» Texte / Politische Kunst als Manifesta 8 Branding – Im Dialog mit Nordafrika

Ursula Maria Probst


Abed Anouti, The Shadow of San Antón, 2010, Dokumentarfilm. Foto: Stine Hoxbroe
Abed Anouti, The Shadow of San Antón, 2010, Dokumentarfilm. Foto: Stine Hoxbroe

Die Austragungsorte der Manifesta 8, die südostspanischen Städte Murcia und Cartagena, liegen fernab von den üblichen Kunst-Destinationen. Als europäische Biennale für zeitgenössische Kunst genießt die Manifesta unter den mittlerweile 100 Biennalen weltweit als nomadisches Projekt, als Wanderbiennale in teils entlegene Regionen Europas mit Organisationsapparat in Amsterdam einen Sonderstatus. Unter dem Leitmotiv* Im Dialog mit Nordafrika* begibt sich die Manifesta 8 in die südwestlichen Randregionen Europas und fordert zum über die Grenzen Europas blickenden geopolitischen Diskurs auf. Über 100 Künstlerinnen und Künstler wurden von den drei Kuratorenkollektiven mit ihren Projekten eingeladen. 85 Prozent davon wurden extra in Auftrag gegeben. Die Auslotung der Ränder Europas beschränkt sich nicht darauf der restriktiven EU-Migrationspolitik alternative politische oder sozioökonomische Überlegungen entgegenzustellen oder an eigenen Biografien nachzuzeichnen, sondern forciert durch Kooperationen mit dem Nachrichtensender Al Jazeera und mit KünstlerInnen und KuratorInnen aus Afrika den Austausch. Wie die jüngsten Demonstrationen und Regierungsumstürze in Tunesien und Ägypten zeigen, handelt es sich um eine längst überfällige Auseinandersetzung. Die Städte Murcia und Cartagena sind dafür sehr gut gewählt, nicht zuletzt weil die Migrationsachsen aus Nord- und Westafrika hier Knotenpunkte bilden.
Drei Millionen Euro hat die Region von Murcia zur Manifesta 8 beigesteuert. Der zuständige Kultur- und Tourismusminister Pedro Alberto Cruz erhofft sich durch die Manifesta 8 eine Öffnung der Region zu Europa und einen nachhaltigen Kulturtourismus. Die Region von Murcia ist, obwohl sie zu den trockensten Gebieten Europas zählt, durch künstliche Bewässerung stark landwirtschaftlich genutzt und eine der größten europäischen Produzentinnen von Obst, Gemüse und Blumen. Nach Berechnungen des WWF sind für die Bewässerung einer Plantage im Jahr eine Million Kubikmeter Wasser nötig – der jährliche Verbrauch einer Kleinstadt. In der Stadt Murcia herrscht akuter Wassernotstand. Die Bewirtschaftung der Plantagen erfolgt großteils durch MigrantInnen aus Marokko zu schlechten ökonomischen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen. Weder Murcia noch Cartagena verfügen über ein vielfältiges Kulturangebot, die dafür vorhandenen Institutionen sind schnell überblickbar und in die Programmierung der Manifesta 8 einbezogen. Locations wie ein altes Artillerielager, ein ehemaliges Postamt in Murcia oder das stillgelegte San Antón-Gefängnis in Cartagena sowie ein Sozialzentrum am Rande des Hafens werden zu temporären Kunstdistrikten erklärt. Es wird empfohlen, durch die großen Distanzen zwischen den insgesamt 14 Destinationen ein Auto zu mieten, wer allerdings ein urbanes Gefühl für die zwei Städte entwickeln will, nimmt lieber den Bus. Cartagena ist als Marine- und Hafenstadt die größte Marinebasis an der spanischen Mittelmeerküste und 40 Minuten von Murcia entfernt.
