der Repräsentation sowie dem Phänomen der Markierung eines Ortes durch einen Namen nach. Den Abschluss der Publikation bilden Überlegungen zu ästhetischen und ethischen Fragestellungen. Jedem der 20 Essays geht eine Abbildung, etwa in Form von Fotos, (Plan)Zeichnungen, historischen Veduten oder Video-Stills voran. Ein Fotoessay der Fotografin und Kommunikationsdesignerin Anja Nitz bildet zudem eine temporäre Momentaufnahme des Schlossplatzes zur Entstehungszeit der Publikation.
Die Autorinnen und Autoren nähern sich auf sehr unterschiedliche Weise spezifischen Fragestellungen an und werfen teilweise unerwartete Aspekte in einer auf den ersten Blick in Berlin verwurzelt erscheinenden Debatte auf.
Es lohnt sich aufgrund des breiten Spektrums an (methodologischen) Zugängen und unterschiedlichen Lesarten und der damit einhergehende Vielfalt der Beiträge, die anfängliche Skepsis, die in Verbindung mit den Begriffen Humboldt-Box, Berliner Stadtschloss, Rekonstruktionsdebatte etc. aufkommt, zu überwinden und sich auf »diese etwas andere Berliner Schloss-debatte«, auf den »essayistische Spaziergang über den Schlossplatz in Berlin« (Ammon et al.), zu dem die Herausgeberinnen des Buches einladen, einzulassen.


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