Im Dialog mit Nordafrika greift gleichzeitig ein Thema auf, das derzeit vor allem von PolitwissenschaftlerInnen intensiv diskutiert wird: Welche Parallelen existieren in der Geschichte und in Ideologien zwischen postkommunistischen Ländern und post-kolonialen Nationen? Die drei Kuratorenkollektive haben jeweils spezielle Konzepte entwickelt: Das auf südosteuropäische Kunstprojekte spezialisierte Netzwerk tranzit reflektiert kritisch die eigene kuratorische Tätigkeit und erstellt 44 Punkte eines Fairplay-Konzepts. Nach einem basisdemokratischen Modell sollen beispielsweise Aufteilung des Budgets, Zuteilung der Räume, Öffnungszeiten, Einbeziehen des Publikums mit den ausgewählten KünstlerInnen gemeinsam entschieden werden. Paradoxerweise sahen einige der Teilnehmer sich dadurch in ihrer »künstlerischen Freiheit« bedroht. Die vom Alexandria Contemporary Arts Forum entwickelte »Theory of Enigmatics« fokussiert das Kunstsystem als solches mit der Absicht, dem kollektiven Unbewussten in der Kunstwelt nachzuspüren. Das Kuratorenkollektiv Chamber of Public Secrets plädiert für eine Ästhetik des Journalismus und dafür, dass die Medien Teil der Manifesta werden. SchriftstellerInnen, NeuropsychiaterInnen, MedienproduzentInnen und DokumentarfilmerInnen wurden eingeladen mit dem öffentlichen Fernsehsender 7 Región de Murcio, dem Radio Onda Regional de Murcia und der wichtigsten regionalen Tageszeitung La Verdad de Murcia Beiträge zu gestalten und dadurch die Medienräume zu öffnen.
Der Künstler Thierry Geoffry geht in seiner Installation Colonel (2010) in die Offensive und stellt wiederum an die Kuratorenkollektive die Frage: »Warum haben sie den Titel ‚Dialog mit Nordafrika‘ gewählt? Ist da ein Traum? Ablenkung? Propaganda? Eine (abstrakte) Fragestellung? Eine Strategie (EU)?« Den ihm zur Verfügung gestellten Raum im Gefängnis San Antón bezeichnet er als »Penetration Space« und stellt diesen wiederum KünstlerInnen aus Nordafrika zur Verfügung. Als Spurensuche der Geschichte des Gefängnisses San Antón während der Franco-Diktator gestaltet der libanesische Dokumentarfilmer Abed Anouti seinen Film The Shadow of San Anton (2010). Vergeblich sucht er dafür nach Unterlagen, kaum jemand in Cartagena ist dazu bereit über seine Erinnerungen zu sprechen, er interviewt dafür Gefängnisdirektoren und Historiker. Gleichzeitig stellt er Parallelen zu dem von ihm selbst erlebten Bürgerkrieg im Libanon her. Laut Abed Anouti existiert hier im Unterschied zu Spanien allerdings eine Bereitschaft, sich dem Trauma zu stellen. Pathologien individueller Freiheit rücken so in ein anderes Licht. Im Video Madame Plaza (2009) von Bouchra Ouizguen bewegen sich Frauen barfuß tanzend im Zeitlupentempo und wölben währenddessen würdevoll ihre Bäuche. Es sind Profi-Tänzerinnen – Aitas, die in Marokko für Feste, Hochzeiten und Beerdigungen eingeladen werden. Während sie einst Kultstatus genossen und verehrt wurden, sind sie heute vom gesellschaftlichen Absturz bedroht und verdienen ihren Lebensunterhalt in Nachtklubs. Dieses Video hinterfragt die Widersprüchlichkeiten des Frauenbildes in der islamischen Gesellschaft.


Manifesta 8
Im Dialog mit Nordafrika
9.10.2010 – 9.1.2011
kuratiert von Alexandria Contemporary Arts Forum – ACAF (Bassam El Baroni und Jeremy Beaudry),
Chamber of Public Secrets – CPS (Alfredo Cramerotti und Khaled Ramadan) und tranzit.org (Zbynek Baladrán, Vít Havránek, Dóra Hegyi, Boris Ondreicka und Georg Schöllhammer) \ http://www.manifesta8.com


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